Das interreligiöse Bet- und Lehrhaus House of One in Berlin durfte vor zwei Wochen zum ersten Teil der Vortragsreihe mit dem Titel „EIN GOTT – Abrahams Erben am Nil“ den pakistanischen Kalligrafie-Künstler Shahid Alam in einem vollen Saal im Bode-Museum begrüßen. Nach informativer und amüsanter Unterhaltung mit Moderator Dirk Pilz verzauberte Alam am Ende des Abends mit seiner Live-Kalligrafie-Performance die zahlreichen interessierten Zuschauer. Musikalisch begleitet wurde Alam durch seine Zwillingssöhne, Jan-Philipp und Anwar Alam.

Alam, der aus einer pakistanischen Familie stammt, hatte bereits im Alter von vier Jahren erstmals Kontakt mit der Kalligrafie. Sein Potenzial entwickelte er im Kalligrafie-Unterricht der katholischen Schule des Franziskanerordens in Lahore. Schließlich nutzte er sein Talent, um diese Kunst für weitere Generationen zu bewahren und lehrte über 20 Jahre lang an Hochschulen in Deutschland und in seiner Heimat. Heute, als freier Künstler ansässig in Stolberg bei Aachen, gilt er unter anderem als bedeutsames Beispiel für die Koexistenz von Kunst und Islam in Deutschland.

Der Abend begann mit dankenden Worten der Leiterin der Ausstellung. „Wir finden es wunderbar, dass es zu dieser Vereinbarung mit uns kam und Teil des Projektes geworden zu sein“, betonte Berrin Ileri stellvertretend für den abwesenden Kadir Sancı, den Imam des House of One. Ileri betonte die Bedeutung der Versöhnung und des Dialogs unter dem Blickwinkel der Kunst als Erfahrung zur Bereicherung und Mittel zu Erschließung der Gemeinsamkeiten in Judentum, Christentum und Islam. Dieser durch die Vortragsreihe eingeschlagene Weg sei eine Form der Suche nach dem Sinn der Religion in der Kunst.

„Religion ist ein wichtiges Motto“

Dahingehend stellte Dirk Pilz interessante Fragen zu Alam und seiner Kalligrafie. Vor allem Fragen wie „Wonach sucht die Kalligrafie?“ und „Welche Rolle spielt die Religion in der Kalligrafie?“ bestimmten weitgehend das Gespräch.

Alams Sicht auf seine Kunst in Verbindung mit der Religion ist bewundernswert. Man könnte meinen, er benutze Wörter wie Pinselstriche. Auf die Frage „Wonach sucht die Kalligrafie?“ antwortete Alam, dass es um die Gottes- und Menschenerkenntnis gehe.

Die Kalligrafie sei eine Brücke zwischen den einzelnen Buchstaben, die Gedanken der Versöhnung und das Zusammenspiel eines Ganzen darstellen. „Jeder Buchstabe gibt seine Individualität für ein Ganzes auf“, betonte er. Das entstandene Bild sei demnach ein Abbild des Zusammenlebens auf der Welt. Der heutige Mensch aber sei zu sehr mit sich selbst beschäftigt und auf sich selbst ausgerichtet, woraus kein „Gemeinsam“ entstehen könne.

Das müsse verändert werden und dies sei nur durch solche Organisationen wie das House of One möglich. Die Rolle der Religion in der Kalligrafie umschrieb er in der Weise, dass die Religion ein wichtiges Motto in der Kunst sei. Was Alam damit meinte, verdeutlichte er mittels einer Allegorie: „Betrachtet man nur die Natur, so fällt auf, dass in der Natur eine Harmonie herrscht; zum Beispiel zwischen den Bäumen, den Äste und den Blättern. So ist das auch mit der Kalligrafie-Kunst und der Verbindung der einzelnen Buchstaben. Da nun einmal die Natur ein Werk Gottes ist, ist mein Beweggrund die Religion.“

Überraschung für das House of One

Für das House of One fertigte der erfahrene Künstler übrigens ein spezielles Geschenk an. Darauf zitierte Alam drei Sätze aus den Büchern der monotheistischen Religionen. Diese Sätze verzierte er mittels seiner Kalligrafie um einem Kreis herum: „Höre Israel“ aus der Thora, „Am Anfang war das Wort“ aus der Bibel und „(Er ist) Gott, (der) der Einmalige von absoluter Einheit (ist)“ aus dem Koran.

Der äußere Kreis mit den Zitaten sei dabei die perfekte symbolische Form der Einheit. Der innere zweite Kreis symbolisiere wiederum das Universum. Dieser sei wiederum von der Schrift „Al Baitul Vahid“ (englisch: House of One) umkreist.

Das Highlight des Abends war die Live-Performance Alams. Seinen Satz „Jeder Buchstabe gibt seine Individualität für ein Ganzes auf“ illustrierte der erfahrene Künstler anhand von drei Sätzen, die er mittels seiner künstlerischen Gestaltung darstellte. Zunächst schrieb er die Buchstaben einzeln auf, dann verband er sie. Passend zu seinen Handbewegungen begleiteten ihn seine Söhne mit der Violine und auf dem Klavier.

Auch bei den Teilnehmern fand der Abend positive Resonanz. Andrea Carls schilderte ihre Eindrücke mit den Worten: „Ich bin positiv überrascht. So etwas habe ich nicht erwartet. Die Kalligrafie kannte ich zwar vom Hören, aber die Perspektive zur Religion ist mir neu.“ Dieter Wulf äußerte seine Erfahrung mit der Kalligrafie als „neue Welt“. Der religiöse Bezug sei sehr tiefsinnig und interessant. „Der Bezug zum House of One ist sehr gelungen“.