Joachim Gauck nimmt in berlin an einem Iftar-Empfang teil

Nicht nur als Bundespräsident sondern als Nachbar sei er gekommen, meinte Joachim Gauck am Montagabend beim öffentlichen Fastenbrechen in Berlin-Moabit. Tatsächlich liegt der Otto-Park, in dem sich rund 500 Besucher und Anwohner des Berliner Stadtteils zum Iftar-Essen eingefunden hatten, kaum einen Kilometer vom Berliner Schloss Bellevue entfernt. Doch der erste Besuch eines deutschen Staatsoberhaupts an einem öffentlichen Fastenbrechen hatte vor allem symbolischen Wert. Gerade angesichts der gesellschaftlichen Polarisierung brauche es Zeichen, dass ein Miteinander möglich ist, so Gauck.

Und das gilt nicht nur aufgrund der harschen Islamkritik der rechtspopulistischen AfD. Der Dachverband der Türkisch-Islamischen Union der Anstalten für Religion (DİTİB) hatte vergangene Woche ein Fastenbrechen mit Bundestagspräsident Norbert Lammert abgesagt. In der Neuköllner Şehitlik-Moschee sei das Sicherheitsrisiko zu hoch, hieß es zur Begründung. Hintergrund war offenbar die Resolution des Bundestags zum Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich. Gauck wählte sich nun einen bürgernahen Rahmen, ohne Teilnahme der großen Dachverbände; auch dies ein Zeichen für das, „was wir uns für unser Land als Ganzes wünschen: ein friedliches Miteinander von Verschiedenen“.

Für Moabit war es ebenfalls das erste öffentliche Fastenbrechen. „Wir schreiben heute Geschichte“, rief Abdallah Hajjir, der Imam vom „Haus der Weisheit“ von der Bühne, und begrüßte Gauck. Dieser war mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt gekommen. Hinter Hajjir hing das Spruchband „Wir leben Gemeinschaft in Moabit“. Er grüßte die bunte Schar aus Zugezogenen und alt Eingesessenen , Muslimen und Christen mit dem Friedensgruß der drei großen monotheistischen Weltreligionen „Salam, Schalom, der Friede sei mit euch“. Und er sprach von Deutschland als „einem Land, in dem man lebt und das man auch liebt“.

Der Ramadan sei ein „Monat der Barmherzigkeit“, in dem man in besonderer Weise Mitleid, Mitgefühl und Dankbarkeit gegenüber Gott als dem Schöpfer lebe. Was Nächstenliebe konkret bedeutet, veranschaulichte Safiye Ergün vom ambulanten Pflegedienst Dosteli. Er versorgt die längst ins Rentenalter gekommene Generation der frühen türkischen Zuwanderer in diesem Stadtteil. Sie hätten „Deutschland mit aufgebaut“, meinte Ergün nicht ohne Stolz.

Trotz aller Feierlaune verschwieg Gauck nicht, dass sich derzeit „auch gegenseitiges Misstrauen verbreitet“. Nach den Gräueltaten islamistischer Gruppen habe sich bei vielen Menschen das Gefühl einer alltäglichen Bedrohung eingestellt. „Und bei manchem ist die Angst vor dem islamistischen Terror zu einer Angst vor den Muslimen geworden.“ Zugleich bezweifelten nicht wenige Muslime ihrerseits „den Willen unserer Gesellschaft zu einem gleichberechtigten Miteinander, weil sie sich diskriminiert und durch einen Generalverdacht ausgegrenzt sehen“.

Allerdings wachse aber auch das Bemühen, Misstrauen und Distanz abzubauen, so der Bundespräsident. Dabei erwähnte er besonders jene Stimmen, „die gegen die fundamentalistische Lesart des Koran ihr eigenes, friedliches Religionsverständnis setzen“. Das sei eine wichtige Botschaft nicht nur für die eigenen Glaubensbrüder. Hierfür stand an diesem Abend auch der Liberal-Muslimische Bund, der sich nach eigenem Bekunden durchaus kritisch mit dem Koran auseinandersetzt. Der Bund gehörte zu den Gastgebern – neben dem „Haus der Weisheit“, dem Zentrum für Interreligiösen Dialog, der Evangelische Kirchengemeinde Tiergarten und dem Integrationsbüro des Bezirksamt Mitte sowie weiteren Vereinen.

Zum gut eineinhalbstündigen Programm bis zum Fastenbrechen bei Sonnenuntergang gehörte auch eine Sufi-Musikgruppe. Gauck fühlte sich unter den Besuchern sichtlich wohl, umlagert von türkisch- oder arabischstämmigen Einwohnern, die versuchten ein Selfie mit dem hohen Gast zu erhaschen. Pünktlich zum Sonnenuntergang um 21.36 Uhr sang dann ein Mitglied des Sufi-Ensembles kunstvoll den Gebetsruf „Allahu Akbar“. Gauck hatten sich schon vorher Reis, Gemüse-Curry und Hähnchen am Essensstand geholt. Zum Nachtisch gab es Obst, Datteln und einen Frucht-Jogurt. „Manchmal kann Miteinandersein sogar lange Diskussionen ersetzen“, so der Ehrengast aus der Nachbarschaft. (Christoph Scholz, kna/ dtj)