Im zweiten Teil des Interviews spricht der Vorsitzende von Kimse Yok Mu, Ismail Cingöz, über das Vorgehen der türkischen Regierung gegen seinen Verein und dessen Engagement für notleidende Palästinenser.

Warum geht eine Regierung juristisch gegen eine Hilfsorganisation vor?

Die Antwort auf diese Frage sollte nicht ich, sondern diejenigen geben, die uns den Vorwurf machen, eine terroristische Organisation zu sein. Ich glaube, wie kein anderer Verein vor uns in der Geschichte der Republik haben wir alles gegeben, um die gesetzlichen Bestimmungen zu erfüllen. Wir sind uns unserer Sache so sicher, dass wir vorsichtshalber knapp 100 mal mehr Unterlagen bereithalten, als gesetzlich vorgeschrieben. Vielleicht sollte ich mit einem LKW voller Unterlagen zum Gouverneur fahren und sagen: „Hier sind die angeforderten Unterlagen.“ Stellen Sie sich mal vor: Sogar die zuständige Staatsanwaltschaft für die Sicherheit der Verfassungsordnung schreibt uns wegen unserer Opferfest-Kampagne an. Auf Nachfrage bei der Staatsanwaltschaft erfahren wir, dass es keinen Eintrag im UYAP-Informationssystem dazu gibt. Die Anklage, die gegen uns eingeleitet wurde, hatte kein Aktenzeichen im Zentralsystem. Als Grund nannte man uns, die Akte unterliege strikter Geheimhaltung, weil gegen uns wegen des Verdachts, eine terroristische Organisation zu sein, ermittelt werde. Wir wissen noch nicht einmal, wer genau als Verdächtiger gilt. Es ist eine Inszenierung wie im Fall „İskilipli Atıf Hodscha“. Erst wird das Urteil gefällt, dann kommt die Gerichtsverhandlung.

Haben Sie Angst als Anführer einer terroristischen Vereinigung festgenommen zu werden?

Ich habe bis heute in fast 60 Vereinen gearbeitet und wurde dabei noch nie irgendeiner Verfehlung beschuldigt. Für meine Arbeit bin ich bereit, jeden Preis zu zahlen. Falls dieser Preis der Galgen ist, bin ich auch dazu bereit. Ich werde davor keinen Augenblick zurückschrecken. Von keinem Mitarbeiter oder Freiwilligen werden Sie etwas anderes hören.

Sie leisten Hilfe in Krisengebieten und auch in Ländern, in denen Krieg herrscht. Hatten Sie Kontakte zum türkischen Geheimdienst MİT?

Nein, niemand vom MİT hat jemals auch nur ein Glas Tee bei mir getrunken. Der einzige, den ich kenne, der was mit dem türkischen Geheimdienst zu tun hat, ist der ehemalige Botschafter der Türkei in Brüssel und jetzige stellvertretende Staatssekretär İsmail Hakki Musa, der zweite Mann nach Hakan Fidan. Ich kenne ihn aus seiner Zeit als Botschafter, weil ich in Brüssel für einen Verein tätig war.

Über den Geheimdienst sagt man, er würde besonders enge Kontakte zu Vereinen suchen, die sich um syrische Flüchtlinge kümmern. Ist der Geheimdienst jemals mit besonderen Wünschen an Sie herangetreten?

Nein, niemals. Und darauf bin ich auch besonders stolz. Das zeigt, wie bekannt Kimse Yok Mu für seine integere Haltung beim Thema humanitäre Hilfe ist.

In welchem Umfang helfen Sie den syrischen Flüchtlingen?

Wir sind Mitglied des Wirtschafts- und Sozialrates der UN. Das UNHCR hat uns eine Zusammenarbeit bei der Hilfe für syrische Flüchtlinge angeboten. Wir haben das UN-Kommissariat darauf hingewiesen, dass es besser wäre, wenn sie mit Vereinen kooperieren, mit denen die türkische Regierung keine Probleme hat.

Daraufhin haben sie geantwortet, dass sie unsere Arbeit schon seit längerem beobachtet haben und sich sicher seien, dass unsere Hilfsgüter die Bedürftigen zu 100% erreichen. Deshalb wollten sie unbedingt mit uns zusammenarbeiten. Die UN hat ihre Hilfsgüter über uns an die syrischen Flüchtlinge weitergeleitet. Zur Zeit erreichen wir mehr als 100.000 von ihnen. In Kilis haben wir eine Armenküche für Syrer und in Yayladağ Schulen für ihre Kinder gebaut. Aber über die Grenze konnten wir nicht.

Sie leisten auch humanitäre Hilfe im Gazastreifen und im Westjordanland. Um einen bekannten Ausdruck zu bedienen: „Haben Sie die Erlaubnis der regionalen Autorität eingeholt?“

Viele reagieren verwundert, wenn wir berichten, dass wir im Gazastreifen dauerhaft humanitäre Hilfe leisten. Die meisten von denen, die auf der Straße Gaza-Parolen skandieren, haben keine Ahnung, wie man dorthin Hilfe überbringen kann. Man muss nicht unbedingt einen Lastwagen oder ein Schiff aus der Türkei in dieses Gebiet schicken. Man kann in Zusammenarbeit mit der jeweiligen palästinensischen Verwaltung sehr wohl den Bedürftigen helfen. Der Beleg dafür sind die mehrfachen Auszeichnungen durch die Stadtverwaltung Gaza, die wir erhalten haben.

Hat die Hamas Ihnen keine Probleme bereitet?

Ich will nicht sagen, dass sie uns behindert hätten, aber mit offenen Armen haben sie uns auch nicht gerade empfangen. Ich vermute, dass der Druck, den die türkische Regierung auf einige afrikanische Länder ausgeübt hat, um die Schließung von türkischen Schulen zu erwirken, auch auf die Hamas ausgeübt wurde. Dennoch setzen wir unsere Hilfsprojekte fort.

Die türkische Regierung hat Ihnen die Lizenzen für alle Spendenaufrufe Ihrer Kampagnen entzogen. Wie können Sie trotzdem Spenden sammeln?

Leider wird Kimse Yok Mu in diesem Jahr nicht gestattet, eine Ramadan-Spendenkampagne durchzuführen. Es ist uns sogar untersagt, über die Medien auf unsere Ramadan-Aktion aufmerksam zu machen. Alle Spendenkonten von Kimse Yok Mu und SMS-Spendenleitungen wurden geschlossen. Ich habe eine Bitte an alle ehrenamtlichen Unterstützer von Kimse Yok Mu: Wir haben in der Türkei sehr viele bedürftige Familien, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Es gibt Millionen von Waisenkindern, die nur darauf warten, von uns an unsere Tische eingeladen zu werden. Ein Iftar kostet uns nur etwa 2 Euro. Bitte ladet diese Bedürftigen zu euch ein, seid Vorbild. Keiner von uns sollte ohne Gast zum Iftar speisen…

Interessierte können sich unter www.kimseyokmu.org.tr oder ramazan.kimseyokmu.org.tr über Spende- und Hilfsmöglichkeiten informieren.