Bundespräsident Joachim Gauck und andere Politiker und Prominente gedenken am 09.06.2014 beim Kulturfest

Kinder tollen herum, Musik dröhnt und der Duft von türkischem Essen liegt in der Luft. Auf den ersten Blick wirkt die Kölner Keupstraße fröhlich, es herrscht Jahrmarktstimmung. Doch seit dem Nagelbombenanschlag 2004 herrscht Verunsicherung in der Keupstraße. Acht Jahre lang wurden die Opfer als Täter verdächtigt, die Hinweise auf einen rechtsterroristischen Hintergrund ignoriert.

Bis heute erinnert wenig in der Keupstraße an den Anschlag. Die sichtbaren Schäden sind längst beseitigt. Eigentlich sollte bereits im vergangenen Jahr eine Gedenktafel aufgestellt werden, bislang ist nichts passiert. Lediglich ein unscheinbares Schild im Schaufenster des Friseursalons Özcan scheint in der Zeit stehengeblieben zu sein. „Gegen Hass und Gewalt“, ist dort auf Deutsch und Türkisch zu lesen.

Täter sind bekannt

5,5 Kilogramm Schwarzpulver und etwa 800 Zimmermannsnägel detonierten am 9. Juni 2004 in einer Gasflasche vor dem Ladenlokal. Die selbst gebaute Bombe verletzte 22 Menschen zum Teil schwer und verwüstete den Friseursalon Özcan völlig. Dass es auf der mehrheitlich von Zuwanderern bewohnten Straße im rechtsrheinischen Kölner Stadtteil Mülheim keine Toten gab, grenzt an ein Wunder.

Bislang konnte juristisch nicht eindeutig geklärt werden, wer hinter dem Anschlag steckt. Dass Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos vom sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) die Bombe vor dem Friseurgeschäft platzierten, beweisen Videoaufnahmen jedoch ohne Zweifel.

Aus Opfern werden Täter

Konnten Terroristen aus Jena ohne ortskundige Helfer eine Bombe in Köln legen? Wer waren die Unterstützer? Warum die Keupstraße? Diese und weitere Fragen bleiben weiter ungeklärt und werden in Zukunft einen Untersuchungsausschuss im Landtag von Nordrhein-Westfalen beschäftigen.

Angeblich wurde 2004 in „alle Richtungen“ ermittelt. Doch die ermittelnden Polizisten setzten die Opferfamilien unter Druck, vermuteten Drogengeschäfte und kriminelle Machenschaften. Die Bewohner fordern endlich Aufklärung.

Der Anschlag und die einseitigen Ermittlungen und Medienberichte in den Jahren danach haben das Leben in der Keupstraße lange Zeit bestimmt. Misstrauen und gesellschaftliche Isolation wurden über Jahre zum Normalzustand. Erst seit dem Ende des sog. NSU-Terrornetzwerks 2011 gelten die Anwohner nicht mehr als kollektiv Verdächtige. Eine neue Öffnung der Keupstraße hat stattgefunden, die am Sonntag ihren vorläufigen Höhepunkt erlebte.

Kulturfestival gegen das Vergessen

Mit einem Kulturfestival begingen Opfer und Stadt gemeinsam den Jahrestag des Attentats. Rund 250 Einzelveranstaltungen haben die Organisatoren auf die Beine gestellt. Auch Bundespräsident Gauck war da. „Das Besondere hier ist, dass viele Leute etwas zusammen machen, die sonst nichts zusammen machen“, sagt Veranstalter Roland Temme.

An bunten Ständen treffen Bewohner und Besucher aufeinander. Die Atmosphäre ist freundlich und ausgelassen. Frauen mit Kopftüchern kommen mit Studentinnen in dünnen Sommerkleidern ins Gespräch. Es wird viel gelacht.

„Das Kulturfest betont die Vielseitigkeit Kölns und stärkt die türkisch-deutsche Verbindung“, sagt Sandra Beindorfer (56) aus Leverkusen. Sie ist mit der ganzen Familie unterwegs und zum ersten Mal in der Keupstraße.

Neben der ohnehin belebten Keupstraße und Teilen des benachbarten Carlswerk-Geländes öffneten auch Geschäftsleute ihre Räume. Sie stellten Teile ihres Restaurants, Bäckereien oder ihre Hinterhöfe zur Verfügung. All diese Orte wurden mit Kunst, Musik, Theater, Tanz, Lesungen, Filmen und Workshops für Kinder bespielt. Die Keupstraße strotzt an diesem Tag vor Leben und zeigt, dass Fremdenfeindlichkeit in Köln keine Chance hat.

Die Wut bleibt

Doch es bleibt noch einiges zu tun: „Es wird höchste Zeit, dass der Anschlag vollständig aufgeklärt wird“, sagt Mahmut Öztürk, ein Kioskbesitzer aus der Keupstraße. Seitdem im Herbst 2011 der sogenannte NSU aufgedeckt wurde, habe er schon viele Politiker in seiner Straße beobachten können. „Sie kommen, reden und verschwinden wieder. Wirklich verändern, tun sie nichts“, sagt er.

Das Aktionsbündnis „Birlikte“ will Rassismus und Ausgrenzung bekämpfen. Mit dem Kulturfestival haben sie bereits eines geschafft: Die Keupstraße rückt wieder in den öffentlichen Fokus. Menschen aus der ganzen Region kommen nach Köln-Mülheim und machen sich selbst ein Bild. Die gefärbten Kommentare sind aus den Zeitungen verschwunden und die Bewohner schöpfen neues Vertrauen.

Der Anschlag und seine Folgen lassen sich durch kein Gedenken, kein Konzert und kein Fest ungeschehen machen. Aber die menschenverachtende Ideologie der Rechtsextremen spielt an diesem Tag keine Rolle mehr. Es kommen Menschen zusammen, die gemeinsam in einer Stadt leben und für eine gemeinsame Zukunft stehen. Das Kulturfest ist eine gelungene Einladung der Keupstraße, der an diesem Tag Zehntausende Besucher nachkommen.