Krimtataren beten um Frieden und Stabilität

Nachdem Staatspräsident Viktor Janukowitch die Unterschrift unter das Assoziierungsabkommen mit der EU zugunsten Russlands verweigert hatte, entstand politisches Chaos im Land. Russland bewertete die Proteste als versuchten Staatsstreich. Die auf der Krim lebenden Tataren mit einer Bevölkerungszahl von ca. 2 Millionen Menschen auf einer Fläche von der Größe Belgiens befürchten nun negative Auswirkungen auf ihre Lage.

Da die Auswirkungen der politischen Unruhen jetzt auch die Krim erreichten, befürchtet Vladimir Konstantinow, Vorsitzender des prorussischen Krimparlaments, das Wegbrechen der Ukraine vom krisengeschüttelten Mutterland, wenn sich die Spirale der Gewalt weiter ausbreite. „Es kann sein, dass das Land auseinanderbricht, wonach es im Moment aussieht“, äußerte sich Konstantinow gegenüber russischen Medien.

Furcht vor der Abspaltung

Gegenüber „Today’s Zaman“ sagte der Vorsitzende des in Ankara ansässigen Vereins für türkische Kultur und Solidarität auf der Krim, Tuncer Kalkay, dass das Parlament auf der Krim die jetzige Chance nutzen könnte, um sich mit Hilfe Russlands von der Ukraine loszusagen – eine Situation, so Kalkay, die „das Ende für die Krimtataren“ bedeuten würde.

Wenn die Unruhen auf die Krim übergriffen, sähen sich 300.000 Krimtataren zwei Millionen Russen gegenüber. Die Soldaten der russischen Schwarzmeerflotte im Hafen von Sewastopol stünden bereit, auf der Krim einzumarschieren. Das Parlament der Autonomen Republik Krim sei ethnisch russisch dominiert und gegen den Nationalrat der Krimtataren und überhaupt gegen die Krimtataren eingestellt.

Der Präsident der Nationalversammlung der Krimtataren Refat Chubarow bezeichnete die Kommentare Konstantinows als „Verrat“ und warnte vor ethnischen Konflikten, sollte sich die Krim abspalten.

Russland versteht sich als Schutzmacht

Zu Beginn des Monats Februar schlug das Parlament der autonomen Region eine Verfassungsänderung vor mit dem Inhalt, dass sich Russland als Schutzmacht der Unabhängigkeit der Krim gegenüber dem Rest der Ukraine verstehe. Mittlerweile ist Russland bereit, zur Verteidigung der Russen und ihrer Militärbasen auf der Krim, Krieg zu führen, so ein russischer Regierungsvertreter gegenüber der „Financial Times“.

Auf der Halbinsel, gelegen an der Nordküste des Schwarzen Meeres, wo die russische Schwarzmeerflotte liegt, machen die Russen fast 60 Prozent der dortigen Bevölkerung aus. Der Rest sind Ukrainer und Krimtataren. Momentan leben 300.000 Krimtataren auf der Halbinsel – ihrer Heimat-, das sind rund 14 Prozent der Bevölkerung.

Kalkay fügte hinzu, dass die Diaspora der Krimtataren, die sich nichts mehr wünsche, als in ihrer Heimat zu leben, keine negativen Auswirkungen, die sich aus Konstantinows Rede ergeben könnten, tolerieren würde. „Es muss klar sein, dass die Diaspora der Krimtataren im Falle von Bedrohungen ihres Lebens oder ihres Eigentums entschieden reagieren werden.“

Krim unter russischer Kontrolle – eine Bedrohung für die Krimtataren?

Der politisch brisante Kampf der Krimtataren um ihre Heimat befeuert die Rivalität zwischen Russland und der Ukraine um Einfluss in der idyllischen und zugleich strategisch wichtigen Region des Schwarzen Meeres. Die Krim ist ein historischer Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine, die vorsichtig die Tataren unterstützt.

Abgesehen von seiner Bedeutung als militärischer Standort wird die Krim von vielen Russen mehr als andere Gebiete der Ukraine geschätzt, da der ehemalige Regierungschef der UdSSR, Nikita Chruschtschow, in der Ukraine geboren, dieses Gebiet 1954 auf die Ukraine überschreiben ließ.

1944 wurden die Krimtataren nach Zentralasien – unter die Aufsicht der Sowjetunion- deportiert, da man sie der Kollaboration mit Deutschland bezichtigte. Die Tataren argumentieren bis heute, dass das eine simple Lüge Stalins war, um die brutale ethnische Vertreibung zu rechtfertigen. Seite den späten 80er Jahren und besonders nach der Unabhängigkeit der Ukraine kehren die Vertriebenen wieder in ihre Heimat zurück.

Historische Bindungen an die Türkei

„Die Krimtataren verfolgen die Entwicklungen in der Ukraine aufmerksam. Sie hoffen auf eine Deeskalation der Lage, sowie den Erhalt des Friedens und der Stabilität in der Ukraine“, so Kalkay abschließend.

Die Türkei und die zentralasiatischen Staaten verbindet ein historisches und sprachliches Band. Der türkische Außenminister Davutoğlu betonte auf zahlreichen Besuchen in Zentralasien, dass die Türkei darauf wirtschaftlich und politisch aufbauen will. Eine weitere muslimische Minderheit im heutigen Russkand sind die Tscherkessen, an deren Schicksal während der Olympischen Winterspiele in Sotschi von Menschenrechtsgruppen erinnert wurde.