Fatih Moschee in Istanbul
Fatih Moschee in Istanbul Innenansicht

Ich laufe die Einkaufsstraße Fevzi Paşa Caddesi entlang. Das Wetter ist warm, zum Glück nicht schwül. Es wimmelt nur so von Menschen, die sich hektisch oder gelassen, zielstrebig oder unentschlossen von einem Geschäft zum anderen begeben. Erschöpft vom ganzen Tumult nehme ich mir vor, in der Fatih-Moschee zu entspannen.

Von der Fevzi Paşa Caddesi aus führen drei Treppen hoch zur Sultansmoschee. Ich entscheide mich für die mittlere; denn erst vor kurzem wurde ein großer Teil des Vorhofs der Moschee nach langer Restaurationsarbeit geöffnet und diese Treppe führte mich direkt dorthin. Während ich die Treppen hochlaufe, sehe ich langsam die überwältigende Kuppel der Moschee. Der Hof ist geschmückt mit einer Grünanlage, einem Springbrunnen und mehreren Sitzbänken, die im angenehmen Schatten stehen. Auch hier sehe ich viele Menschen. Kinder rennen, toben und spielen miteinander, fahren Rad, essen Zuckerwatte.

Ich wende mich wieder der Moschee zu. Die Fatih-Moschee thront auf dem vierten der sieben Hügel Istanbuls, so besagt es zumindest die Legende. Sie war eine der ersten Moscheen, die – unter Sultan Mehmed II. zwischen 1461-1470 – nach der Eroberung und raschen Neugestaltung der Stadt erbaut wurde. An gleicher Stelle befand sich früher eine byzantinische Apostelkirche, deren Ruine beim Bau der neuen Moschee als Steinbruch und Materiallager diente. Die Moschee wurde bei einem Erdbeben im Jahre 1766 nahezu vollständig zerstört, deshalb ist über die ursprüngliche Architektur leider nur wenig bekannt. Unter Sultan Mustafa III. wurde sie im Barockstil neu aufgebaut.

Mehr als nur ein Gebetshaus

Zu dem außergewöhnlich weitläufigen Komplex gehörten ehemals mehrere Medresen, eine Grundschule, eine Bibliothek, ein Gasthaus, eine öffentliche Küche, ein Krankenhaus, eine Karawanserei und ein Hamam. Somit waren die Moscheen damals nicht nur Gebetshäuser, sondern eine „Külliye“, sie beinhalteten auch Bildungsstätten, Gesundheitszentren und dienten zudem als Treffpunkt von Händlern. Kurz gesagt, es war das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Bedauerlicherweise existieren die meisten dieser Gebäude heute entweder überhaupt nicht mehr oder erfüllen ihre Rolle als „Külliye“ nicht.

Durch eines der zwei großen Tore begebe ich mich in den Innenhof. Dieser Bereich ist angenehm kühl, so, als ob er eine (natürliche) Klimaanlage hätte. Denn egal wie warm es ist, der Innenhof der Fatih-Moschee ist immer kühl.

Bei meinem Gang in den Innenraum der Moschee beobachte ich die Menschen um mich herum. Auch hier fahren Kinder Fahrrad, haben ihren Spaß. Erwachsene sitzen auf den Treppen und genießen den Augenblick im Schatten der Minarette. Obwohl die Moschee etwas weit weg ist von der klassischen Touristenhochburg am Goldenen Horn, wo sich die Blaue Moschee, die Hagia Sophia und das Topkapı-Museum befinden, kommen hierher täglich mehrere ausländische Touristengruppen. Deswegen wundert es mich nicht, hier viele von ihnen anzutreffen.

Eine Gruppe aus England, wie ich später erfahren sollte, kommt aus der Moschee heraus. Noch ganz fasziniert vom Inneren dieser einzigartigen Moschee. Ein etwas älterer Mann aus der Gruppe fotografiert sowohl die Gruppe selbst als auch den Innenhof. Kleine Details, feine Verzierungen und wunderschöne Kalligraphien des berühmten Kalligraphen Ali ibn Safi entgehen ihm nicht. Er trägt einen Rucksack mit seinem Equipment bei sich. Ich gehe auf ihn zu, um mehr über ihn und die Gruppe zu erfahren.

Tatsächlich, er ist ein professioneller Fotograf, wie ich bereits vermutete. Wir kommen ins Gespräch. Zuerst erklärt er mir technische Feinheiten seiner Ausrüstung. „Ein Fotograf sieht seine Umgebung stets durch die Linse“, sagt er mir, „so als ob er in jedem Augenblick das perfekte Foto schießen könnte.“ Beim Fotografieren müsse man sowohl seinen Verstand als auch sein Herz nutzen, setzt er fort: „Versuchen Sie, das Foto, auf das Sie ihre Blicke richten, nicht nur zu betrachten , sondern so zu fühlen, als ob Sie durch das Foto das Original betrachten und alle Gefühle und Gedanken, die das Original hervorruft, durch das Foto entstehen. Genauso wie alles Existierende, vorausgesetzt man betrachtet es sowohl mit dem Verstand als auch mit dem Herzen, so, als wäre in uns ein Fenster, aus dem wir das Göttliche an der Schöpfung erkennen können, und einen Weg aus unseren Herzen zum Schöpfer finden.“

Architektur, die ein Gefühl der Unendlichkeit erzeugt

Diese Interpretation faszinierte mich. Ich sehe mir die Moschee und deren Kuppel, die einen Durchmesser von 26 Metern hat und von vier Halbkuppeln gestützt wird, noch einmal an. Tatsächlich, wenn man nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen die Fatih-Moschee betrachtet, erweckt sie in einem das Gefühl, als ob man von einem Hügel aus auf eine andere Welt blickt, so wie man in den dreidimensionalen Bildern erst bei genauem Betrachten etwas Sinnvolles erkennt. Als ein religiöser Ort erinnert die Fatih-Moschee mit den wunderschönen Kalligrafien und Texten aus dem Koran natürlich an den allmächtigen und barmherzigen Schöpfer. Es ist aber viel mehr, was anscheinend gerade Menschen wie Neil Turner fasziniert, der jährlich nach Istanbul kommt und jede Gelegenheit nutzt, um die Fatih-Moschee zu besuchen. Es ist diese einzigartige Architektur, die in dem Menschen das Gefühl der Unendlichkeit erweckt und die zutiefst menschliche Sehnsucht nach einem ewigen Leben stillt.

Wenn man diesen Blick auf Istanbul hat, dann ist man nicht nur einmal da. Man verliebt sich in diese einzigartige Schönheit auf zwei Kontinenten. Fern von ihr lebt man mit der Sehnsucht nach ihr und die Zeit, die man in dieser Stadt verbringt, wird zu einer Entdeckungsreise, bei der man immer wieder etwas Neues für sich ganz persönlich findet. Die Stadt spricht zu jedem – und das ganz persönlich. Ist das vielleicht der Grund, warum viele immer wieder nach Istanbul kommen wollen?

Mehr über Istanbul finden Sie in dem Reiseführer Istanbul: Kultur-Reiseführer. Alles Wissenswerte für eine gelungene Städtetour.