Bereits zum elften Mal hat das Contemporary Istanbul (CI), das renommierte Kunstzentrum am zentralen Taksim-Platz, Galeristen, Künstler und Sammler aus aller Welt eingeladen, im Istanbuler Kongresszentrum (ICC) zeitgenössische Kunst zu präsentieren. In einer kuratorisch gelungenen Zusammenstellung vom 3.-6. November hatten mehr als 60 Aussteller ihre Werke gezeigt, von denen einige – selbst in Anbetracht der politischen Lage im Lande – ziemlich offen regierungskritisch Stellung bezogen.

Trotz der rückläufigen Tendenz ausländischer Galerien, sich auch nach dem gescheiterten Putschversuch für eine Teilnahme an der diesjährigen Messe zu entscheiden, war die Stimmung zur Eröffnung positiv.

„Hier fühlt man sich sicher. Irgendwie ist das Contemporary Istanbul wie eine künstliche Blase“, antwortete einer der Galeristen auf die Frage, ob solche Werke vielleicht zu ernsthaften Zwischenfällen führen könnten. Es war wie eine Vorahnung von dem, was dann kurze Zeit später – 1 Stunde nachdem ich das CI verlassen hatte – folgen sollte. Die Blase, in der man sich sicher wägte oder auch nur betäuben wollte, war geplatzt.

Eine Gruppe von Unbekannten, die als Anhänger der religiös-konservativen Erbakan-Stiftung ausgemacht wurden, hatte in den Abendstunden des 3. November die über 2 Meter hohe Skulptur des Künstlers Ali Elmacı angegriffen, die von der chilenischen Galerie Isabel Croxatto ausgestellt wurde. In der Pressemeldung wurde verlautet, dass die Skulptur aus Sicherheitsgründen vorerst von der Ausstellung genommen wurde, vom Direktor des CI, Ali Güreli, jedoch kurze Zeit später die Anweisung kam, die Skulptur während der gesamten Ausstellungsdauer an ihrem bisherigen Platz zu belassen. Man dürfe sich nicht von solchen Vorfällen einschüchtern lassen, hieß es von Güreli.

Künstler wie Elmacı gehören einer Generation an, die die Augen halb offen hat, halb geschlossen hält.

Laut dem Online-Kunstmagazin Artsy soll der Künstler Elmacı dem Entfernen der Skulptur zugestimmt haben, um weitere Zwischenfälle oder gar eine Eskalation zu vermeiden. Artsy berichtet, dass sich die Gruppe durch die „unwürdige“ Darstellung des Sultans auf der Skulptur gestört gefühlt und deswegen auf ihr Entfernen vom Stand gedrängt haben soll. Das „Nachgeben“ habe Elmacı als notwendig empfunden, um nicht Dritte, vor allem Besucher oder die Galeristin, in Gefahr zu bringen.

Am liebsten wäre ihm gewesen, wenn über dieses Ereignis überhaupt nichts berichtet worden wäre.

Er verstehe solche Übergriffe nicht, denn schließlich mache er Kunst. Die Angreifer selbst sind bisher unbekannt. Es gibt keine offiziellen Namen oder detaillierte Berichte, die Näheres zu dem Vorfall schildern. Während einige vermuten, dass sich dahinter ein harmloser Streich verbirgt, um ein wenig für PR-Wirbel zu sorgen, glauben andere, dass es sich um eine Gruppe handelte, die gezielt zur Ausstellung gegangen ist, um zu „stören“ oder – falls sich die Verantwortlichen in dem Moment gegen das Entfernen der Arbeit gestellt hätten – um diese zu zerstören. Gemäß der Einschätzung von Elmacı sei die Gruppe gewaltbereit gewesen. Dennoch: Anscheinend ist niemand zu Schaden gekommen, auch die Skulptur nicht.

Gerade solche Arbeiten, die auf spielerische Weise kritisch mit politischen Themen oder der Geschichte des Landes umgehen, sind umso explosiver in ihrer Wirkung. Was die Unruhestifter allerdings genau gestört hat, ist bisher nicht bekannt. Sowohl Aussteller als auch die Verantwortlichen der Messe haben sich bis dato nicht über diese Details geäußert. Vielleicht ist es auch gut so. Denn ganz gleich, was der Grund sein mag: Er ist keine Rechtfertigung, um auf derartige Weise ein Ausufern der Situation zu provozieren. Denn die Situation hätte sehr schnell kippen können.

Eine politisierte, polarisierte Gesellschaft

Die Türkei erlebt gerade einen Umbruch, bei dem sich viele Fronten gegenüberstehen. Die Abspaltungen, Anfeindungen, separatistischen Tendenzen reichen bis in Familien hinein, deren Mitglieder sich aufgrund ihrer jeweiligen Haltung voneinander distanzieren. Dabei sind es meist nicht einmal politisch-engagierte Haltungen. Sie werden aber zu solchen gemacht. Die Menschen werden dazu getrieben, Position beziehen zu müssen. Eine andere Meinung, freies Denken, das jegliche Art von Beschlagnahmung oder Vereinnahmung der eigenen Gedanken ablehnt, wird politisiert. Man fühlt sich verraten, diffamiert, betrogen. Resultat sind Brüche zwischen Freunden, Familienmitgliedern und Nachbarn sowohl in der Türkei als auch im Ausland.

Inmitten dieses Spannungsfeldes gibt es Künstler wie Elmacı, die mit ihrer Kunst Kritik üben, aber auch eine Diskussionsplattform zur Verfügung stellen. Für diejenigen, die sich über die Skulptur empört haben, wäre es eine wunderbare Möglichkeit gewesen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, Künstler und Galeristen zu befragen, ihre eigene Sichtweise darzustellen und daraus vielleicht beidseitig bereichert aus der Halle herauszugehen. Es sind idealistische Vorstellungen einer gelungenen, konstruktiven Auseinandersetzung.

Die Realität sieht aber anders aus

Künstler wie Elmacı, der 1976 in Sinop geboren wurde, gehören einer Generation an, die die Augen halb offen hat, halb geschlossen hält. Sie sind einerseits gebildet, gut ausgebildet, befinden sich jedoch aufgrund der sich stetig verschlechterten Lage in einem Loch, aus dem es weder heraus noch vorwärts geht. Künstler, die es geschafft haben, sich im Ausland zu den aktuellen Geschehnissen in der Türkei künstlerisch zu äußern, sehen sich als Sprachrohr all jener, die dem ungewollten politischen Wandel eine Absage erteilt haben.

Meist die einzig erträgliche Art, mit solchen Themen umzugehen

Elmacıs Bildsprache bedient sich dabei dem „Kindchenschema“: selbst Erwachsene haben auf seinen Bildern übergroße Augen und verkürzte Gliedmaßen, Tiere wirken wie knuffige Stofftiere, die sich im Grünen unter blauem Himmel tummeln. Alles ist in Pastelltönen gehalten. Es ist eine Möglichkeit, und meist die einzig erträgliche Art, mit solch ernsten Themen überhaupt umgehen zu können. Schließlich wollen Künstler etwas bewegen, Situationen ändern, auf Konflikte hindeuten und Probleme an der Wurzel packen. Sie wissen aber auch um ihre Brisanz und das Risiko, das sie eingehen, wenn sie keinen ausreichenden Schutz haben, falls sie „die künstliche Blase“, also Galerien, Ausstellungshäuser, Künstlerresidenzen im Ausland, das Atelier, verlassen.

Diese Heimat ist immer mehr eingefärbt in Tönen, die schwer wirken: rote Fahnen, schwarze Frauenbekleidung, weiße Leichentücher

Daher kommt es nicht selten vor, dass gerade politisch-engagierte Künstler von ausländischen Galerien vertreten werden. Wie ein Mitarbeiter der Londoner Galerie Karavil bestätigt, können türkische Künstler im eigenen Land nicht mehr auf die Weise arbeiten und ihre Werke präsentieren, wie sie möchten. Arbeiten, die teilweise so scharf wie eine Messerklinge sind, sind auch immer der Gefahr ausgesetzt, zerstört zu werden, ganz zu Schweigen von den Künstlern und deren Angehörigen, die dann ins Visier genommen werden oder im schlimmsten Fall sogar schwere Konsequenzen befürchten müssen. Viele, die mittlerweile im Exil leben, versuchen, von dort aus Widerstand zu leisten gegen die Politik in einem Land, das sie einst ihre „Heimat“ genannt haben.

Diese sogenannte Heimat ist immer mehr eingefärbt in Tönen, die schwer wirken: rote Fahnen, schwarze Frauenbekleidung, weiße Leichentücher. Zu viele gibt es davon im Land, zu wenige haben den Mut, sich dazu zu äußern oder dies zu debattieren. Selbst in Istanbuler Vierteln wie in Kadıköy, wo man viele Alternative, Intellektuelle, Künstler, Freidenker findet, ist der Atem kurz geworden. Die Menschen sind müde, dadurch werden sie stumm.

Künstler, wie Elmacı, die die Geschehnisse neu interpretieren, ihren Ansichten eine Form geben, geben auch zugleich Hoffnung. Sie sind auf die Unterstützung im Ausland angewiesen. Galeristen, die ihre Arbeiten ausstellen, verstehen sich nicht nur als „Umschlagplatz“ oder als „Vertriebsort“ für Kunst sondern auch – ob sie es wollen oder nicht – als Schutzpatrone. Gäbe es sie oder sogenannte „Artist in Residence“-Programme nicht, die es ihnen erlauben, im Ausland weiterzuarbeiten und auszustellen, könnten sie unmöglich kritisch ihre Stimmen gegen die Zustände in der einstigen Heimat erheben.