Religion ist eine der wichtigsten Bruchlinien innerhalb der türkischen Gesellschaft. Unter der Einschränkung der Religion hat die Mehrheit lange gelitten. Einen freiheitlichen Laizismus brauchen wir alle - besonders die Gläubigen unter uns. (rtr)

MEINUNG Viele Politiker (auch wenn ich die Namen nicht nenne, wissen Sie, welche gemeint sind) geben auf die mit harten Fakten aufgedeckten Korruptionsvorwürfe keine konkreten Antworten. Stattdessen versuchen sie, mit einer religiösen Rhetorik die Unterstützung von Menschen aufrecht zu erhalten. Das zeigt, wie wichtig ein freiheitlicher Laizismus gerade für die gläubigen Menschen ist.

Auch wenn während des ganzen Prozesses die Hizmet-Bewegung dämonisiert wird, führen die zahlreichen Korruptionsfälle, illegale personenbezogene Datensammlungen, ungerechte Zwangsversetzungen und der Druck auf die Medien letztendlich zu der Wahrnehmung, dass auch diejenigen, die von sich behaupten, aus religiösen Gründen auf die Rechte anderer Menschen Rücksicht zu nehmen, eben dieses nicht tun.

Jahrelang wurden in der Türkei sichtbare Zeichen der Religion aus dem öffentlichen Raum verbannt. Wegen der staatlichen Indoktrination hat ein wichtiger Teil der Bevölkerung berechtigte Forderungen nach mehr Freiheit als Bedrohung für den Laizismus betrachtet. Und die religiösen Kreise wiederum haben Laizismus allgemein als Antireligiosität bewertet. Unter diesen Umständen war es einfach, religiöse Gemeinschaften als Schreckgespenst darzustellen, zumal dies in das Konzept manch eines Akteurs passte.

Religion ist eine der Bruchlinien in der türkischen Gesellschaft

Nicht die Annahme, dass die religiösen Gemeinschaften eine Bedrohung für den Laizismus darstellen, war richtig, sondern deren Unterdrückung.

Religion ist eine der wichtigsten gesellschaftlichen Bruchlinien der modernen Türkei. Es wäre naiv zu glauben, dass in so einer wichtigen Frage ein schneller Konsens hätte erzielt werden können. Dass wir aber im Jahre 2014 in Sachen Laizismus immer noch die Spreu von Weizen nicht trennen können, ist Zeichen genug dafür, sich Sorgen um das türkische Bildungssystem und um die Freiheitsvorstellung breiter Bevölkerungskreise zu machen.

Wir meinten an dem Punkt angekommen zu sein, dass Zeichen der Religiosität wenigstens von einem Teil der laizistischen Hardliner als eine Frage der Freiheit betrachtet wird. Genau an dieser Stelle bildet sich nun an dem anderen Ende des Spektrums eine Gruppe, die fordert, dass ihre religiösen Referenzen auch von allen anderen übernommen werden.

Um ein Beispiel zu geben: Wenn man sagt, dass in einem demokratischen Land die Einschränkung von Alkoholkonsum nicht mit dem Argument „unsere Religion schreibt es aber vor“ umgesetzt werden kann, begegnet man vielen – auch gebildeten Menschen – die einem mit Versen aus dem Koran antworten. Es bringt nichts, wenn sie diesen Menschen klipp und klar sagen, „Ihr und wir können vielleicht für unseren persönlichen Lebensbereich auf Alkohol verzichten und dafür auch religiöse Referenzen vorlegen. Aber was ist mit Menschen, die als Legitimation ihres Handelns nicht die Religion sehen?“.

Unter der Einschränkung der Religion hat die Mehrheit gelitten

Anscheinend ist ein Teil der Bevölkerung weit davon entfernt, einen Unterschied zwischen persönlichen Überzeugungen und Entscheidungen und Staatspolitik zu machen. Wir leben in einem Land, in dem die Regierung Fatwas (islamische Rechtssprüche) bei einem „Rechtsgelehrten“ einholt, der den Standpunkt vertritt, dass zum Wohle der Mehrheit die Minderheit auf ihre Rechte verzichten soll. Darf man von den einfachen Bürgern mehr erwarten?

Unter der Einschränkung der Religion hat die Mehrheit der Gesellschaft jahrelang gelitten. In einem Land, in dem das Tragen des Kopftuches immer noch nicht volle Freiheit genießt, wäre zu erwarten, dass man der Minderheit mit mehr Empathie begegnet. Die offizielle Staatslehre hat nicht nur zu Folge, dass immer wieder ein „Anderer“ aufgebaut wird. Die Mehrheit interessiert sich zudem nicht für die Sorgen und Probleme derjenigen, die sich ausgeschlossen fühlen. Und was noch schlimmer ist: Die religiösen Kräfte, die sich als die neue Eigentümer des Staates sehen, gestehen anderen religiösen Gruppen kein Lebensrecht ein.

Der türkische Laizismus ist ein Laizismus nach französischem Vorbild. Er grenzt die Religion vom öffentlichen Raum aus und sperrt sie in das Privatleben des Einzelnen ein. Der Akademiker Ahmet T. Kuru führt hier den Begriff des „Ausgrenzenden Laizismus“ ein. Kuru spricht dann vom „Passivem Laizismus“, der die Präsenz der Religion im öffentlichen Raum toleriert und nennt als Beispiel die Praxis in den USA und anderen angelsächsischen Ländern. Hier steht die Glaubensfreiheit im Mittelpunkt. Das sind Beispiele für Gesellschaften, in denen die Religion und religiöse Gemeinden nicht als Bedrohung gesehen werden, solange sie sich an Recht und Gesetz halten. Zudem zeigen diese Gesellschaften auch, wie der freiheitliche Laizismus die Bürger glücklicher machen kann.

Die Aleviten als die ewig „Anderen“

Auch wenn in diesen Tagen die Hizmet-Bewegung als die große Gefahr dargestellt wird, bilden die Aleviten zum Beispiel eine Gruppe, die seit je her als „Andere“ gesehen werden. Ihnen wurde vorgeworfen, sich im Staate zu organisieren. Sie haben immer noch nicht das Recht auf Selbstdefinition und können mit einem Staat, an den sie ihre Steuern entrichten, von dem sie jedoch keine religiösen Dienstleistungen erhalten – wie es bei den Sunniten der Fall ist – keinen Frieden schließen.

Einen freiheitlichen Laizismus brauchen wir alle für den sozialen Frieden und – entgegen der allgemeinen Annahme – besonders die Gläubigen unter uns. Der falsche Laizismus hatte nicht nur zur Folge, dass viele Angst vor der Religion bekamen, sondern auch, dass gläubige Menschen ein verqueres Verständnis zum Laizismus entwickelten. Die Cemaat-Phobie (gemeint ist die Hizmet–Bewegung, Anm. d. Redaktion) ist nichts anderes als die Instrumentalisierung dieses falschen Verständnisses.

Sevgi Akarçeşme ist Kolumnistin bei der türkischen Zeitung Zaman. Der Artikel ist am 11. Juli 2014 erschienen.