Die Geschichte begab sich zu Beginn der 70er Jahre in der libyschen Hauptstadt Tripolis, irgendwo zwischen Suq al Dschum’a und Ghot Asch-Schaal. Oberst Qaddhafi hatte wenige Jahre zuvor die Macht an sich gerissen, amerikanische Firmen mussten langsam das Land verlassen, und Qaddhafi zwang die Amerikaner sogar, ihren Soldatenfriedhof aus den libysch-amerikanischen Kriegen, den sogenannten Korsarenkriegen an der „Piratenküste“ Libyens, abzureißen und die Toten in die USA umzubetten.

Nichtsdestotrotz lief in Libyen das religiöse Leben weiter, zumindest, was die Feiertage betraf. Nun waren es nur noch einige wenige Tage bis zum Opferfest, die Familien, die es sich leisten konnten, hatten schon ihr Opferlamm in ihren Höfen stehen. Einmal im Jahr sollte es Fleisch zu essen geben. Die Aussicht auf ein herrliches Fest mit der Familie und den vielen Freunden elektrisierte die Menschen und schuf dieses kaum zu beschreibende Gefühl der Vorfreude in den Straßen.

So auch in der Familie von Scheich Bashir Dultz, eines Deutschen, der seit 15 Jahren in Libyen lebte. Die Kinder hatten das Schaf mit bunten Wollschnüren und kleinen Glöckchen geschmückt, trieben es, wenn die Langeweile in Übermut umschlug, johlend durch die Straßen und fütterten es den ganzen Tag mit allen möglichen und unmöglichen Dingen, wie Zeitungspapier, Schokolade oder Bonbons. Schließlich sollte das Schaf ja schön, dick und rund zum Opferfest erscheinen. Und das Schaf fraß auch seiner Natur entsprechend – gänzlich unreflektiert.

Das Drama nimmt seinen Lauf

Nach bereits drei Tagen schien das Schaf allerdings die Freude an dem ungewöhnlichen Sport und der merkwürdigen Nahrung verloren zu haben. Schlimmer noch: Es erhob sich ein mitreißendes Klagen und Weinen der Kinder aus dem Hof von Scheich Bashir, denn die wollene Kreatur lag auf dem Rücken, alle Viere nach oben, sein Bauch war bis zum Zerbersten geschwollen. Es war dem Tode nah. Sollte jetzt das Fest ausfallen, sollte jetzt keine Freude herrschen und es für die ganze Familie kein Fleisch geben? Die Hilflosigkeit der Kinder paarte sich mit der bitteren Einsicht, alles falsch gemacht zu haben.

Da schaute der Nachbar, Abdu-l-Halim, ein hochbetagter Greis, der sein Augenlicht im Kampf gegen die italienischen Neokolonialisten verloren hatte, über die Mauer und fragte nach dem Stand der Dinge. Man sagte ihm, was vor sich ging. Mittlerweile hatte sich eine größere Menschenmenge auf den Hof versammelt. Der alte Scheich sagte: „Moment, meine Kinder, ich bin gleich wieder da!“ Er verschwand und erschien nach wenigen Augenblicken mit einer großen Flasche Pepsi Cola.

Pepsi war noch erlaubt in Libyen, Coca Cola hatte Qaddhafi verboten.

Er ging zu dem halbtoten Tier und flößte ihm die zuckrige, schwarze Flüssigkeit ein. Nach wenigen Momenten riss das Schaf die Augen auf, wohl vom Zuckerschock, in seinem Leibe begann es zu grummeln und zu knirschen und es geschah, was geschehen musste: Das Schaf wand sich unter Qualen und entleerte sich furios aus allen Körperöffnungen und in alle Himmelsrichtungen, die der unendlich große Gott erschaffen hatte und trippelte alsbald wieder bähend und bimmelnd auf der Fläche herum.

Das Fest war gerettet

Die Kinder wie auch alle Erwachsenen auf dem Hof rissen ihre Arme in die Höhe und riefen, ja schrien „Allahu Akbar, Allahu Akbar, das Eid ist gerettet!“, welch eine Lösung dieser schier aussichtslosen Situation!

Schließlich saßen die beiden Scheichs in ihren weißen Djallabas und farbigen Westen nach dem überstandenen Abenteuer ruhig gestikulierend unter einem Baum in der Ecke des Hofes, bei einem guten Glas rotem Tees, ganz so, wie dies Nordafrikaner seit Jahrtausenden zu tun pflegen, und ließen das Erlebte nochmals an ihrem geistigen Auge vorüberziehen. Schließlich sprach Scheich Abdu-l-Halim: „Das schwarze Getränk des weißen Mannes ist zu nichts zu gebrauchen, außer zur Rettung unserer halbtoten Schafe…“