Istiklal Caddesi in Istanbul bei Nacht

Die Autorin der folgenden Zeilen hat den gescheiterten Militärputsch in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli vor Ort, im Herzen Istanbuls, miterlebt. Sie beschreibt die Ereignisse aus der dritten Person in ihrem „Tagebuch der kleinen Hanım“, in welchem sie ihre Erlebnisse, Eindrücke und Gefühle während ihrer Zeit in der Türkei verarbeitet. Wir lassen sie hier zu Wort kommen und geben eine subjektive, aber umso authentischere Erzählung eines Einzelschicksals während einer historischen Nacht wieder.
Ein Gastbeitrag von F. Erdem

 


 

~ Aus dem Tagebuch der kleinen Hanım ~

Es ist Freitagmittag. Kein Wecker, kein Termin. Es waren die Geräusche von der Straße, die die kleine Hanım geweckt hatten. Sie stand auf und setzte erst einmal Kaffee auf. Dann suchte sie etwas zu schreiben. Die Wohnung war geräumig. Sie gehörte einem Freund, der gerade arbeiten war. Sie kannte ihn von damals, ÖDTÜ-Zeiten (die Technische Universität des Nahen Ostens in Ankara, Anm. d. Red.). Sie ließ sich auf die Couch fallen, kritzelte auf dem Notizblock, der vor ihr lag. Die Träume der vergangenen Nacht und dann noch einige Skizzen für die bevorstehende Arbeit. Das Wasser für den Kaffee war schon längst fertig. Sie stand auf. Die Sonne schien durch die weit geöffneten Fenster. Die Gardinen wehten im seichten Takt, fast schon versöhnlich mit der Hektik draußen.

Sie döste noch ein wenig, bevor der schwierigste Teil gelöst werden wollte: Die Entscheidung, ob sie später am Nachmittag nach Ankara zu ihrer Familie fahren sollte oder nicht. Vor zwei Tagen hatte sie einen kleinen Abstecher von Bodrum hierher gemacht, bevor es weiter nach Athen gehen sollte zu Freunden, oder – wie sie ihre Nachbarin nannte – zu den „Wahlverwandten“. Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Ihre Omi und der Papa waren in Ankara, sie hier. Und es gab keinen besonderen Anlass, aber die Stadt war ihre Stadt. Sie liebte Istanbul. Sie wollte die Ausstellung im SALT besuchen und bei Gelegenheit sich nach Jobs umschauen. Sie überlegte … auch den Cousin vermisste sie…. Sie wägte ab. „Der Freund hat recht“, sagte sie sich schließlich. „Es bringt nichts, die Strapazen auf sich zu nehmen. Lange unbequeme Fahrtstunden, späte Ankunft. Niemand hätte was davon, wenn sie für einen Tag käme. Der nächste Flug geht schon am Sonntag nach Athen. Es wäre zu stressig.“ Außerdem wusste sie, dass der Freund, bei dem sie blieb, sich darüber freuen würde, wenn sie mehr Zeit in Istanbul verbringen würde, um mit ihm einige Bars abzuklappern. Die Entscheidung war getroffen.

Statt zum Busbahnhof, ging sie zum Markt.

Schön war es hier! Lebendig, viele Müßiggänger und Künstler, die Menschen blühten vor Lebensfreude. Das vermisste sie manchmal in Berlin. Während der Freund auf Arbeit war, wollte sie dort einkaufen und als Dankeschön für die Gastfreundschaft bei ihm kochen: Fisch. Dazu Rakı, Salat und frisches Brot. Sie war sich sicher, er würde sich freuen. Er wusste ja nichts von ihrer Entscheidung. Als sie nach Hause kam, hatte er sich hingelegt. Immerhin hatte er einen langen Arbeitstag, mehrere Unterrichtseinheiten, zudem war es schwül und heiß draußen. An seiner statt, begrüßte sie die Musik von Pink Flloyd. „Eine gute Entscheidung, nicht gefahren zu sein“, sagte er dann, als er das Rascheln der Tüten hörte und sich streckte. Er wusste nichts von ihrer Entscheidung. „Es wäre zu anstrengend für dich gewesen, für einen Tag hinzufahren … Und das mit dem Fisch sollten wir uns für morgen Abend aufheben. Da ist dein letzter Abend in Istanbul. Da machen wir dann einen auf ruhig. Heute Abend sollten wir raus in Richtung europäische Seite. Da war ich schon lang nicht mehr. Außerdem will ich mal wieder mit der Fähre fahren. Das ist immer schön und die Luft tut gut.“

Sie willigte ein. Diese Entscheidung war fatal.

Es war nach 9 Uhr abends und schon dunkel, als sie am Steg standen. Die winzigen Lichter auf der gegenüberliegenden Seite blinzelten ihnen zu und hießen sie willkommen. Als sie auf die Fähre gingen, waren Musiker an Bord, die mit dem Wind um die Wette spielten. „Was machen wir? Wollen wir mit der Metro zum Zentrum fahren?“ Immerhin hatten sie Hunger. Nachdem sie ausgestiegen waren, schlenderten sie an den vielen Fischrestaurants vorbei. Auf dem Weg telefonierte er kurz mit einem Freund, um zu erfahren, wo der eine Kebapladen ist. „In irgendeiner Seitenstraße der Istiklal Caddesi“, hieß es. Er müsse nachschauen und würde sich nochmal melden.

Sie gingen zur Istiklal Cd. Die kleine Hanım wollte noch kurz beim Salt-Ausstellungsraum vorbeischauen und dann ein Geschenk für die Freunde in Athen besorgen.

Die Anschläge der letzten Monate machten sie nachdenklich. Gerade in dem Moment als sie inmitten der Straße spazierten. Auch wenn sie nicht davon ausging, dass jetzt gerade etwas passieren würde: Mit Glück und richtigem Timing war sie in den letzten Monaten zwei Anschlägen „entkommen“. So kam es ihr zumindest vor. Einmal in Paris im November, als sie schon 2 Tage vorher abgeflogen war und im März in Ankara. Zum Zeitpunkt der Explosion war sie auf dem Weg zum Flughafen. Der Vater hatte sie gefahren und war auf dem Rückweg in der Stadt mit dem Auto unterwegs, als es passierte. Damals war ihr schlecht. Der Freund in Frankreich, bei dem Sie blieb, wohnte nur knapp 1 km vom Bataclan und war dort in der Gegend oft unterwegs mit ihr. Er hat 2 Freunde verloren. Vom Anschlag im März erfuhr sie erst bei Verlassen des Flughafens. „Was, wenn Papa etwas zugestoßen wäre? Ich muss meine Cousins anrufen, die sind öfters unterwegs, in Bars, einkaufen. Eine Freundin steigt dort immer um. Was ist mit ihr?“. Gedanken wie diese prägten sich ein. Nach solchen Vorfällen wird man zwar nicht paranoid, aber doch ein wenig vorsichtig.

Dementsprechend ist die kleine Hanım mit dem Freund die Istiklal Cd. etwas zügiger als sonst hoch gelaufen. Der Abstecher in die Seitenstraße zum Second Hand-Laden kam ihr dabei sehr gelegen; es war eine Offenbarung: Sonnenbrillen, Taschen, Lederjacken… alles eroberte Schätze der 90er. Nach einem kurzen Plausch mit dem Besitzer und einem Erinnerungsfoto vor der Eingangstür verabschiedeten sie sich. Sie wollte am nächsten Tag nach der Ausstellung nochmal vorbeischauen und die Sonnenbrille kaufen. Als sie die Straße zurück liefen, klingelt das Handy. Der Freund von vorhin. Statt der Adresse des Kebapladens erzählte er knapp etwas von der Brücke, die gerade gesperrt wurde. Möglicherweise ein Militäreinsatz, spekulierten die Nachrichten.

Von Putsch sei die Rede … Wo genau sie seien, wollt er wissen. Der Kumpel entgegnete mit einem Lächeln. Locker war er und gesprächig. Die kleine Hanım dagegen nicht. Sie wollte Genaueres wissen: „Ein Militäreinsatz um die Zeit?“, fragte sie, „Wenn das mit dem Putsch mal doch nicht stimmt.“ Dabei hatte sie vor ihrem Urlaub noch Scherze gemacht, als sie in Berlin im Copyshop die Tickets ausgedruckt hatte: „Na mal schauen, ob ich aus Istanbul auch heil zurückkomme. So viel Glück, wie ich bisher hatte…wird schon schiefgehen.“

Die Stände auf der Istiklal verkauften weiterhin ihre Ware. Die Musiker spielten. Noch. Viele Passanten schauten auf ihre Handys, scrollten. Zunächst dachte sie, es sei das Pokemonspiel, das erst kurz zuvor lanciert wurde. Aber auch ältere Männer? Standbesitzer, die sich nicht mal vom Fleck wegbewegten? Absurd. Vielleicht stimmte es ja doch.

Sie dachte „ Ruhig Blut“, er sagte „Rahat olalım“.

Sie beschlossen, erst einmal etwas zu essen. Der Kebapladen war nur einen Katzensprung von der Istiklal Cd. entfernt. Dort gab es immerhin einen Fernseher. Und den besten Kebap der Stadt! Also war der Plan klar: Essen und Nachrichten schauen. Abgesehen vom Hunger, der sonst üblicherweise ihre Gehgeschwindigkeit diktierte, war es diesmal die Unruhe selbst. Als sie ankamen, war es nach 23 Uhr. Sie bestellten. Vermehrt stellten sich einige vor den Fernseher. Die kleine Hanım machte dabei einen Scherz, den die anderen Gäste wahrscheinlich weniger appetitlich empfanden: „Ha, jetzt fehlt nur noch ein Anschlag um die Ecke. Wäre doch der perfekte Zeitpunkt und der geeignete Ort.“

Und so kam es dann auch 2 Minuten später. Einige Straßen weiter war ein Knall zu hören. Ein Schuss, eine Explosion oder doch nur ein Unfall? Sie wussten es nicht. Der Verkehr stockte und Menschen liefen in ihre Richtung. Als die kleine Hanım sich umschaute, sah sie, wie Touristen mit ihren Koffern vor dem Hotel standen und sich um das eine Taxi stritten. Zu viele Leute, die weg wollten, zu wenige Taxis die zu dem Zeitpunkt fuhren. Das war Wendepunkt, die forcierte stoische Ruhe, die beide um jeden Preis bewahren wollten, war endgültig vorbei.

Sie ließ den Kebap liegen: „Lass mal gehen. Sofort.“ Er bezahlte. Sie beschlossen, zur Fähre zu laufen. Musiker und Ladenbesitzer, die noch vor 15 Minuten da waren, hatten bereits die Bordsteine hochgeklappt. Auf dem Weg, rieten einige Passanten davon ab, weiter in diese Richtung zu laufen. Die Straßen seien bereits blockiert. „Von der Armee“, hieß es. Zu dem Zeitpunkt war es kurz vor Mitternacht. Von der Fähre abgesehen, fuhren keine Taxis und keine Busse mehr.

Kurze Pause in der Seitenstraße. Sie war froh, sich an dem Abend für die Turnschuhe entschieden zu haben. Der angedachte Spaziergang war zum Spießrutenlauf geworden. Das schlimmste war, sie wussten nicht einmal, wovor sie wegliefen und wohin sie gehen sollten. Sie hörten von überall etwas, aber sahen absolut nichts. Keine Soldaten, keine Waffen, keine Panzer. Dennoch, die gesamte Luft war gefahrengeschwängert.

Er telefonierte kurz mit Freunden, die in der Nähe wohnten. Sie nutzte die Zeit, um die vielen SMS zu beantworten, die inzwischen von Freunden und Familie kamen: mit Ausrufezeichen. Falls in Istanbul, solle sie zuhause bleiben, nicht rausgehen. „Militärputsch….mach, dass du da weg kommst!“

… Tja sie saßen fest. Irgendwo in einer Seitenstraße inmitten der Istiklal. Das schrieb sie aber nicht. Es blieb keine Zeit für lange Nachrichten.

Knappe Antworten waren im Copypaste „Mir geht’s gut. Melde mich später.“

Fatale Abkürzungen wie „…Akku alm dead. Gonna write you later.“, ließen eine Freundin im Dreieck springen. Sie saß zu dem Zeitpunkt in Berlin vor dem Fernseher und dachte, ein Freund wäre tot. Die kleine Hanım konnte es nicht ahnen.

Es war kurz vor Mitternacht, nach der kurzen Pause überlegten sie, was sie am besten machen. Keine Taxis, keine Busse, nur die Beine und die aufkommende Panik waren es, die sie fortbewegten. Als sie an der Metro vorbeiliefen, war das Gitter noch offen. Obgleich sie wussten, dass sie viel Zeit verlieren würden, falls sie nicht mehr fahren sollte (sie ist immerhin gefühlte 5 Etagen tiefer gelegen, da sie ja unter dem Bosporus entlangfährt), beschlossen sie, es zu versuchen. Immerhin kamen keine Leute herauf. Und falls sie nicht mehr fuhr, war es dort unten bestimmt sicherer als auf der Straße. Sie begegneten dem Personal.

Zum Glück fuhr noch eine Bahn. Es sollte die letzte sein.

In der Bahn schaute sich die kleine Hanım um. Dort hing ein Plakat von der Ausstellung, zu der sie eigentlich morgen gehen wollte. Sie hatte 2 Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU gearbeitet und dieses Projekt mitgestaltet, das nun im Salt ausgestellt wurde. Am liebsten hätte sie ein Foto davon gemacht, denn sie wusste, die Ausstellung würde sie nicht mehr besuchen können. Aber es wäre nicht der richtige Zeitpunkt gewesen. Vor dem Plakat saß eine Frau. Sie trug Kopftuch und war ziemlich angespannt. Wie alle anderen auch.

Die Metro fuhr ziemlich schnell. Mit dem Rattern der Bahn, ratterten gleichzeitig tausend Gedanken im Kopf der kleinen Hanım: „Haben wir genug zu essen zuhause? Vielleicht sollte ich für den Freund auch einen Flug buchen? Was ist mit Omi, was ist mit Papa in Ankara? Mist, eigentlich wollte ich doch heute Abend kochen. Wieso mussten wir überhaupt raus?“

Kopfchaos.

Als sie bei der Station ankamen, war es kurz vor 00.30 Uhr. Die Angestellten machten bereits den Bahnsteig dicht. Die wollten nur nach Hause. Mit jedem Schritt erloschen die Lichter in den Gängen. Sie wussten nicht, was sie auf der Straße erwarten würde. In der Metro berichteten einige Leute von Luftangriffen. Wo genau, wusste niemand. Oben empfing sie statt der erwarteten Explosionen oder Schüsse der Mond. Er schien hell und wetteiferte mit den Lichtern der Läden, die – wieder bzw. immer noch – geöffnet waren. Die kleine Hanım fragte nur nüchtern: „Was brauchen wir noch außer Brot und Wasser?“ „Kippen und Bier.“ Sie teilten sich auf. Während er die Sachen vom Kiosk besorgte, stellte sie sich am Brotstand an. Die Schlange war lang. Sie sah sich um:

Leute eilten mit 10-Liter-Wasserflaschen vorbei.

Ein Mädchen hatte eines der vielen Brote fallen lassen, sie hob es auf und lief weiter. Die Mama rief schon nach ihr, sie soll sich beeilen. Viele Menschen waren erschöpft. Wie auch die Geldautomaten. Einige versuchten vergeblich, Geld abzuheben. Da erinnerte sich die kleine Hanım an die Worte ihres Vaters: „Geh nie aus dem Haus, ohne Geld in der Tasche zu haben. Zweitens, hab immer zuhause etwas beiseite. Man weiß nie.“ Einige Kioskbesitzer hatten die Rollläden nur einen Spalt in Kniehöhe geöffnet. Sie hatten Angst, dass der Laden ausgeraubt wird.

Verständlich.

Es war wie im Kriegszustand.

Nachdem sie alles besorgt hatten, gingen sie nach Hause. Sie war erleichtert, ihre Knie fingen an, zu zittern als sie die Treppen hinauf lief und er die Tür öffnete. Sie war froh, dass sie die Turnschuhe anhatte und nicht die blauen Stiefel. Beide schalteten den Fernseher und die beiden Computer an. Die Handys an die Ladegeräte. Erneute Telefonate, erneute SMS um mitzuteilen, dass sie nun zuhause sind. Sie hatte ihr Wort gehalten, als sie Freunden schrieb, sie würde sich in einer halben Stunde melden, bevor sie in die Metro gestiegen waren. Während sie alles in den Nachrichten mitverfolgten – er auf türkisch, sie auf deutsch-, wurde die Liste auf Twitter im Sekundentakt gefüttert. Die Lage war ernster als gedacht. Das erste Mal nach dem Mini-Marathon von „Europa nach Asien“, hatten sie es endlich selbst durch die Nachrichten gehört „PUTSCH“, die Bilder der Kämpfe waren erschütternd. Vor allem in Ankara. Anscheinend gab es Explosionen ausserhalb des Regierungsviertels. Sie rief sofort ihre Cousine, ihren Cousin an, die dort waren.

Sie waren in Sicherheit. Ein Kumpel ihres Freundes allerdings nicht.

Er war in der Stadt unterwegs und hatte es nicht mehr rechtzeitig nach Hause geschafft. Er berichtete am Telefon von Schüssen und Explosionen in der unmittelbaren Nachbarschaft. Die kleine Hanım konnte es am Telefon hören, als er es lauter stellte. Sie hielt inne „wäre ich heute nach Ankara gefahren, wäre ich genau dann angekommen, als….“. Ihr Kopfkino wurde abgelöst. Über ihnen zischte etwas vorbei, als sie mit einer Freundin aus Berlin telefonierte. Einige Minuten später dann das zweite Mal. Es waren die Kampfjets, die die Bomben abgeschossen hatten. Die Fenster zitterten. Sie dämmte das Licht und beschloss ins Hinterzimmer zu gehen. Das erste Mal in dieser Nacht überkam sie die nackte Angst. „Würden die Bomben auch in die Häuser einschlagen?“

Im Zimmer führte sie noch einige Telefonate, schrieb einige SMS, diesmal mit Testament-Qualität: Im Fall, dass ihr was passiert, sollten Freunde ihre Bilder gut verwahren. Wie ein Gespenst, fühlte sie die Angst neben sich hocken. Sie hatte ein Gesicht bekommen: taub, blind, stumm. So wie auch alles andere in der Nacht: Explosionen, die man hörte, aber nicht sah. Was man sah, hörte man nicht. Man konnte es kaum in Worte fassen, diese unsichtbare Angst, die phantasieren ließ. Sie war nicht greifbar. Nicht begreifbar.

Es war absurd und es war mittlerweile 5 Uhr morgens. Der Freund wollte schlafen gehen. Er hatte die Absurdität des Putsches schon längst begriffen. Zirkus, Kirmes und Basar in einem. Putschversuch… an einem Freitagabend… mit 2 mickrigen F16-Jets und einer Handvoll Soldaten? Er hatte mehr erwartet. Die Nachrichten kamen ihm vor wie ein großes Spektakel, ein schlechtes Schauspiel.

Er war müde.

Die Bilder und Berichterstattungen, die sich mittlerweile wiederholten, langweilten ihn. Bevor er schlafen ging, drehte er ein kleines Video. „Wir beide während des Putschversuchs. 453, Istanbul“, sollte der Titel lauten. Die kleine Hanım zog eine Schnute und Grimassen während er die Kamera auf sie gerichtet hielt. Sie beide waren stumme Kritiker, die ihr Statement kommentarlos vor der Kamera abgaben. Ein komisches Gefühl. Ihnen blieb nichts anderes, als mit Humor die Fassung zu wahren. Danach ging er schlafen. Es waren noch Schüsse zu hören, die Nachrichten berichteten immer noch von den Kämpfen.

Auch sie kämpfte – gegen ihre Müdigkeit. Ihre Turnschuhe waren noch zugebunden. Sie beschloss, den Rucksack mit allem wichtigem wie Wasser, Früchten, einem Stück Brot, Dokumenten, ihrer Brille, Geld, einem Ladegerät und dem Handy zu packen. Dann machte sie Musik an, einige Sit-Ups um sich wachzuhalten. Danach noch einen Kaffee- den mittlerweile dritten seit dem sie zuhause waren. Während der Wasserkocher vor sich hin brutzelte, leerte sie den randvollen Aschenbecher, räumte sie die Tassen und Bierflaschen weg, die auf dem Tisch eine Parcour-Landschaft bildeten. Dann recherchierte sie nach Flügen für die kommende Woche. Immerhin war der Flughafen ebenfalls besetzt und es war nicht sicher, ob sie am Sonntag würde fliegen können. „Am besten gleich mit dem Kumpel. Wer weiß, was als nächstes noch passiert hier“, dachte sie sich. „Hier ist er nicht sicher.“

Sie checkte kurz, ob sie auf der Visakarte genug Geld für 2 Tickets hatte.

Dann kam der Freund rein. Er hatte sich ein wenig erholen können. Sie war froh. Er fragte nach Neuigkeiten, die kleine Hanım lallte eine Zusammenfassung der Nachrichten, dann Smalltalk. Ihr Gehirn war Matsch, sie konnte nicht mehr klar denken, geschweige denn sich ausdrücken. Als der Putsch dann um 11 Uhr offiziell als gescheitert galt, zog sie endlich die Turnschuhe aus und fiel ins Bett.