Feride ist ein kleines Mädchen aus einem türkischen Dorf, das auf der Suche nach ihrer Identität ist.
Feride ist ein kleines Mädchen aus einem türkischen Dorf, das auf der Suche nach ihrer Identität ist.

Was sind wir? Sind wir Deutsch oder Türkisch? Zu welcher Kultur fühlen wir uns eher hingezogen? Ist es schlimm sich „halb-halb“ zu fühlen? Können diese Fragen in einer zunehmend kosmopolitischen Gesellschaft kollektiv beantwortet werden? Lautet die Frage vielleicht eher: Wer bin ich oder was bin ich? Was will ich von der jeweiligen Kultur als die meine bezeichnen und will ich sie selbstbewusst übernehmen oder auch ablehnen?

Es sind Gedanken, die bestimmt nicht nur mich beschäftigen. Es sind Fragen, mit denen Einwandererkinder in Deutschland groß werden und sich tagtäglich auseinander setzen müssen. Das sind wichtige Fragen der Identität, die von anderen unterschätzt werden. Die Antwort muss jeder für sich finden. Und es ist weiß Gott nicht einfach!

Es gilt Kulturen, Werte und Tradition des Herkunftslandes der Eltern sowie die der neuen Heimat- Deutschland- zu berücksichtigen. Dass man hierbei oft auf Gegensätze trifft und sich zwischen dem einen oder anderen entscheiden muss, kann einen schnell frustrieren. Man braucht nicht nur Liebe zu beiden Welten, sondern fast künstlerische Fähigkeiten, um beide Welten in Einklang zu bringen. Und wenn man es geschafft hat, ist man in zwei Welten zu Hause. Wie wunderbar, denkt man sich!

Das alles sind eigentlich Fragen, die ich mir bereits als Jugendliche stellte und immer noch  stelle. Bei der Lektüre des Buches „Hab keine Angst“ habe ich in den Erinnerungen der Autorin Zahide Özkan-Rashed Antworten auf meine Fragen gesucht.

In ihrem autobiografischem Debütroman „Hab keine Angst. Erinnerungen“ spricht sie von genau den Erfahrungen, die heute ein Einwandererkind auch macht- nur mit einem Unterschied: es liegen fast dreißig Jahre dazwischen. Özkan-Rasheds Erzählungen stammen aus den 60er, 70er und 80er Jahren und es kommt einem doch vor, als ob sie von der Gegenwart berichten würde.

Feride auf der Suche nach ihrer Identität

Die Hauptprotagonistin des Romans ist die junge Feride, die mit ihren Eltern aus einem kleinen türkischen Dorf am Marmarameer nach Offenbach kommt. Als kleines Mädchen träumt sie davon, Ärztin zu werden. Es geht in darum sich den alltäglichen Hürden der neuen Heimat zu stellen, es zu schaffen die eigenen kulturellen Wurzeln mit dem Neuen zu verbinden, das einem oft befremdlich daherkommt.

Feride nimmt sich sehr früh vor, ihren eigenen Weg zu gehen. Während dieser Reise sucht sie nach Antworten auf Fragen, wie: „Wer bin ich und wer will ich sein?“ „Ist es schlimm anders zu sein?“ Sie ist weder wie die „anderen“ in diesem neuen Land, noch wie ihre Eltern. Es wird zu ihrer Aufgabe etwas zu finden, das ihr Halt gibt, denn Vorbilder für ihren Weg, hat sie kaum.

Als Kleinkind sagt sie ihrem neugeborenem weinenden Bruder Selim, ganz spontan: „Korkma, ben Alman değilim! (Hab keine Angst ich bin nicht deutsch!)“ Das sind die Worte, mit denen sie ihn zu beruhigen versuchte.

Während Feride anfangs noch deutlich an ihrem Türkischsein hängt, ihre Gefühle und Gedanken in dieser Sprache ausdrückt und sich nur während der Urlaubszeit in der Türkei wirklich heimisch fühlt, lernt sie ab der Grundschulzeit ihre neue Heimat immer mehr lieben. Dabei spielt ihre Wahrnehmung in der Türkei als „Almancı“ eine wichtige Rolle: „Wenn Feride im Urlaub in der Türkei war, merkte sie jedes Jahr deutlicher, wie sehr sie in den Augen ihrer Landsleute schon eine „Deutsche“ geworden war.“

Feride beginnt ihre Gefühle und Gedanken in Tagebucheinträgen zu verarbeiten. Mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Sanftmut schafft sie es die Verbundenheit zu ihrer Familie beizubehalten. Es kommt nicht zu einem kompletten Bruch.

 Feride ist an ihrem Ziel angekommen 

Mit viel Ehrgeiz und Fleiß schaffte sie es sich die deutsche Sprache so gut anzueignen, dass sie als Tochter türkischer Migranten deutschen Kindern Nachhilfe gibt. Ihr größter Traum, einmal Ärztin zu werden, ist dabei ihre größte Motivation. Dies ließ sie sich von niemandem nehmen. Sie muss zwar immer wieder neue Hürden überwinden, aber mit ihrer Willensstärke, schafft sie es immer wieder einen Weg zu finden, um ihrem Traum näher zu kommen.

Auch wenn dies für sie bedeutet auf Widersprüche mit den Traditionen und Sitten aus Akdere, dem kleinen Dorf am Marmarameer, wo sie geboren ist, zu treffen. Erst mit 30 entscheidet sie sich zu heiraten, während viele aus ihrem Bekanntenkreis bereits waren und Kinder hatten. Auch heiratet sie nicht einen Türken aus dem eignen Dorf, sondern einen Araber, was sie anfänglich gegen den Widerstand der Familie durchsetzen muss.

Das Buch handelt von einem Leben, von denen es viele gibt. Sie finden kaum Aufmerksamkeit in den großen politischen Debatten. Der Mensch und sein Leidensweg, seine eigene Identität zu finden, steht im Mittelpunkt.