Kahn: „Löw fehlt der Plan B“

Da die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in diesem Jahr kein Pflichtspiel mehr bestreiten wird, wird die Frage vorerst unbeantwortet bleiben, ob die Blamage einer verschenkten 4:0-Führung im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden ein heilsamer Schock war – wie das nicht minder peinliche 3:5 im Testspiel gegen die Schweiz vor der EM im Juni -, oder ob die Mannschaft in einer ernsten Krise steckt und der Stuhl des Bundestrainers Jogi Löw stärker wackelt als viele meinen mögen.

In der Qualifikationsgruppe C wird das DFB-Team zwar an erster Stelle überwintern, nach Verlustpunkten liegt jedoch das schwedische Team gleichauf. Zudem hatte die deutsche Mannschaft bereits beim schmeichelhaften 2:1-Sieg gegen Österreich in Wien massive Schwächen gezeigt.

Ex-Torwart Oliver Kahn übte nun scharfe Kritik an Trainer Joachim Löw und warf ihm und dem Team vor, keinen Plan B zu haben – und von Vorbild Spanien weit entfernt zu sein.

Desolates Abwehrverhalten

In der Münchner „Abendzeitung“ wurde Kahn sehr deutlich: „Das war schon erstaunlich, zumal die deutsche Mannschaft bis zur 60. Minute das Spiel ganz klar dominiert hat.” Kahn monierte insbesondere einen Mangel an Effizienz in der Abwehr: „Es muss in einem Spiel wie gegen die Schweden irgendwann einmal vorbei sein, sich nur spielerischer Mittel zu bedienen. Spätestens nach dem 4:2 gilt es, den Fokus auf Ergebnissicherung, auf defensive Stabilität zu legen. Es beschleicht einen das Gefühl, dass die Mannschaft auf Extremsituationen nicht angemessen reagieren kann, es fehlt ein Plan B.“

Die Zweikämpfe würden seitens der Defensive zu wenig rustikal geführt, bei allen Gegentoren wäre die deutsche Mannschaft zwar in Überzahl, aber immer einen Schritt zu weit weg vom Gegenspieler gewesen.

Von Spanien wäre Löws Elf meilenweit entfernt, gerade weil die Hintermannschaft so desolat agiere: „Wenn man sich die Spanier anschaut, sieht man, dass die Defensive die Basis ihres Spiels ist, das Zu-Null ist immer das Grundlegende. Jedes noch so offensiv ausgerichtete System kann nur erfolgreich sein, wenn es auf solidem Fundament fußt.“

Die Spanier hätten laut Kahn all ihre Titel nicht ohne eine stabile Defensive gewonnen. „Wobei Defensive nicht gleichbedeutend mit tief stehen ist. Ich meine die sofortige Bereitschaft einer Mannschaft, den Ball nach Ballverlust wieder zu erobern.“

Löws Aufgabe sei es jetzt, die Mannschaft nicht nur taktisch weiterzuentwickeln, sondern ihr auch mentale Stabilität zu verleihen. Ansonsten werde es schwer, Titel zu gewinnen.

Oliver Kahn war in der Zeit von 1995-2006 in 86 Spielen deutscher Nationaltorhüter. Die größten Stunden der DFB-Elf in jener Zeit, den EM-Titel 1996 und das „Sommermärchen“ im eigenen Land 2006 erlebte er als Ersatztorhüter. Sein Patzer im WM-Finale 2002, der zum 0:1 gegen Brasilien führte, machte seine grandiosen Leistungen im Vorfeld weitgehend zunichte. In jener Zeit wurde der deutschen Nationalmannschaft vorgeworfen, „Rumpelfußball“ zu spielen.

Seit 1996 kein großer Titel mehr

Seit Jürgen Klinsmann im Vorfeld der WM im eigenen Land die Mannschaft übernommen hatte, glänzte das deutsche Nationalteam vielfach durch eine ästhetisch sehr ansprechende und offensive Spielweise. Nachfolger Jogi Löw versuchte, daran anzuknüpfen. Wie sein Vorgänger war jedoch auch hier die Folge, dass Deutschland zwar zum Teil souverän Qualifikationsrunden und Vorrunden großer Turniere für sich entschied, aber nie über einen 2. oder 3. Platz hinauskam.

Allerdings gibt es Fußballnationen, aus deren Sicht Deutschland sich mit Luxussorgen plagen würde. Die Türkei etwa liegt nach Niederlagen gegen die beiden direkten Konkurrenten um den zweiten Platz hinter Gruppenfavorit Niederlande in der WM-Qualifikationsgruppe D (0:1 gegen Rumänien, 1:3 in Ungarn) mit 6 Punkten Rückstand auf Platz 4 – punktegleich mit Estland.

Noch schlimmer ist jedoch beispielsweise Kanada dran. Der WM-Teilnehmer von 1986 verlor in der Gruppe 3 der nordamerikanischen CONCACAF-Gruppe in Honduras sage und schreibe mit 1:8 und ist damit vorzeitig aus der Qualifikation ausgeschieden. Teamchef Stephen Hart warf auf der Stelle das Handtuch.