Clausnitz

Ich stelle mir vor, Clausnitz wäre ein Anfang gewesen, hätte ein Anfang sein können. Der absolute Tiefpunkt, das absolute Ende als ein Neubeginn. Ich stelle mir vor, wir hätten das kalte Entsetzen, das jeden, der ein Herz hat, gepackt hat, packen musste, als er die verwackelten Handybilder vor dem Flüchtlingsheim sah, dass wir dieses kalte Entsetzen bei den Händen gegriffen hätten, dass wir Clausnitz als einen Auftrag, eine Aufgabe, als endlich jene Zäsur begriffen hätten, die sie strenggenommen nicht zum ersten Mal war: Nämlich als der Auftrag, noch stärker, noch lauter, noch entschiedener, noch kompromissloser für ein offenes, neues, freundliches, humanes Deutschland zu kämpfen. Ein Deutschland, das viele von uns, das weiß ich, da bin ich mir sicher, sich so sehr wünschen, wie kaum etwas anderes.

Diese Chance ist noch nicht vertan, in Wahrheit stellt sich diese Chance jeden Tag neu.

Ich selbst schreibe nun Texte, in denen ich meinen Leuten erkläre, dass diejenigen, die nun mit einem Finger auf uns Ostdeutsche zeigen, dass diese Leute recht haben. Wir, also die Ostdeutschen, haben zu lange weggesehen. Wir haben diesen so oft beschriebenen Riss, der durch uns, durch unsere kleine Gesellschaft ging, gesehen, wir haben ihn gefühlt, er ging oftmals durch uns selbst. Wisst ihr, wir kennen diese Clausnitzer besser als ihr, manche von uns haben Clausnitzer in ihrer Familie, andere kennen Clausnitzer aus ihrem Sportverein, sind mit Clausnitzern zur Schule gegangen. Wir haben diesen Riss gesehen, wir haben ihn gefühlt, aber offenbar sind wir doch all zu oft, all zu schnell zur Tagesordnung übergegangen. Clausnitz ist auch unsere Schuld, unser Versagen.

Aber weil ich das weiß, und weil ich viele Ostdeutsche kenne, die das auch wissen, die nach Clausnitz und wahrscheinlich schon vorher, unter diesem Riss und unter der Schuld litten, umso mehr verstört es mich, von Bekannten, von Unbekannten, von Freunden hier und woanders zu lesen, dass sie nun endgültig die Schnauze von uns voll hätten; dass sie NOT IN MY COUNTRY glauben schreiben zu müssen; dass Sachsen ja wohl das schrecklichste Bundesland sein muss, das man sich vorstellen kann, (by the way, das ist ein Wanderpokal, in den vergangenen Jahren hat es erst Brandenburg und dann Thüringen getroffen); dass sie nun auch keinen Bock mehr hätten, sich unsere (Identitäts-)Geschichten anzuhören; dass sie nun auf keinen Fall mehr einen Fuß nach Sachsen setzen würden. Und so weiter, und ich denke wieder, Clausnitz hätte ein Anfang sein können, das absolute Ende als ein Neubeginn. Aber das war es nicht.

Honestly, wenn ich von eurer Wut auf uns lese, denke ich, nun habt ihr endlich einen Grund, sauer auf uns zu sein. Eigentlich wart ihr es schon länger. Wart ihr es schon immer? Wann wart ihr zum letzten Mal in Ostdeutschland? Und ich meine nicht Leipzig oder Potsdam. Seid ihr je in einem Clausnitz gewesen? Habt ihr je wirklich gedacht, dass wir wirklich zu eurem Land gehören, jenes Land, aus dem ihr uns nun am liebsten rausschmeißen wollt? Habt ihr je unseren Identitätsgeschichten zugehört, also ich meine, wirklich zugehört. Nicht pflichtbewusst, nicht gelangweilt, nicht mit kaltem Herzen? Habt ihr je mit Leuten gesprochen, die Clausnitzer in ihrer Familie haben? Oder haben sie euch solche Geschichten eher nicht erzählt, weil sie…

Clausnitz war kein Anfang, es war ein Ende, in vielen Richtungen. Demokratische Werte sind für mich immer Toleranz und Würde und Mitmenschlichkeit und Menschlichkeit gewesen, manchmal auch bis an die Schmerzgrenzen, vor allem bis an die Schmerzgrenzen. Demokratie heißt, den zu verstehen, der anders ist als ich selbst. Demokratie heißt, Verbündete zu suchen, auf allen Seiten. Demokratie heißt, für die Demokratie zu kämpfen. Was ich sagen will, die Ostdeutschen brauchen mehr als je zuvor Beistand und Solidarität. Was ich sagen will: Lasst uns Clausnitz zu einem Anfang machen, nicht zu einem Ende. Sagt den Ostdeutschen, dass sie zu euch gehören, dass ihr mit ihnen gemeinsam kämpfen wollt, für die Demokratie, für ein offenes, neues, freundliches, humanes Deutschland.

Denn dafür ist es eigentlich nie zu spät.