Kinder-Universitäten in der Türkei

Es war in der Türkei im Laufe der letzten zehn Jahre nicht nur ein wirtschaftlicher und industrieller Boom, sondern auch ein struktureller und gesellschaftlicher Aufschwung zu verzeichnen. Im Bereich der Bildung erblühen im ganzen Land Kindertagesstätten mit individuellen pädagogischen Modellen, wie z.B. Montessori-Kindergärten. Mehrsprachige, etwa deutsch-türkische oder englisch-türkische Kindertagesstätten sind keine Seltenheit und werden mindestens in allen Großstädten angeboten. Die frühkindliche Erziehung sowie die Tagespflege werden rasant ausgebaut und gefördert, um den berufstätigen Eltern eine qualitativ gute Betreuungsmöglichkeit zu gewährleisten.

In den Bereichen Sport, Kultur, Theater, Literatur und Musik gibt es zahlreiche Angebote für Kinder als außerschulische Projekte und Kurse, die es ihnen ermöglichen, sich frei zu entfalten. Das Bildungsministerium ist gerade dabei, alle Schulen auch technisch auf den neuesten Stand zu bringen. Etwa 2,5 Millionen Tablet-PCs sollen im Rahmen des Fatih-Projektes an alle 5. und 9. Klassen verteilt werden. Das Lehrmaterial wird hierbei auf den Festplatten gespeichert, somit fallen die Lehrbücher weg und die Aktualisierung erfolgt je nach Schuljahr und Lehrplan.

Kinder-Universitäten im Aufschwung

Im Jahre 2007 beschäftigte sich die Universität in Ankara erstmals mit einem Konzept zur Bildung von wissenschaftlichen Lern- und Projektgruppen für Kinder. 2009 hat sich die Türkei an das Netzwerk der „European Children’s Universities“ (EUCU.net) angeschlossen und konnte somit europaweit an verschiedenen wissenschaftlichen Projekten teilnehmen und sich austauschen. Seit 2011 gibt es Vorlesungen für Kinder unter anderem an der Istanbul Universität, Anadolu Universität, Trakya Universität, Malatya İnönü Universität, Sinop Universität, Ege Universität, Fatih Sultan Mehmet Universität, Ordu Universität, Düzce Universität, Aydın Universität und vielen weiteren mehr.

In der letzten Woche hat nun die Yıldız Teknik Universität in Kooperation mit dem Istanbul Fatih Kolleg im Rahmen ihres Kinder-Uni-Projektes 44 hochbegabte Kinder mit einem Diplom ausgezeichnet. Der Rektor der Universität, Ismail Yüksek, schwärmte enthusiastisch über die „Stars“ der Zukunft und gab seiner Hoffnung Ausdruck, alle Kinder später als Studenten wiedersehen zu können. Neben 150 weiteren Studiengängen ist die Kinder-Uni als letzter dazu gekommen. Yüksek möchte dieses Projekt nun auch an vielen anderen Universitäten umsetzen.

Erste Diplome für hochbegabte Kinder-Uni-Absolventen

Der Leiter der Merter Fatih-Privatgrundschule, Cafer Coşkun, befasst sich mit der Auswahl der hochbegabten Schüler und erklärt, dass abgesehen von der Wissensvermittlung laut Unterrichts- und Lehrplan zusätzlich das Ziel angestrebt wird, den hochbegabten Schülern die Option des Kinder-Uni-Projektes anzubieten. Zu den wichtigsten Fächern zählt Coşkun hierbei Denkfähigkeit, audio-visuelle Wahrnehmung und Kreativität. „Zur Erweiterung des Horizonts und besseren Integration in die Gesellschaft benötigen die hochbegabten Kinder eine besondere Form der Bildungs- und Wissensvermittlung, mit der sie am Ende auch selbst zufrieden sein sollen“, erklärt Projekt-Koordinator Hüdaverdi Kartal.

Der hochbegabte Schüler Mehmet Ali Halaç (14) freut sich über die Wissensvermittlung an der Universität und erklärt, dass er sehr viel lernen konnte. Feyzi Kaya (13) empfindet die akademische Ausbildung als eine Bereicherung und sieht sie Grundlage für seine zukünftigen Entscheidungen und Lebenswege. Die Fachbereiche und Vorlesungen, an denen die Kinder auf dem Niveau von Dozenten geschult werden, sind Astronomie, Unternehmensführung, Physik, Chemie und Biologie.

In Üsküdar/Istanbul werden seit Januar 2013 etwa 290 hochbegabte Kinder zwischen 6 und 18 Jahren an der ersten offiziellen Kinderuniversität auf eine Weise unterrichtet, die dem Wissens- und Bildungsbedarf der Schüler angepasst ist.

Die erste Vorlesung des Kinder-Uni-Projekts fand übrigens im Juni 2002 in Tübingen statt. Der Hörsaal brach schon am ersten Tag angesichts des Besuches durch etwa 400 Kinder fast auseinander. Der PISA-Studie zum Trotz entwickelte sich dieses Projekt zu einem vollen Erfolg. Die Idee dazu hatten die beiden DVA-Autoren und Journalisten Ulla Steuernagel und Ulrich Janßen. Mittlerweile haben sie 3 Kinder-Uni-Bücher veröffentlicht, die in 15 Sprachen übersetzt wurden. 2009 erhielten sie für ihre Erfolge das Bundesverdienstkreuz.