MEINUNG Es tobt wieder ein Karikaturen-Streit in diesen Tagen. Diesmal geht es nicht um einen Streit um den Islam, auch nicht um einen solchen zwischen dem Abendland und dem Morgenland, zwischen Europa und der islamischen Welt.

Nein, diesmal geht es um Erdoğan; die Streitpartner sind die deutsche Öffentlichkeit und die Türkei. Nachdem man entdeckt hatte, dass in einem Schulbuch in Baden-Württemberg eine Karikatur verwendet wurde, in welcher der Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, als ein Hund dargestellt wurde, gab es offizielle Kritik aus der Türkei. Der deutsche Botschafter in Ankara wurde einbestellt. Ihm wurde erklärt, dass die Türkei die Darstellung ihres Präsidenten als Hund nicht lustig findet – Pressefreiheit hin, Pressefreiheit her.

Es gab auch Gespräche zwischen den Konsulatsangehörigen in Stuttgart und Vertretern des Landes Baden-Württemberg.

Neue Munition aus Berlin

Doch kaum ist dieser Streit beigelegt, kommt neue Munition: Auch der Tagesspiegel aus Berlin wartet mit einer neuen Karikatur auf. Wieder geht es um Erdoğan, wieder dargestellt als Hund.

In der Karikatur des Tagesspiegels ist Erdoğan als ein Hund dargestellt – deutlich zu erkennen mit Schnurrbart – liegt in seiner Hütte, welche für seinen neuen Palast mit „tausendundeins“ Zimmern steht und sagt: „Was für eine Beleidigung! Meinen schönen neuen Palast als Hundehütte zu zeichnen!“

Zugegeben: Die erste Karikatur, die 2011 veröffentlicht wurde und sich nun in einem Schulbuch findet, ist geschmacklos. In der Karikatur geht es auch gar nicht um Erdoğan, sondern um die Integration von türkischstämmigen Bürgern in Deutschland. Auch die aktuelle Karikatur des Tagesspiegels ist wenig diplomatisch.

Karikatur als Ausdruck der Fremdenfeindlichkeit?

Trotzdem: Der Streit tobt nicht zwischen zwei Zartbesaiteten, auch wenn die Reaktion der türkischen Seite dies nahelegt.

In der Erklärung des türkischen Außenministeriums hieß es nämlich, dass die besagte Karikatur ein Ausdruck des zunehmenden Rassismus und der Ausländerfeindlichkeit in Deutschland sei, dass in Demokratien für solche Initiativen kein Platz sei, diese die Persönlichkeitsrechte verletzten und Hass in der Gesellschaft schürten.

Dabei ist Erdoğan ein Politiker, der selbst überhaupt nicht zimperlich ist, der von Polemik und vom Schüren von Hass lebt. Für keinen Streit ist er sich zu schade. Seit fast einem Jahr führt er eine bis dahin kaum gesehene Hasskampagne gegen einen Teil der Bevölkerung. Die Zahl der Schimpfwörter, mit der er nach der Hizmet-Bewegung wirft, wird mittlerweile mit über 200 angegeben. Unter seiner Regierung ist die türkische Gesellschaft gespaltener als je zuvor.

Hasskampagne mit gutem Grund

Allerdings mit gutem Grund: Es gilt, die größte Korruptionsaffäre in der Geschichte der Türkei in den Schatten zu stellen, die Gewalten in seiner Person wiederzuvereinigen und den Staat mit seinen Anhängern zu besetzen.

Für diesen Zweck führt der Teil der Medien, den er kontrolliert, eine regelrechte Diffamierungskampagne gegen alle Teile der Bevölkerung, die nicht auf einer Linie mit seiner Politik sind. Nicht nachgewiesene Behauptungen werden aufgestellt, Richtigstellungen ignoriert und ungestört weitergemacht, als wäre nichts geschehen.

Also: Bekommt Erdoğan die Quittung für eine Politik, die von Streit, Hass, Konfrontation lebt? Schon das Alte Testament wusste: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Und die Volksweisheit weiß: Wer in einem Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Die Antwort: Nein. Die Karikaturen sind geschmacklos und daneben. Aber was sind Karikaturen angesichts einer solchen Ballung von Unrecht, Hass, Diffamierung? Sie mögen allenfalls lästigen Mückenstichen gleichen.

Trotzdem mögen sie ein Verbrechen gegen die Herrlichkeit seiner Majestät, dem Sultan Erdoğan I. (dem Ersten) sein. Mal sehen, wie weit die Macht des Weltherrschers aus der Neuen Türkei reicht.