Premierminister Erdoğan beschuldigte die Koç-Holding, zu den Drahtziehern der Gezi-Proteste gehört zu haben. Das Unternehmen weist die Vorwürfe nun zurück.

Die Koç-Holding steht für 12 Prozent des türkischen Exportvolumens und ist damit das größte – und mächtigste – Unternehmen der Türkei. Der Vorsitzende der Koç-Holding, Mustafa Koç, hat nun Darstellungen zurückgewiesen, seine Unternehmensgruppe habe aktiv die Proteste im Gezi-Park unterstützt, die im Frühsommer die Türkei erschüttert hatten. Dass einzelne zur Gruppe gehörige Divan Hotels für Demonstranten auf der Flucht vor der Polizei geöffnet wurden, geschah ausschließlich aus humanitären Erwägungen.

„Es gibt eine Reihe von Mutmaßungen über eine große Verschwörung gegen die Türkei und dass wir ein Teil davon wären. Aber es ist uns wichtig, bei jeder Gelegenheit zu sagen, wie entscheidend innerer Frieden sowie ökonomische und soziale Stabilität sind, um die Zukunft und das Gedeihen des Landes und damit auch das der Geschäftswelt sicherzustellen. Alleine schon deshalb müssen wir dem Gedanken entgegentreten, wir würden uns mit Gruppen verbünden, die gegen die Stabilität der Türkei agieren“, betonte Koç.

Mustafa Koç hatte zu einem Treffen von Unternehmensführern mit bedeutenden türkischen Zeitungen geladen. Das Meeting hätte bereits im Mai stattfinden sollen, die sich bereits abzeichnenden Proteste im Taksim-Bezirk rund um Neubebauungspläne für den Gezi Park zwangen das Unternehmen, dieses zu verschieben.

Während der Proteste wurde einigen Protestierenden im nahe am Park gelegenen Divan-Hotel Istanbul Schutz geboten, während der Sit-Ins wurde sogar teilweise Nahrung gereicht. Allerdings veröffentlichte die Gruppe damals auch eine Stellungnahme, wonach man eine direkte Beteiligung an den Demonstrationen, die sich in späterer Folge gegen die Regierung insgesamt richteten, zurückwies.

Koç für Recht auf Versammlungsfreiheit, solange es friedlich bleibt

Premierminister Erdoğan hatte die Koç-Gruppe als Teil der Aufrührer benannt und angekündigt, Konsequenzen zu ziehen. Seit dieser Zeit gab es einige intensive Razzien in einigen größeren Unternehmen der Gruppe, darunter TÜPRAŞ, Aygaz und Opet Petrolcülük infolge von Routinekontrollen, das nationale Kriegsschiffprojekt (MILGEM) wurde storniert, das im Januar 2013 für 2,5 Milliarden US-$ an das Koç-Unternehmen RMK Marine gehen sollte, außerdem soll die Unternehmensgruppe auch bei der Auftragsvergabe für den Kalamış-Hafen leer ausgegangen sein. Wie es aussieht, bekommt das reichste Konglomerat des Landes bei Regierungsaufträgen kein Bein mehr auf die Erde. Die Gruppe hat zu den Vorfällen bis Montag auch geschwiegen, ehe Mustafa Koç sich in der oben zitierten Weise zu Wort meldete.

Allerdings äußerte sich der Unternehmer auch kritisch über den Umgang mit den Demonstranten und gab seiner Hoffnung für die Zukunft in der Türkei Ausdruck: „Ich habe eine 18-jährige Person und eine 70-jährige Oma in Taksim nebeneinander gesehen. Es ist nicht richtig, alle, die ihr Recht, zu protestieren, nutzen, über einen Kamm zu scheren. Es ist ihr natürliches Recht, sich zu versammeln, solange es friedlich bleibt“, betonte Koç. Es würde nicht weiterhelfen, einen normalen Demonstranten mit einem Gewalttäter mit Molotowcocktails gleichzusetzen, das würde nur Polarisierung erzeugen.

Koç gab seiner Sorge über die Polarisierung in der Gesellschaft Ausdruck und rief jeden dazu auf, es zu unterlassen, Öl ins Feuer zu gießen. Der Geschäftsmann drückte auch seine Besorgnis darüber aus, dass der Name Koç in so vielen Spekulationen auftauche.

Koç erklärte auch das lange Schweigen der Gruppe zu den Ereignissen: „Die Ereignisse waren noch ganz frisch und deshalb war es richtig, sich ruhig zu verhalten. So viele Menschen haben geredet. Die Sozialen Medien haben gute Seiten: Sie sind transparent und man kommt sofort an Informationen. Gleichzeitig kann eine Veranstaltung leicht verzerrt werden. Es gab sogar Falschinformationen, etwa dass wir Fabriken schließen würden, und ich wurde als Quelle zitiert.“

„Die Türkei hatte den Schluckauf“

Der Unternehmer meinte, Ankara hätte seiner Gruppe sogar einen Gefallen getan, als das Konsortium aus Koç Holding, Gözde Girişim, der Ülker Gruppe und der Malaysischen UEM Gruppe Berhad im Zusammenhang mit dem $ 5,65 Milliarden schweren 25-Jahres-Vertrag für die Landstraßen ausgebootet wurde, weil Erdoğan das Angebot zu niedrig fand. „Wir hatten unsere Berechnungen zu einem Zeitpunkt angestellt, als die türkische Lira noch bei 1,8 im Vergleich zum US-$ stand“, so Koç.

Gerüchte über einen Einstieg in den Automobilbau wies er hingegen zurück. Eine groß angelegte heimische Autoindustrie sei derzeit eher unwahrscheinlich.

In zwei weiteren, viel beachteten Statements befasste sich der Magnat mit der Situation der Türkei im Allgemeinen und mit dem Friedensprozess.

Zum Weg der Türkei meinte Koç: „Bis Mitte Mai schien alles in der Türkei beneidenswert gut zu laufen. Als wir Anfang Mai in London waren, sprach jeder nur in höchsten Tönen von der Türkei. Unser Ansehen stieg stetig – und tut es übrigens immer noch. Dann haben die geldpolitischen Statements in allen Schwellenländern für Unruhe gesorgt. Im Vergleich zu anderen und mit Blick auf die Zahlen erwiesen wir uns allerdings als verwundbarer. Wir müssen jetzt durch diese Situation hindurchsteuern. Ich glaube an das Potenzial in der Türkei. Soll ich sagen: Die Türkei hatte Schluckauf, oder vielleicht, dass sie auf ihrem Weg über einen Stein gestolpert ist?“