Da fragte sie mich, ob ich auch in den Krieg gezogen wäre. Wenn ich in Russland gelebt hätte. Gegen Deutschland. Unter Stalin. Ich weiß es nicht, antwortete ich. Je nachdem, wie ich aufgewachsen wäre. Je nachdem, wie ich sozialisiert worden wäre. Je nachdem, wie man mich behandelt hätte. Je nachdem, wie betroffen ich vielleicht wäre. Aber eine innere Stimme lässt mich wünschen, dass ich nicht (!) in den Krieg gezogen wäre.

Ein klares Nein kommt leider nicht mehr aus mir heraus.

So sehr ich Gewalt verabscheue. So gern ich sagen würde, nein, auf keinen Fall wäre ich in den Krieg gezogen. Aber man und auch frau hat immer gut reden – solange man nicht selber betroffen ist.

Ich kann auch deshalb nicht nein sagen, weil ich „sie“ kennenlerne. „Sie“ – das sind Frauen, die in den Krieg gezogen sind. Kriegerinnen, die für den Frieden Gewalt angewandt haben. Für ihren Frieden in den Krieg gezogen sind. Sie hätten meine Schwestern, meine Mutter oder meine Freundinnen sein können. Gesetzt diesem Falle hätte ich es wieder bevorzugt, selber in den Krieg zu ziehen. Statt dass ich sie hätte losziehen lassen, wäre ich selber gegangen. In den Krieg. Dazu ist mein Beschützerinstinkt gegenüber Frauen zu stark ausgeprägt, als dass ich ihr Gehen hätte aushalten können. Und nicht, weil ich dagegen bin, dass Frauen in den Krieg ziehen. Auch eine meiner weiblichen Vorbilder Aischa, die Frau des Propheten, zog in den Krieg. Und zog sich zurück, als sie merkte, dass sie im Unrecht war. Aber sie zog in den Krieg, solange sie der Ansicht war, dass es gegen Ungerechtigkeit ist. Für den Frieden. Für ihren Frieden.

Aber woher sollen wir wissen, was „der“ Frieden ist? Was „den“ Frieden bringt? Und:

Ist das Kriegspropaganda, wenn man über Frauen schreibt, die in den Krieg gezogen sind? Oder kann es auch aus feministisch angehauchten Gründen sein, starke Frauen in den Vordergrund stellen zu wollen? Was ist mit einer Jeanne d’Arc – zu deutsch: Johanna von Orleans, zum Beispiel? Wann gilt sie als Freiheitskämpferin? Wann als Fundamentalistin?

Und wie sieht es mit Peschmerga-Kriegerinnen im Irak aus, die gegen den IS kämpfen, und vor denen die IS-Terroristen Angst haben? Sind das Freiheitskämpferinnen? Oder Terroristinnen?

Fragen über Fragen. Vielleicht habt ihr ja Antworten darauf. Ich suche sie noch. Und vielleicht liegt genau darin der Frieden. Im stillen Suchen. Und Verstehenwollen.

Weiterführender Link zum Kriegerinnen-Projekt der Mannheimer Bürgerbühne, Nationaltheater Mannheim:

http://www.nationaltheater-mannheim.de/de/schauspiel/stueck_details.php?SID=1983