Im Fokus: der türkische Journalist Erk Acarer. Foto: Karsten Thielker/taz/dpa

Der regierungskritische türkische Journalist Erk Acarer, der im deutschen Exil lebt, ist in Berlin angegriffen worden. Währenddessen wird in der Türkei der Angreifer im Fall Can Dündar aus der Haft entlassen. Welch fatales Zeichen.

Nach Angaben der Polizei wurde der Exil-Journalist Erk Acarer am Mittwochabend im Bezirk Neukölln von mehreren Angreifern verletzt. Er erlitt eine Wunde am Kopf und wurde medizinisch behandelt. Der Angriff ereignete sich demnach gegen 21.50 Uhr im Innenhof seines Wohnhauses im Stadtteil Rudow.

Zwei Männer hätten den 48-jährigen Journalisten geschlagen und getreten, ein dritter Mann habe die Umgebung beobachtet. Als Zeugen aufmerksam wurden, seien die Männer geflohen, teilte die Polizei am Donnerstag mit.Der für politisch motivierte Taten zuständige Staatsschutz im Landeskriminalamt (LKA) ermittelt.

„Mit Messer und Faust angegriffen“

Zahlreiche Journalisten und Politiker erklärten sich solidarisch mit Acarer. Die Polizei äußerte sich zunächst nicht dazu, wer hinter dem Angriff stecken könnte. Nach dem Angriff twitterte Acarer am Mittwochabend ein Foto von sich und schrieb dazu auf Türkisch: „Ich bin in meinem Haus in Berlin mit Messer und Faust angegriffen worden.“

Er sei nicht in Lebensgefahr, habe einige Schwellungen am Kopf und sei im Krankenhaus. „Ich kenne die Täter. Ich werde niemals vor dem Faschismus kapitulieren.“ Er und seine Familie stünden unter Polizeischutz.

„Drei Angreifer mit Waffen“

In einem Video von Donnerstagmorgen sprach der Journalist von drei Angreifern mit Waffen. Einer von ihnen habe gesagt: „Du wirst nicht schreiben.“ Weil viele Zeugen im Hof gewesen seien, hätten die Angreifer die Waffen nicht benutzen können. Weiter sagte er: „Dieser Angriff ist der Beweis dafür, dass alles, was wir gegen die islamistische und faschistische AKP-MHP-Regierung geschrieben und gesagt haben, korrekt ist.“

Die AKP ist die Partei des regierenden Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Sie bildet ein Regierungsbündnis mit der ultranationalistischen MHP, ohne die sie im Parlament keine Mehrheit hätte.

Bericht über MİT-Aktivitäten

Acarer, der schon länger in Berlin lebt, wurde zusammen mit anderen Journalisten in der Türkei angeklagt. Vorgeworfen wurde ihnen die Veröffentlichung von geheimen Informationen zur staatlichen Sicherheit und zu Geheimdienstaktivitäten. Hintergrund waren nach Angaben von Amnesty International unter anderem Berichte über einen in Libyen getöteten Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir twitterte: „Es ist ungeheuerlich, dass Exilanten aus der Türkei hierzulande Angst haben müssen um ihre Sicherheit. (…) Bin auf die Reaktion der Bundesregierung gespannt.“

Die Linke-Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen schrieb: „Erdoğans Schergen greifen in Berlin einen Exil-Journalisten in seiner Wohnung mit Messern an. Wie lange will die Bundesregierung dem lebensgefährlichen Treiben des Erdoğan-Netzwerks noch zuschauen?‘ Auch viele türkischstämmige Journalisten warfen Erdoğan vor, für den Angriff verantwortlich zu sein.

Nur Geldstrafe für Dündar-Attentäter

Gut fünf Jahre nach einem Attentat auf den regierungskritischen Journalisten Can Dündar in der Türkei ist der Schütze verurteilt worden. Der Attentäter wurde zu drei Jahren und einem Monat Haft sowie zu Geldstrafen verurteilt, wie aus den der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Gerichtsunterlagen vom Donnerstag hervorging.

Das Urteil erging wegen Bedrohung mit einer Waffe, vorsätzlicher Körperverletzung und illegalen Waffenbesitzes. Die Haftstrafe wurde jedoch zur Bewährung ausgesetzt. Im Mai 2016 hatte der nun Verurteilte vor einem Gerichtsgebäude in Istanbul auf Dündar geschossen, diesen jedoch verfehlt. Yagiz Senkal, ein weiterer Journalist, wurde verletzt. Der Attentäter wurde im Oktober 2016 aus der Untersuchungshaft entlassen.

Dündar reagiert empört

Der im deutschen Exil lebende Dündar kommentiert das Urteil höhnisch auf Twitter: „Was es nicht für gute Richter gibt, nicht wahr? (…) Der liebevolle Richter hat auch noch Strafminderung wegen guter Führung angewendet und die Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Der Mann ist ohnehin frei. Allen Attentätern zur Kenntnis.“

Wegen Berichten über eine Beteiligung des türkischen Geheimdienstes an Waffenlieferungen für Islamisten in Syrien wurde Dündar, der ehemalige Chefredakteur der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“, im gleichen Jahr zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Er verließ das Land und lebt mittlerweile in Berlin. In der Türkei laufen weiterhin Prozesse gegen ihn.

dpa/dtj