Die Furcht vor den muslimischen „Ungläubigen“ wich in der frühen Neuzeit einer Faszination für den vermeintlich exotischen Orient. Dabei war die wichtigste Projektionsfläche für diese Faszination das Osmanische Reich, wovon zahlreiche Reiseberichte und überlieferte Briefkorrespondenzen zeugen. Mit der eurozentristischen Betrachtungsweise des „orientalischen Anderen“ ging aber genauso die Entstehung und Verbreitung von Fehl- und Vorurteilen einher, die sich zum Teil bis heute halten. Das galt umso mehr für das Geschlechterverhältnis und die Lebensweise osmanischer Frauen, waren diese doch oft getrennt von der männlichen Sphäre, was bei den fast immer männlichen Beobachtern Tür und Tor für Fantastereien und vorurteilsbeladene Mutmaßungen öffnete. Ein bemerkenswerte Ausnahme bildete jedoch die englische Adelige Mary Montagu. Sie hinterließ einige der ersten Berichte einer modernen, westlichen Frau, die einen Blick auf weibliches Leben im Osmanischen Reich warf.

Lady Mary Wortley Montagu war eine englische Schriftstellerin, die Ende des 17. Jahrhunderts auf die Welt kam. Als ihr Ehemann 1716 zum britischen Botschafter im Osmanischen Reich berufen wurde, verschlug es die damals 27-Jährige an den Bosporus. Dass sie ihren Mann dorthin begleitete, war damals alles andere als gewöhnlich. Obwohl sich das Leben der Lady Mary auch durch zahlreiche andere Abenteuer und Erlebnisse auszeichnet, ist sie der Nachwelt vor allem durch ihre schriftstellerische Produktivität, interkulturelle Kompetenz und die Vermittlung von Kultur aus dem damaligen Osmanischen Reich in Erinnerung geblieben.

Ihr Ehemann Edward Wortley Montagu wurde nach nur einem Jahr als Botschafter wieder abberufen, doch die Eheleute blieben noch ein weiteres Jahr in Istanbul, der Hauptstadt des Reiches. In dieser Zeit begann sie, eine Serie von Briefen zu schreiben. Sie berichtete in diesen historischen Schriften von ihren Beobachtungen des Alltagslebens und ihren Reisen im Osmanischen Reich.

Vor allem aber zählen ihre Briefe zu den ersten Zeugnissen der Beobachtung des muslimischen Orients durch eine weltliche, nicht-muslimische Frau, wie Professorin Billie Melman von der Universität Tel Aviv herausstellt. Im Gegensatz zu den fast ausschließlich männlichen Beobachtern des Osmanischen Reiches ihrer Zeit, hatte sie durch ihr Geschlecht und ihren hohen sozialen Status sowohl räumlichen als auch menschlichen Zugang zu den Frauen der osmanischen Gesellschaft und konnte Einblicke in deren Leben und Weltbild gewinnen. Dabei hatte sie – ebenfalls im Gegensatz zu ihren meisten Zeitgenossen – nie von oben herab auf die orientalische Kultur geblickt, sondern war ihrer Umwelt stets mit Respekt und Empathie begegnet. In ihren Briefen räumte sie deshalb mit vielen falschen Wahrnehmungen und Vorurteilen auf, die ihre Vorgänger prägten. Sie schilderte lebhaft osmanische Traditionen, religiöse Bräuche und die Behandlung von Frauen in der osmanischen Gesellschaft ebenso wie ihren Kleidungsstil, ihre Umgangsformen sowie die Einschränkungen, denen sie unterlagen, und die Freiheiten, die sie genossen.

Dabei zeigte sie auch auf, wie Vorurteilen oftmals aus reinen Missverständnissen heraus entstehen. So berichtet sie von einer Episode mit einer Gruppe türkischer Frauen in Sofia (heute die Hauptstadt Bulgariens), mit denen sie sich über Kleidung unterhielt. Sie zeigte ihnen das Korsett, das sie gemäß der damaligen Mode getragen hat. Die Frauen waren schockiert. Ihr Fazit: Türkische Männer sind viel besser zu ihren Frauen als europäische, denn sie würde sie niemals in so einen Kasten einsperren.

Aber auch in der Medizingeschichte hat Lady Mary ihren Fußabdruck hinterlassen. Auf Reisen durch das Osmanische Reich hatte sie die osmanische Methode der Pockenimpfung kennengelernt. Lady Mary, die selbst als junge Frau an Pocken erkrankt war und ein Bruder an die Krankheit verlor, propagierte die neue Methode, nachdem sie zurück in Großbritannien war. Damit stieß sie zuerst auf erheblichen Widerstand, schließlich handele es sich bei der osmanischen Methode nur um orientalisches Schamanentum. Erst als 1721 in England eine Pockenepidemie ausbrach und Lady Mary ihre eigene Tochter, die 1718 in Istanbul geboren wurde, impfte, konnte sie die Ärzte von der Effektivität der Methode überzeugen. Daraufhin begann sie, sich in ganz Europa zu verbreiten.

Knapp 300 Jahre nach den Ereignissen hat sich nun die US-amerikanische Schriftstellerin Katharine Branning in einem Brief-Roman der Geschichte von Lady Mary angenommen. In „Ein Glas Tee nehme ich noch gern“ geht sie eine fiktive Brieffreundschaft mit Mary Wortley Montagu ein, mit der sie durch die gemeinsame Liebe zu Anatolien und seiner Kultur verbunden ist. Zwar ist der Briefwechsel fiktiv, aber er fußt auf reellen persönlichen Erfahrungen und Begegnungen. Branning ist für ihre vielen Reisen in die Türkei bekannt. In den vergangenen Jahren hat sie die Türkei so oft besucht, wie kaum ein Deutsch-Türke. Der Roman führt den Leser auf eine spannende Reise, bei der er nicht nur die heutige Türkei mit dem Osmanischen Reich vor 300 Jahren vergleichen kann, sondern auch die Gedanken- und Gefühlswelt der beiden Frauen kennenlernt.


Katharine Brannings Buch „Ein Glas Tee nehme ich noch gern“ ist beim Frankfurter Main Donau Verlag erschienen und über Amazon erhältlich.