Islamophobe und ihre Verschwörungstheorien

Es sei dahingestellt und möglicherweise wissen es auch nur die Beteiligten selbst, welchen Sinn die Entscheidung der Lafayette Elementary School in Seattle, Washington, machen soll, Schülern am 31. Oktober das Erscheinen in Halloween-Kostümen zu verbieten. Die offizielle Begründung des Lehrerkollegiums lautete, es wäre an diesem Tag nur halbtägig Unterricht und das Umziehen würde zu viel an produktiver Zeit kosten. Einige Kinder reagierten mit Tränen auf die Anordnung, einige Eltern kritisierten, auf diese Weise verbiete man Kindern, Kinder zu sein.

Den wahren Grund hinter dem Gebaren des Schulkollegiums meint jedoch Robert Spencer herausgefunden zu haben, seines Zeichens hochrangiger Kleriker der in westlichen Ländern heute weit verbreiteten apokalyptisch orientierten Ersatzreligion namens „Islamkritik“. Er legte auf seinem islamophoben Blog „Jihad Watch“ mit dem Brustton der Überzeugung dar, dass die Verkleidungen untersagt worden wären, weil sich Schüler aus anderen Kulturen angegriffen fühlen könnten. Zwar musste er selbst einräumen, dass es keine Hinweise auf Proteste muslimischer Eltern oder Gruppen gegeben hätte, er und einige seiner Gesinnungsgenossen warfen der Schule jedoch schon mal vorsorglich vor, „Dhimmi auf eigene Initiative“ zu spielen und deshalb gezielt amerikanische Kultur auszuhöhlen.

Keine Ahnung über die eigenen Traditionen

Nun wird man tatsächlich zumindest keine gläubigen Muslime finden, die Halloween feiern. So wie Juden kein Weihnachten feiern, weil es nun mal nicht zu ihren religiösen Überzeugungen passt und ihren Traditionen widerspricht. Die Annahme, dass hinter Weigerungen, diesen Brauch zu begehen, zwingend islamische oder gar djihadistische Motive stehen müssen, offenbart jedoch, dass Islamophobe wie Robert Spencer offenbar nicht einmal über Grundlagenwissen über amerikanische Kultur, amerikanische Traditionen und deren Herkunft zu verfügen scheinen.

Das auf die Zeit der Kelten zurückgehende Samhain-Fest, ein heidnisches Erntedankfest, wurde im achten nachchristlichen Jahrhundert durch den damaligen Papst Gregor III. als „Fest aller Heiligen“ auf den 1.November gelegt. Die keltisch-heidnischen Vorstellungen über die Seelen der Verstorbenen, die am Vorabend dieses Tages für eine Nacht in ihre Häuser zurückkehren sollen, konnten sich jedoch vor allem in den katholischen Gegenden halten, da die Katholische im Zuge ihrer Missionstätigkeit zahlreiche heidnische Feste übernommen und mit christlichen Deutungen versehen hatten. Halloween und ähnliche Bräuche verbreiteten sich durch irische Einwanderer in den . Vor allem popularkulturelle Einflüsse führten dazu, dass sich das später vor allem als spezifisch amerikanischer Brauch angesehene Halloween als Re-Import auch in Europa wieder ausbreitete.

Es gibt diesseits wie jenseits des Atlantiks zahlreiche Persönlichkeiten und Gruppen, die öffentlich gegen das Feiern von Halloween und die damit zusammenhängenden Bräuche auftreten. In Europa sind es nicht selten nationalistische oder kulturalistische selbsternannte Kämpfer gegen eine angebliche „Amerikanisierung“ und von ihnen so genannten „Kulturimperialismus“. Auch Politiker äußern bisweilen ihren Unmut über Vandalismus im Zusammenhang mit so genannten Halloween-Streichen.

Vor allem Protestanten lehnen Halloween ab

Auch spezifisch religiös motivierter Widerstand gegen Halloween ist verbreitet, allerdings geht dieser in aller Regel nicht von Muslimen aus, sondern in erster Linie von protestantischen , die zum einen parallel zum wachsenden Zuspruch zu Halloween den Bedeutungsverlust ihres Reformationstages erleben, zum anderen in der Feier okkulte Praktiken erblicken und sie aus diesem Grund als Gefahr betrachten.

Der evangelikale Prediger Pat Robertson forderte sogar christliche Gläubige auf, Halloween-Feiern zu verhindern, wo immer es ihnen möglich wäre. Er wolle nicht, dass christliche Kinder sich wie Hexen kleiden, verwies auf Menschenopfer durch die Druiden und meinte, Kinder würden in satanischen Ritualen teilnehmen, ohne es zu wissen.

Innerhalb der jüdischen Community ist die Teilnahme an Halloween-Feiern umstritten. Während konservativere Rabbiner sie ablehnen und dazu aufrufen, jüdischen Kindern stattdessen die Bedeutungen der eigenen religiösen Feste noch stärker bewusst zu machen, tolerieren es reformorientiertere Juden durchaus, wenn ihre Kinder um des sozialen Kontakts zu den anderen Willen bei Zug von Tür zu Tür mitgehen.

Angesichts des Tropensturms „Sandy“ wurde übrigens die für heute geplante traditionelle Parade zu Halloween im Greenwich Village von New York City abgesagt. Jihad Watch dürfte derweil noch am Recherchieren sein, ob nicht der Sturm einen radikalislamischen Hintergrund haben könnte.
Christian Rogler