Hagia Sophia in Minyatürk.

Die Hagia Sophia ist 916 Jahre alt. Sie wurde 537 n.Chr. als Kirche errichtet und nach der Eroberung Istanbuls durch Sultan Mehmed II. 1453 in eine Moschee umgebaut. Unter Mustafa Kemal Atatürk wurde sie im Jahre 1934 zu einem Museum erklärt. Seitdem dient sie den Besuchern auch als Museum, erzählt die Geschichte Istanbuls und erinnert an dessen christliches und muslimisches Erbe. Seit 79 Jahren steht die Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee immer wieder auf der öffentlichen Agenda. Im September dieses Jahres legte die Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) dem Parlament einen Gesetzesentwurf bezüglich einer Wiedereröffnung der Hagia Sophia vor.

Seit kurzem wissen wir, dass das Angebot der MHP auch einen Platz im Herzen der Mitglieder der regierenden AKP hat. Bülent Arınç, der Regierungssprecher, äußerte starke Sympathien für den Vorschlag, die Hagia Sophia zurück in eine Moschee umzuwandeln, als er im November mit den Reportern sprach. „Wir stehen gerade neben der Hagia-Sophia-Moschee… Und wir sehen eine traurige Hagia Sophia, aber hoffentlich wird sie bald wieder lächeln“, sagte er.

Wahlgeschenk für konservative und nationalistische Wähler

Und als ob man auf diese Weise guten Job geleistet hätte, prahlte er, dass auch andere, kleine Nachbauten der Hagia Sophia in anderen Städten umgebaut würden. „Wir haben kürzlich zwei Moscheen mit demselben Namen für den Gottesdienst wiedereröffnet, eine in Iznik und die andere in Trabzon. Diese waren zwar schon Moscheen, wurden allerdings für einen anderen Zweck genutzt“, betonte Arınç.

Mir erscheint es, als ob die Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee ein Geschenk für die nationalistischen und konservativen Wähler sein soll, da die Wahlen immer näher rücken. Die anderen Hagia Sophias in Iznik und Trabzon in eine Moschee umzubauen, war bereits ein gravierender Fehler und respektlos gegenüber den orthodoxen Christen der Türkei. Ich glaube, dass der Umbau der Hagia Sophia in Istanbul ein umso furchtbarerer Fehler wäre, der die Geschichte und das Erbe der Türkei nicht respektieren würde.

Verteidiger der Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee haben nur ein Argument in ihrem Arsenal: Sie sagen, dass der Eroberer Istanbuls Sultan Mehmed II. jeden, der die Hagia-Sophia-Moschee verändern wollte, verflucht habe. Abgesehen davon gibt es kein einziges Argument für eine Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee. In der Zeit Sultan Mehmeds war es üblich, dass man einige Flüche in die Dokumente eines errichteten Gebäudes einzutragen. Deshalb denke ich nicht, dass die Worte Sultan Mehmeds irgendetwas mit dem aktuellen Status der Hagia Sophia zu tun haben.

Ablehnung des multireligiösen Erbes bewirkt Entdemokratisierung

Es gibt keinen Mangel an Moscheen in Istanbul oder in jenem Bereich, in dem die Hagia Sophia steht. Ich bin der Meinung, dass sie entweder als Museum stehen gelassen werden sollte oder – wenn sie schon zum Gottesdienst wiedereröffnet werden sollte – dann als gleichzeitige Moschee und Kirche konzipiert werden sollte, wie dies auch einst mein Freund Mustafa Akyol vorgeschlagen hatte. Sie in eine Moschee umzubauen, wird sicherlich dazu dienen, ein paar nationalistische Gemüter zu befriedigen, aber das Ganze wird keinen positiven Beitrag bezüglich des gemeinsamen Erbes der Menschen leisten.

Die Wiedereröffnung als Moschee trägt in keinem Fall ein Potenzial zur Demokratisierung der Türkei in sich. Wenn Sie mich fragen, dann ist die Ablehnung der Türkei gegenüber ihrem christlichen und jüdischen Erbe eine der Hauptquellen für bestehende demokratische Defizite.

Auf diese Weise wird die Türkei es unterlassen, sich selbst mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, während sie auch weiterhin ihre multiethnischen und multireligiösen Strukturen ignoriert. Die Hagia Sophia als Moschee wiederzueröffnen, würde nur die Verleugnung der Vergangenheit und die weitere Ablehnung gegenüber der Vielfalt des Landes bekräftigen. Die Hagia Sophia wird nur lächeln, wenn dieses Land Frieden mit ihrer Geschichte und seiner multiethnisch-religiösen Identität erreicht.