Die jesidische Region Shingal im Nordirak ist von Terroristen des

HINTERGRUND Es ist auf den Tag genau schon drei Monate her, als die bärtigen Unmenschen des IS in eine wehrlose, friedliche, friedliebende Region in einem der gewalttätigsten Länder unserer Welt eingefallen ist und mindestens 6000 unschuldigen Menschen das Leben genommen hat. Der IS mordete auf bestialischste Art und Weise: Lebendig geköpft und lebendig begraben. Frauen ereilt in der Regel dasselbe Schicksal – nach Vergewaltigung und Folter.

Als rational denkender Mensch muss man sich fragen, warum diese Region immer noch nicht befreit ist und warum die betroffene Minderheit der Jesiden bis heute sich selbst und fast im Alleingang verteidigt. Nennenswerte Unterstützung erhielten die Jesiden nur von Seiten der YPG, der syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten, die eng mit der PKK verknüpft ist. Einheiten der YPG waren es, die den Fluchtkorridor für jesidische Zivilisten errichteten und gegen die Attacken des IS verteidigten. Dass eine in der EU, der Türkei und anderen Ländern als Terrororganisation aufgeführte Gruppe als einzige bereit war, die jesidischen Zivilisten zu schützen, ist bezeichnet für die katastrophale politische Lage der Region.

Wie steht es aber mit dem Mentor Massud Barzani?

Er und seine von kritischen Stimmen im Nordirak als korrupt bezeichnete Regierung geben sich alle Mühe, sich als Beschützer ethnischer und religiöser Minderheiten zu präsentieren. Und das mit Erfolg!

Doch das Bild des „Beschützers“ bröckelt. Zeugenaussagen aus Shingal belasten Barzani und seine Peschmerga Armee schwer. Die Anschuldigung steht im Raum, Barzani habe Shingal und die Jesiden verraten und wissentlich den vorrückenden IS Kämpfern überlassen, um international Aufmerksamkeit für die Kurdische Sache und militärische Unterstützung der westlichen Verbündeten zu erhalten. Ein weiterer schwerer Vorwurf gegen Barzani ist, dass die ersten Morde an den Jesiden von seiner Peshmerga-Armee selbst begangen worden seien. Als die zum Schutz der Bevölkerung in Shingal stationierten Peschmerga Einheiten sich plötzlich zurückzogen, ohne die Anwohner zu warnen oder zu bewaffnen, soll es auch zu Gewaltanwendung gekommen sein. Mehrere Zeugenaussagen berichteten übereinstimmend, dass die Peschmerga den ansässigen Jesiden sogar die eigenen Waffen abnahm und schließlich töteten, bevor sie sich endgültig zurückzogen und die jesidischen Dörfer samt seiner Bevölkerung den vorrückenden Extremisten überließen.

Barzani verlangt vom „Deutschen Löwen von Shingal“ Flagge zu zeigen

Mittlerweile haben sich einige Hundert jesidische Männer eine lokale Miliz, die YBŞ gegründet und führen überfallartige Angriffe auf IS Einheiten in Shingal durch. Die Gründung der Miliz und die durch das Vorgehen der YPG verstärkte Sympathie für die PKK in der Region sorgen in Arbil mittlerweile für Unmut.

Der kurdische Nationalismus, der besonders und speziell bei den Kurden im Irak ausgeprägt ist und nicht auf die Kurden in Syrien und der Türkei reflektiert werden darf, ist nicht zu unterschätzen: Erst kürzlich verlangte die Kurden-Armee von den standhaften jesidischen „Widerstandseinheiten Shingals“ unter dem Kommando des „Deutschen Löwen von Shingal“ Qasim Shesho, dass jener die kurdische Flagge über die erfolgreich verteidigten und wiedereroberten jesidischen Gebiete in der besagten Region hissen solle.

Die jesidischen Verteidiger lehnten ab mit der Begründung, selbst die eigene jesidische Flagge nicht hissen zu wollen, besonders nicht am heiligen jesidischen Schrein des Sherfedin in Shingal.

Der Flaggenstreit und der damit verknüpfte Herrschaftsanspruch Barzanis auf die gesamte Region wirkt sich unmittelbar auf die Verteidigungseinheiten der Jesiden in Shingal aus. Trotz der Präsenz des IS setzte Arbil seit der Weigerung der Miliz, die kurdische Flagge zu hissen, den Nachschub an Munition aus. Den ohnehin schlecht ausgerüsteten jesidischen Kämpfer wird es damit zusätzlich erschwert, ihre Dörfer gegen den IS zu verteidigen.

Kurdischer Nationalismus als Vorwand, um eigene Macht zu schützen

Wir sprachen darüber persönlich mit Kämpfern der “Einheit des Widerstands von Shingal“. Die Worte des Jesiden Qasim Shesho, man werde „solange nur im Namen des Jesidentums kämpfen, bis ganz Shingal befreit ist“ haben anscheinend tiefe Narben bei den kurdischen Nationalisten in Arbil/Hewler hinerlassen: Wer nicht genug zum kurdischen Nationalismus beiträgt und sich nicht den bereits bestehenden Machtstrukturen im Nordirak fügt, wird ausgemerzt – durch das Kappen von Nachschub in der schwierigsten Zeit seit Jahren.

„Wir bekommen seit Wochen kaum Nachschub. Wir sind gezwungen, auf Angriffe der Terroristen zu warten, um uns dann an ihren Waffen, sofern unbeschädigt, zu bedienen – vorausgesetzt wir können sie zurückschlagen“, so ein Kämpfer in Shingal gegenüber DTJ. „Oft müssen wir Jagd auf die gut bewaffneten ISIS-Terroristen machen, um uns so selbst mit Waffen als Kriegsbeute auszurüsten.“

In Anbetracht dieser mörderischen Politik Arbils gegenüber den Jesiden, die das Erstarken des IS in Shingal billigend in Kauf zu nehmen scheint, erscheinen auch die Waffenlieferung der Bundesregierung und anderer Regierungen an Arbil in einem neuen Licht. Die Frage, ob Barzani mit diesen Waffen vorrangig seine Bevölkerung gegen den IS oder nur seine Machtposition innerhalb des Iraks vor potentiellen Konkurrenten schützt, ist durchaus berechtigt.