Kommt als nächstes Big Brother in Auschwitz?

Die frühere Knesset-Abgeordnete und Chefin der parlamentarischen Ethikkommission sowie der Untersuchungskommission für die Benennung und Restitution des Eigentums von Holocaustopfern, Colette Avital empörte sich: „Nein! Das war eine makabre Veranstaltung.“ Auch der Betreiber des Doku-Blogs „Löcher im Netz“ verurteilte die Misswahl scharf: „Was dürfen wir als nächstes erwarten? Big Brother in Auschwitz?“

Der Veranstalter des Wettbewerbs hingegen, Simon Sabag, wehrte ab: „Niemand hat das Recht, den Holocaust-Überlebenden zu sagen, was sie machen dürfen und was nicht. Das sollen sie selbst entscheiden.“ Thorsten Schmitz reiste einige Monate später nach Israel und berichtete von dieser außergewöhnlichen Veranstaltung im Magazin der Süddeutschen Zeitung.

Wer ist Chava Herschkowitz – die Miss Holocaust-Survivor 2012?

Es ist das Jahr 1942: Die aus Rumänien stammende Familie Herschkowitz befindet sich einem Lager in Transnistrien. Die achtjährige Chava sitzt neben der Pritsche der kranken und erschöpften Mutter. Sie hält ihr die Hand und wird von der Mutter gebeten, kurz nach draußen zu gehen. Als sie wieder zu ihr zurückkehrt, ist die Mutter, die an einer Bakterienruhr erkrankt war, schon tot. „Sie wollte nicht, dass ich sie sterben sehe“, sagt Chava Herschkowitz und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Die Tränen fließen auf ihre pinkfarbene Bluse. Rote Lippen, silbergraues kurzes Haar, eine anmutige und elegante alte Dame. Sie steht auf und sucht nach Beruhigungstabletten. Sie hat Angst davor, in ihren Träumen von den Erinnerungen verfolgt zu werden. Wenn sie darüber spricht, wacht sie nachts durch ihre eigenen Schreie auf. Sie geht dann auf den Balkon ihrer 2-Zimmer-Wohnung im Altersheim und setzt sich hin, um das Lichterspiel der Stadt zu beobachten. Die Lichter sagen ihr, dass das Leben weitergeht. Egal, was kommt. Egal, was war.

Chava Herschkowitz ist erleichtert und froh über die Teilnahme an dem Schönheitswettbewerb. Erstmals habe sie in aller Öffentlichkeit und vor der Jury des Wettbewerbs über ihre Erlebnisse im Transnistrien, die Auswanderung nach Israel und ihre Tätigkeit als Gewerkschaftssekretärin erzählen können. Als Gewinnerin bekam sie eine Urkunde, ein Wochenende in einem Hotel in Haifa und eine Krone geschenkt. Sie fragt: „Wollen Sie die Krone mal sehen?“ Schnell verschwindet sie im Schlafzimmer und kommt mit der Plastikkrone wieder, die sie sich aufsetzt und strahlend sagt: „Das ist doch gut, dass ich lachen kann“. Und sie fügt einen Gedanken hinzu: „Wissen Sie was? Dass ich an dem Wettbewerb teilgenommen habe, das ist auch meine Rache an den Nazis.“

Opfer der Armut – und dann die Idee

In Israel leben nur noch 210.000 Menschen, die den Holocaust überlebt haben, davon ist etwa ein Drittel von Armut betroffen. Eine israelische Reporterin berichtete bereits vor fünf Jahren in einem Fernsehbeitrag über die ärmlichen Verhältnisse von Frauen, die sich keine Hörgeräte leisten konnten und die Schuhe ihrer verstorbenen Männer tragen. Der Film hatte großes öffentliches Aufsehen erregt und die Politiker versprachen Hilfeleistungen. Viel traf davon nicht ein – das Thema der Armutsbekämpfung bei Holocaust-Überlebenden verschwand aus der Öffentlichkeit.

Simon Sabag ist Direktor von Jad Ezer Lechaver (Helfende Hände). Mit Spendengeldern der „Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem“ versorgt der Verein etwa 70 arme und vereinsamte Holocaust-Opfer in einem Altersheim in Haifa. Jährlich organisiert Sabag in einem Hochzeitssaal eine Feier, wo „das Leben gefeiert“, wie er sagt. Diesmal hat der Direktor eine ganz besondere Idee: Die Wahl der „Miss Holocaust-Survivor“ 2012.

„Die Welt soll sehen, dass diese Menschen auch Spaß haben können“

Der letzten Generation der Überlebenden gebührt noch einmal ein großer Auftritt in der Öffentlichkeit, betont Sabag. Die Idee, dies mit einem Schönheitswettbewerb zu verbinden, fand großen Zuspruch im Team und sogar der Psychiater war davon begeistert. Es bewarben sich 700 Israelinnen und es kamen 14 Frauen zwischen 74 und 97 Jahren in die engere Wahl. Frauen, die in Gettos und Konzentrationslagern dem Tod entkommen waren und einmal in ihrem Leben auf den Laufsteg wollten. Der Wettbewerb wurde gesponsert von einer israelischen Kosmetikfirma und die Jury bestand aus drei ehemaligen Schönheitsköniginnen sowie dem Psychiater. Laut Sabag sollte der Wettbewerb zwei Dinge erfüllen: „Dass die Holocaust-Opfer nicht vergessen werden und dass sie Spaß haben am Leben (…), nicht nur in der Opfer-Schublade landen!“ Die Veranstaltung war ein großer Erfolg. Nach dem Wettbewerb kamen hunderte Besucher in das Altersheim, um mit den Überlebenden Bridge zu spielen oder die Vorgärten zu pflegen und sie bei Arztbesuchen zu begleiten. Sabag freut sich auf den nächsten Wettbewerb und hat bereits 2.000 Bewerberinnen für dieses Jahr.

Träume erleben und wieder lachen

Chava Herschkowitz verlor ihre Mutter mit 8 Jahren. Es waren kleine Kinder mit Träumen. Träumen und Wünschen, wie jedes Kind sie haben mag. Verkleiden, Spielen, Rennen, Lachen, Springen und kleine Abenteuer erleben. Fantasien und die Schönheit des Lebens, die der Nationalsozialismus durch die Industrialisierung des Todes unmöglich machte. Der Tod beherrschte das Leben. Eltern, Verwandte, Freunde verschwanden ringsherum und vielen Kindern wurden somit die Vergangenheit, die Gegenwart und auch die Zukunft genommen. Das Urvertrauen in eine Gesellschaft, das Verständnis von Menschlichkeit und die Geborgenheit durch die Liebe der Familie wurden einfach ausgelöscht. Die Angst und die Erinnerung verfolgen stets das gesamte Leben der Holocaust-Opfer.

Die Gesellschaft sollte Respekt vor den möglichen offenen Wünschen der Überlebenden haben und ihnen die letzten Jahre so angenehm wie möglich gestalten. Diese Menschen sollten ein wenig Kindheit oder Jugend, heimliche schöne Träume, verrückte Ideen oder die vergessenen Wünsche in Erinnerung holen und unbedingt erleben, damit am Ende noch etwas Schönes den Abschied vom Leben begleiten kann.