Früher oder später passiert das.

Überall in der Welt stellt man früher oder später Kindern und Jugendlichen die gleiche Frage: Was willst Du mal werden, wenn Du groß bist?

Unter Türken stellt man diese Fragen auch an Über-30-Jährige, sofern sie in der Presse tätig sind.

Ein Kollege von mir hat in Deutschland Politikwissenschaften studiert, abgeschlossen und ist jetzt als Journalist tätig. Seine Bekannten in der Türkei – so berichtet er – fragen ihn, was er denn so in Deutschland mache und auf die Antwort, dass er Journalist sei, komme zuerst eine verständnislos-enttäuschte Miene und dann die Nachfrage: Gut, aber was wird denn aus Dir mal werden? Andere, die von Takt so viel verstehen wie Fische vom Forstbetrieb fragten auch: Wird denn nun aus Dir nichts werden?

Kurioser als ein Mann, der einen Hund beißt

Ähnliche Erfahrungen habe ich selbst auch gemacht. Ich kann mich über die Verwunderung meines Vaters erinnern, die er über einen gewissen Rafet in den 80ern öfter mal geäußert hatte: Rafet las damals deutsche Zeitungen. Für meinen Vater war das kurioser als wenn ein Mann einen Hund gebissen hätte. Deshalb hat er sich über Rafet damals oft gewundert.

Für die damalige Zeit war das vielleicht normal. Zeitungen gehörten in der Welt der Gastarbeiter nicht zu den täglichen Bedarfsgegenständen. Die Arbeit unter Tage in der Zeche – wie in meinem Vaters Fall – bot nun mal nicht den idealen Ort, um kluge Kommentare zu lesen und mit den Kumpels darüber zu diskutieren. Man kam bis dahin ohne Zeitungen aus und empfand das nicht als einen Mangel. Entsprechend andere Ziele hatten die Kinder, die damals in die Schule gingen.

Sofern man damals nach der Schule nicht sofort arbeiten ging, kam für Jungen als Ausbildungsberuf der Beruf des KFZ-Mechanikers in Frage. Autos gab es immer und Autos gingen immer kaputt. Für die wenigen, die Abitur machten, kamen Studiengänge wie Bau- oder Maschineningenieur in Frage. Ganz kluge studierten Medizin.

„Türkiye“ erscheint nicht mehr, „Hürriyet“ ein Schatten seiner selbst

Hier sollte man Verwandte in der Türkei oder die Elterngeneration etwas entlasten. In der Welt, in der sie lebten, spielen Zeitungen keine Rolle. Zudem bietet die Presse nicht die Garantie, die man vielleicht im Staatsdienst hätte.

Man muss hinzufügen: Auch die türkischen Printmedien in Deutschland heute befinden sich im Niedergang. Hürriyet, einstmals das Flaggschiff der türkischen Zeitungen in Deutschland, ist heute ein Schatten seiner selbst. Die Auflage erinnert einen an einen Krebs-Patienten im Endstadium. Die Zeitung Türkiye hat am 19. Januar den Vertrieb eingestellt. Die Skepsis gegenüber der Presse hat schon eine gewisse Grundlage.

Trotzdem:

Eine Welt ohne Presse, ohne Journalismus ist nicht denkbar. So wie es immer Bedarf an KFZ-Mechanikern oder Friseuren geben wird, da Autos immer kaputt gehen oder Haare nachwachsen, so gibt es auch Bedarf an Journalismus. Die Welt wird immer komplexer, die Sichtweisen sind unterschiedlich, es braucht immer Leute, die stellvertretend für ihre Leser oder Zuschauer recherchieren, Missstände aufdecken, zur Kontrolle der Machthaber beitragen und die Welt erklären. Die Luft mag verschmutzt sein, man kann sich darüber beklagen, schimpfen, aber atmen muss man trotzdem, solange man lebt.

Gelegenheit, in die Welt des Journalismus einzutauchen

Ein Blick in die heutige Türkei mag verdeutlichen, wohin es führt, wenn Journalisten ihre Kontroll-Funktion nicht ausüben können. Wenn Journalisten ihre Aufgabe pervertieren und im Namen der Machthaber zur Kontrolle der Beherrschten übergehen. Zur Verführung des Publikums eine Schein-Realität produzieren.

Keine funktionierende Presse, keine funktionierende Demokratie.

Das Internet-Zeitalter hat auch dazu geführt, dass heute viele, die nicht hauptberuflich als Journalist tätig sind, schreiben, veröffentlichen und gewisse journalistische Fähigkeiten entwickeln. Wer etwas darüber erfahren möchte und in und um Berlin lebt, hat jetzt dazu eine Gelegenheit. Die World Media Group AG veranstaltet wieder in Zusammenarbeit mit der Axel-Springer-Akademie ein Journalismus-Seminar. Mitte März geht es los, Anmeldungen sind noch möglich.

Wer weiß, vielleicht findet der eine oder andere Gefallen am Journalismus und macht sogar Karriere als Journalist. Bedarf an Journalisten mit Migrationserfahrung gibt es allemal, beträgt doch ihr Anteil in den Redaktionen um die zwei Prozent – bei 20 Prozent Migranten-Anteil in der Bevölkerung.