Jeder, der will, kann die Eigenschaft „Islam“ oder „islamisch“ für seinen Verein, Verband, Unternehmen, Bewegung oder auch den Staat verwenden. Es gibt keine Instanz in der Welt, die darauf achtet, ob diese Eigenschaft im Namen auftauchen darf oder nicht. Es gibt aber auch keinen „TÜV“, der überprüft, ob eine Institution diesem Namen gerecht wird oder nicht. Insofern haben wir, wie das aktuelle Beispiel der Terrormiliz IS (Islamischer Staat) zeigt, ein globales Chaos und einen inflationären Gebrauch der Begriffe „Islam“ und „islamisch“. Darunter leidet am meisten die Religion selbst und seine über 1,5 Milliarden Anhänger. Es ist auch ein Feld, mit der sich nur wenige Wissenschaftler beschäftigen, so dass es auch keine wissenschaftliche Autorität gibt, die verbindliche Aussagen zum Thema treffen kann.

Die Frage, wie sehr sich nun die sogenannten islamischen Staaten und Bewegungen an die Vorgaben des Islam tatsächlich halten, ist nicht nur ein theologisches, sondern mittlerweile auch ein politisches Problem. Viele Muslime sehen sich in einer nicht selbst verschuldeten Zwickmühle, in der sie Zustände und Ereignisse erklären und entschuldigen müssen. Gerade seit den Terroranschlägen des 11. Septembers hat dieser Zustand zu einer Stigmatisierung des Islam und der Muslime geführt, bei der oft die Zunahme der persönlichen Religiosität mit Extremismus, wenn nicht sogar mit Gewalt gleichgesetzt wird.

Verdienen die Staaten mit überwiegend muslimischer Bevölkerung die Eigenschaft „islamisch“? Dieser Frage sind zwei Professoren der renommierten George Washington Universität in der Studie „How Islamic are Islamic Countries?“ („Wie islamisch sind islamische Staaten?“) nachgegangen. Basierend auf dem Koran und der Sunna haben sie einen Katalog an Vorgaben des Islams für gutes staatliches Handeln ausgearbeitet und insgesamt 208 Staaten danach bewertet, wie „islamisch“ sie handeln. Das Ergebnis überrascht – oder auch nicht.

Scheherazade S. Rehman und Hossein Askari sind zwei Professoren für Internationale Finanzen, Wirtschaft und Politik an der Elliott School of International Affairs der renommierten George Washington Universität, die laut der Zeitschrift Foreign Policy eine der zehn besten Universitäten für Internationale Politik ist. Sie forschen seit Jahren über die Politik und die Wirtschaft des Nahen Ostens und berieten Regierungen (u.a. auch die türkische Regierung) und internationale Organisationen wie die Weltbank.

Interesse am Islam steigt nach 9/11

In der Zeit nach dem 11. September, so die anerkannten Akademiker, haben sie ein ansteigendes Interesse am Islam beobachten können, doch missverständlicherweise werde der Islam „nach dem Handeln sogenannter Muslime bewertet und nicht nach den Lehren in Koran und der Sunna“. Aus diesem Grund entschieden sie der Frage nachzuforschen, inwieweit Staaten, die sich als islamisch bezeichnen, auch wirklich die Lehren des Islams in ihrem Handeln befolgen. Anders gesagt wollten Rehman und Askari herausfinden, „ob Staaten und Regierungen ihrem Anspruch, islamisch zu sein, gerecht werden oder ob dies lediglich leere Worthülsen sind“.

Zur Erinnerung: Der Organisation of Islamic Cooperation, OIC (Organisation für islamische Zusammenarbeit), also dem Zusammenschluss der Länder, in denen Muslime einen großen Teil der Bevölkerung darstellen, gehören 57 Staaten an. Sieben dieser Staaten bezeichnen sich offiziell als eine „Islamische Republik“ und weitere zwölf haben den Islam als offizielle Staatsreligion deklariert.

In ihrer 2010 in der Zeitschrift Global Economy Journal erschienenen Studie „How Islamic are Islamic Countries?“ arbeiten die beiden Professoren daher zunächst einen Katalog an Indikatoren aus, also an Merkmalen und Eigenschaften, die der Islam für das Handeln eines Staates vorgibt. Als Quelle verwenden sie hierbei ausschließlich den Koran und die Sunna. Diese Indikatoren teilen die Autoren in vier Kategorien ein: (1) Wirtschaft, (2) Recht & Staatsführung, (3) Menschen- und Bürgerrechte und (4) Internationale Beziehungen.

Die erste Kategorie umfasst islamische Richtlinien zu wirtschaftlichen Belangen eines Landes. Hierzu gehören beispielsweise Korruptionsbekämpfung, soziale Gerechtigkeit, Abschaffung von Zinsen, faire Löhne, angemessene Arbeitsbedingungen, die Gültigkeit von Verträgen und Schutz des Eigentums. In der zweiten Kategorie sind Normen wie Rechtsstaatlichkeit, Transparenz, unabhängige Justiz, politische Stabilität, Verzicht auf unverhältnismäßige Gewaltanwendung wiederzufinden. Die dritte Kategorie beinhaltet Bestimmungen wie politische Freiheiten, Partizipationsmöglichkeiten, allgemeine Menschenrechte, Frauenrechte, Rechte von Minderheiten. In der vierten Kategorie sind Indikatoren wie Beziehungen zur Staatenwelt, Beitrag zum Umweltschutz, aufgelistet.

Der Islamicity-Index

Diese Indikatoren fassen Rehman und Askari im zweiten Teil ihrer Studie zu einem Index zusammen, den sie Islamicity-Index nennen. Anhand dieses Indexes bewerten sie insgesamt 208 Länder danach, wie konform ihr staatliches Handeln mit den islamischen Werten ist und erstellen so ein Ranking. Das Ergebnis überrascht: Islamische Werte werden in nicht-islamischen Staaten viel besser umgesetzt als in islamischen Ländern, denen es misslingt, die Werte ihres eigenen Glaubens in Politik, Wirtschaft, Recht und Gesellschaft umzusetzen.

Das Ranking wird angeführt von Neuseeland (1.), Luxemburg (2.) und Irland (3.). In den Top 10 taucht kein einziges Land mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung auf. Deutschland befindet sich auf Platz 17, noch vor den USA (Platz 25) und allen „islamischen“ Staaten. Das erste „islamische“ Land in der Liste ist Malaysia auf Platz 33, gefolgt von Kuwait auf Platz 48. Die Türkei befindet sich weit abgeschlagen auf Platz 103 – ganze 42 Plätze hinter Israel (Platz 61). Staaten wie der Iran (Platz 163) oder Saudi Arabien (Platz 131), die sich gerne als Inbild eines islamischen Staates präsentieren, versagen, geht es nach der Studie, gänzlich darin, die islamischen Standards einzuhalten.

Es sind jedoch nicht nur einzelne „islamische“ Staaten, die schlecht abschneiden. Islamische Länder scheinen ihr Handeln ausnahmsweise einmal aufeinander abgestimmt zu haben, denn sie versagen im Kollektiv. Das durchschnittliche Ranking eines OIC-Staates ist Platz 139. Das durchschnittliche Ranking eines der 30 Mitgliedsstaaten der OECD, also der Gemeinschaft der Industrienationen, ist hingegen Platz 25.

Industrieländer besser platziert als Schwellenländer

Auffällig ist, dass eine entwickelte Wirtschaft mit einer besseren Platzierung auf dem Ranking korreliert. Industrieländer schneiden also besser ab als Schwellenländer, welche wiederum besser platziert sind als „unterentwickelte“ Staaten. Die Autoren stellen zwar keine Kausalität zwischen der Konformität eines Staates mit islamischen Richtlinien und ihrem wirtschaftlichen Erfolg her. Sie betonen jedoch, dass staatliches Handeln nach den Lehren des Islam mit einer guten Staatsführung konform ist. Die Autoren kommen auch zu dem Ergebnis, dass die vom Islam vorgegebenen Richtlinien größtenteils mit Good Governance-Vorgaben internationaler Organisationen wie denen der Vereinten Nationen (UN) übereinstimmen. Good Governance („gute Staatsführung“) wird in der politischen Ökonomie als Voraussetzung und Rahmenbedingung für die nachhaltige Entwicklung von Staaten angesehen. Sie gibt u.a. Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung vor, welche laut den Autoren auch zu den Grundanforderungen des Islam an den Staat gehören.

Kritik an den Indikatoren der Kategorie Wirtschaft ist aber dennoch nötig. So fließen in die Bewertung der Effektivität des wirtschaftspolitischen Agierens eines Staates statistische Größen wie das Pro-Kopf-Einkommen, die jährliche Inflationsrate oder der Entwicklungsindex der UN (UNHDI) ein. Des Weiteren kann kritisch angemerkt werden, dass zu viele analoge wirtschaftsliberale Richtlinien in den Indikatorenkatalog aufgenommen wurden. So werden beispielsweise „fiskalische Freiheit“, „Investitionsfreiheit“ und „Besteuerungsniveau“ jeweils gesondert aufgelistet. So kann in beiden Fällen eine (leichte) Verzerrung des Rankings zu Gunsten westlicher Industrienationen festgestellt werden.

Rehman und Askari erheben mit ihrer Studie keineswegs einen Absolutheitsanspruch. Sie rufen Wissenschaftler und Akademiker dazu auf, ihre Studie kritisch zu überarbeiten und weiterzuentwickeln. Sie möchten lediglich eine Debatte anstoßen. Denn trotz der Schönheitsfehler wahrt die Kernaussage dieser Studie ihre Gültigkeit: Islamische Lehren werden von westlichen Staaten, ohne sich dessen bewusst zu sein, viel besser umgesetzt als von sogenannten islamischen Staaten. Diese versagen einheitlich darin, den Standards ihres eigenen Glaubens gerecht zu werden.

Diese Studie bietet Grundlage für zwei überfällige Debatten: Eine nüchterne in der westlichen Welt über „islamische“ Werte und eine ernsthafte in der islamischen Welt über „westliche“ Werte. Im Anschluss werden wohl nicht wenige zu dem Fazit kommen, zu dem auch der ehemalige deutsche Diplomat Murad Wilfried Hofmann – Muslim und Kenner beider Welten – in seinem Tagebuch eines deutschen Muslims niederschrieb: „In der islamischen Welt gibt es viele Muslime, aber wenig Islam. In der westlichen Welt gibt es wenig Muslime, aber viel Islam.“