Lasst die Menschen doch Kurdisch lernen!

Mehreren Zeitungsberichten zufolge soll sich in Erzurum ein interessanter Vorfall zugetragen haben: Als die Angeklagten im Rahmen ihrer Prozesse wegen ihrer Mitgliedschaft in der KCK (Union der Gemeinschaften Kurdistans) von ihrem Recht Gebrauch machen wollten, sich in kurdischer Sprache zu verteidigen, entstand eine unerwartete und kuriose Situation: Ein Übersetzer musste ans Werk. In drei Stunden konnten auf diesem Wege gerade einmal drei Personen aussagen. Als die anderen Angeklagten schon fast vor Langeweile platzten, verteidigten sie sich schließlich in türkischer Sprache. Dabei stellte sich heraus, wie überaus gut sie die türkische Sprache beherrschten: Eine typische Szenerie für die Türkei!

Dabei lässt sich die Paradoxie schon an die Wurzel des Problems zurückverfolgen: Kann man eine Muttersprache überhaupt verbieten? Denjenigen, die dieses Verbot in einer Weise aufgestellt haben, als hätten sie noch nie in ihrem Leben einen Blick in die Geschichtsbücher geworfen, haben wir das Unheil des kurdisch-nationalistischen Terrors zu verdanken.

Nach dem Militärputsch des 12. Septembers wurden Mütter, die keine andere Sprache als Kurdisch sprechen konnten, gezwungen, mit ihren inhaftierten Kindern Türkisch zu sprechen. Das Ergebnis war absehbar: Mutter und Sohn sahen einander nur noch an und weinten miteinander. Sich vor Gericht nicht in der eigenen Muttersprache verteidigen zu können, war ein fataler Fehler. Er musste korrigiert werden. Bürokratische Hürden und rechtliche Probleme zu beseitigen war unabdingbar. Aber das alles kostete Zeit, die Menschen ermüdeten – die PKK konnte das ausnutzen und in ihrer Propaganda ausschlachten.

Sie sprechen lieber Türkisch, weil sie es wollen, nicht, weil sie es müssen

Auch wenn immer noch Maßnahmen zur Vermeidung von Missbräuchen in Kraft blieben, reagierte am Ende zum Glück die Regierung und öffnete dem Recht auf Verteidigung in der eigenen Muttersprache die Türen. Was passierte dann? Ein Schauspiel wie in Erzurum! Personen, die die türkische Sprache wie ihre Muttersprache beherrschten, beharrten darauf, sich vor Gericht in Kurdisch zu verteidigen. Mit der Aufhebung des Verbots verschwand die Nebelwand vor diesem Schauspiel. Die nach drei Stunden aufgebenden 15 Angeklagten hatten am Ende die Nase voll und begannen, in türkischer Sprache auszusagen.

Das alles zeigt: Es geht auch ohne Zwang. Kurdisch (oder jede andere Sprache) zu verbieten war eine Praxis, die nicht im Einklang mit der Logik des Verstandes, dem Gewissen oder der Gerechtigkeit stand.

Und ist es denn nicht die natürliche Reaktion davon betroffener Menschen, die allemal Türkisch sprechen können, so zu tun, als ob sie diese Sprache nicht beherrschen würden? Ist es denn richtig, dem natürlichen Lauf des Lebens in solcher Weise entgegenzuwirken, nur weil die PKK ihrerseits Zwang ausübte und befahl, Kurdisch zu sprechen? Sogar die Kämpfer dieser Organisation in den Bergen sprechen untereinander Türkisch. Die Funkgespräche werden in gleicher Weise geführt. Weil sie sich auf Kurdisch nicht verständigen können. Zum einen, weil es so viele kurdische Dialekte gibt, zum anderen, weil viele nicht mal Kurdisch können. Darf man ihnen trotzdem oder gerade deshalb die türkische Sprache aufzwingen? Natürlich nicht.

Erinnern Sie sich bitte: Was für ein Gewese wurde um die Eröffnung der kurdischen Sprachschulen veranstaltet? Als die Bürokratie starken Widerstand gegen die Eröffnung kurdischer Sprachschulen leistete, machte die Gegenseite dieses Thema zum grundlegendsten Problem des Landes. Mittlerweile ist das Verbot aufgehoben, die Angelegenheit hat sich erledigt: Da es keine ausreichende Nachfrage gibt, wird ein Kurs nach dem anderen geschlossen. Außerdem: Was würde passieren, wenn sie geöffnet blieben? Wäre es ein Weltuntergang? Lasst die Menschen Kurdisch lernen; wer hat davon einen Schaden?! Das Bildungsministerium hat Kurdisch als Wahlfach eingeführt: Was ist passiert? An manchen Universitäten wurde der Fachbereich Kurdologie eingeführt: Was ist passiert? TRT hat einen Kanal eingeführt, der auf Kurdisch sendet: Ist der Weltuntergang ausgebrochen? Ist es denn so schlimm, dass es private kurdische Fernsehsender gibt? Es gab in all der Verbotskultur keine Logik; darüber hinaus waren gerade diese Verbote eine Ursache für die schwarze Propaganda der Terroristen.

Probleme schaffen, wo gar keine sind

Ein weiteres markantes Beispiel ist: Kurdische Rassisten schrieben Legenden über ungelöste Mordfälle. Sie waren im Recht. Menschen, die kein Verständnis für Gesetz und Ordnung kennen, versteckten sich hinter ihrer Uniform und ermordeten auf den Straßen unseres Landes eine Gruppe von Menschen. Glücklicherweise handelte das Rechtssystem irgendwann und eröffnete über die ungelösten Mordfälle einen historischen Prozess in Diyarbakır. Staatsbedienstete, deren Namen im Zusammenhang mit diesen unheimlichen Morden erwähnt wurden, mustten sich einer nach dem anderen vor der Justiz verantworten. Ein großer Teil wurde auch festgenommen. Seitdem das Verfahren läuft, hört man nichts mehr von der PKK und ihren Handlangern. Am Ende stellte sich heraus, dass von den angeblich 17.000 ungelösten Mordfällen ein großer Teil auf das Konto der Terrororganisation selbst geht und diese eigenhändig die Menschen umgebracht hatte. Sobald der Rechtsstaat den Mordfällen entschlossen nachzugehen begann, verschwand die Propaganda der PKK von der Bildfläche. Heute spricht sie nicht mal mehr über diese Themen.

In unserem Land gibt es einen eindeutigen Königsweg, um Schwierigkeiten entstehen zu lassen: Zunächst greift man in den natürlichen Lauf des Lebens ein und lässt oft aus heiterem Himmel ein Problem entstehen, wo vorher gar keines war. Um dieses Problem zu lösen, schreibt man dann Artikel darüber, diskutiert und lässt Streitigkeiten entstehen, vergießt sogar Blut. Und am Ende sucht man nach dem großen Erlöser, der das Problem beseitigt.

Glücklicher leben ohne „große Ideen“

Elitenprojekte leben oft von der Beschwörung symbolischer Kämpfe, übertrieben und gekünstelt. Dies eignet sich immer wieder gut dafür, missbraucht zu werden. Wir dachten zum Beispiel, dass die Kämpfe zwischen Rechten und Linken tief verwurzelt wären. So war es ja auch: Wir dachten, der täglich durch die Konflikte verursachte Tod von 30-40 Menschen würde im Bürgerkrieg enden. Die Polarisierung, welche wir ‚Bruderkampf’ nennen, war künstlich und das hatten wir erst bemerkt, als die Verursacher ihr Ziel bereits erreicht hatten.

Jedoch: Trotz all der Brutalität und des Schreckens bestanden die Bande der Verwandtschaft und Nachbarschaft weiter. Schön und gut, aber mussten all diese Schmerzen sein?! Auch die Konflikte zwischen Aleviten und Sunniten, zwischen Säkularen und Anti-Säkularen laufen nach dem gleichen Prinzip ab. Jede Begebenheit, die unter normalen Menschen in aller Regel kein ‚Problem’ ist, wird, wenn sie einem größeren Programm im Rahmen eines Elitenprojekts dient, zu einem gemacht. Aber mittlerweile sollten wir nicht mehr auf diese Projekte reinfallen.

Die AKP ist für einen Schlussstrich nicht zu haben

Einige Ereignisse und Kommentare der letzten Tage geben Anlass zu Zweifeln in Bezug auf mögliche Rückschritte in der Auseinandersetzung mit den Militärputschen. Angefangen von einzelnen Aussagen des Ministerpräsidenten Erdoğan, aus denen manche eine Bereitschaft zum Verzicht auf eine weitere Aufarbeitung der Staatsstreiche ableiten wollen bis hin zur Vorbereitung eines neuen Gesetzespaketes erklären manche Personen, die Regierung wolle sich sukzessive aus dem Prozess zur Demokratisierung der Justiz zurückziehen.

Bemerkenswert ist aber, dass diejenigen, die sich darüber in Alarmismus ergehen, in aller Regel auch unverbesserliche und eingeschworene AKP- und Tayyip-Feinde sind. Es ist seltsam, wie einerseits das Augenmerk permanent auf mögliche Grenzüberschreitungen der Regierung und ihres Chefs im In- sowie Ausland gelegt wird und diese Beobachter gleichzeitig eine große Kampagne fahren, um das Handeln der Regierung zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu machen. Und am Ende die Pose des „Wir haben es Euch doch immer schon gesagt“ einnehmen zu können…

Auch die AKP hat ein funktionierendes Langzeitgedächtnis

Dabei könnten all diese Spekulationen kaum weiter von der tatsächlichen Situation entfernt sein. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass weder die Regierung noch der Ministerpräsident auch nur die geringste Motivation haben, Menschen zu verschonen, die sich undemokratischer Umtriebe und illegaler Geschäfte schuldig gemacht haben. Denn welche Auswirkungen diese Putsche auf dieses Land hatten, die Grausamkeiten der militärischen und bürokratischen Bevormundung, an all das kann sich das politische Personal, das im Dienste der AK-Partei arbeitet, noch sehr wohl erinnern.

Das ist auch ein Grund, warum das Volk auch in schwierigen Zeiten diese Partei unterstützt hat. Das heißt, der Kampf gegen Kräfte, die auf anti-demokratischen Wegen und mit illegalen Plänen der Nation den Weg versperren wollen, hat das Volk hinter der Regierungspartei vereint. Die fast 50% für die AKP waren Ausdruck der Abrechnung des Volkes mit dem E-Memorandum und der Absurdität rund um die 367-Stimmen-Regel im Zusammenhang mit der Präsidentenwahl 2007. Alleine schon aus diesem Grund sprach man in Hunderten von Wahlreden vom „Kampf gegen kriminelle Vereinigungen und Putschisten“.

Die Medien des Ancien Régimes haben manche mit guten Absichten abgegebene Erklärungen nun in Absichtserklärungen umgedichtet, die Aufarbeitung der Militärputsche zu beenden. Dass die Regierung diesen Umstand nicht bemerkt, erscheint als unmöglich. Es ist etwas anderes, offenkundige Misserfolge der Justiz zur Sprache zu bringen und diesen gegenzusteuern, als die Legitimität der Putsch-Aufarbeitung als solche in Frage zu stellen.

Im KCK-Prozess gilt das gleiche. Einige scheinen es kaum erwarten zu können, hinter jedem neuen Gesetzespaket die Reinwaschung der KCK/PKK zu wittern. Es ist offensichtlich, dass eine bestimmte, die Staatsstreiche befürwortende Gesellschaftsschicht seit jeher auf Rückenwind hofft und darauf wartet, dass sich die Regierung von einer Schlussstrichmentalität mit Blick auf die Aufarbeitung der autoritären Ära anstecken ließe. Nach meiner bescheidenen Meinung ist dies eine vergebliche Erwartungshaltung; weil die Erfüllung dieser Erwartung den Kampf um die Demokratie als solchen diskreditieren würde. Und daran hat niemand in der AKP auch nur das geringste Interesse.

Autoreninfo: Ekrem Dumanlı ist ein bekannter türkischer Journalist und Chefredakteur der Tageszeitung Zaman. Er hat die Ereignisse der 70er Jahre hautnah miterlebt, wurde während des Putsches 1980 festgenommen und ein Jahr später freigelassen. Er gilt als Experte für die jüngeren Putsche in der Türkei und hat dazu mehrere Bücher veröffentlicht (u.a. „Üç Mesele: İktidar Medya Ergenekon“ – „Drei Themen: Herrschaft Medien Ergenekon“).