Zeyneb Muallim

Seit Anfang dieses Jahres sind weit mehr als eine halbe Million Menschen vor Krieg und Elend nach Europa geflüchtet. Laut Angaben der europäischen Grenzsicherungsagentur Frontex warten allein an der türkischen Westküste eine halbe Million Menschen darauf, über die Ägäis nach Griechenland zu gelangen. Schätzungsweise 3000 Menschen haben allein in diesem Jahr bereits im Mittelmeer ihr Leben verloren. Aber nichtsdestoweniger hält der Flüchtlingsstrom aus Zentralafrika und dem Nahen Osten an, der überwiegende Teil der Flüchtlinge kommt aus Syrien und dem Irak. Allein aus Syrien sind seit Beginn des Bürgerkrieges laut Vereinten Nationen 4,6 Millionen Menschen geflohen.

Darunter ist auch Zeyneb Muallim aus Aleppo. Ihre 30 Tage lange, gefährliche und beschwerliche Reise in die Hoffnung hat sie nach Wien geführt, wo sie ihre Odyssee unserem Redakteur Seyit Aslan schilderte.

Wohlstand schützt nicht vor Flucht

Dass die 39 Jahre alte Psychologin aus einer reichen Familie stammt, bewahrte sie nicht davor, durch den Krieg zur Flucht gezwungen zu werden. Wie viele andere wohlhabende Familien aus Aleppo haben die Muallims alles verloren, was sie besaßen.

Den größten Teil ihres Vermögens hatten sie an die al-Qaida-nahe al-Nusra-Front abgeben müssen, um überhaupt lebend aus Aleppo herauszukommen. Andere Familienangehörige von Zeyneb sind entweder in Syrien geblieben oder haben es nicht geschafft. Einer ihrer Brüder ist hochrangiger Offizier in der Freien Syrischen Armee, ein weiterer als Gefangener in der Hand der al-Nusra-Front, der dritte wiederum ist bereits im Bürgerkrieg gefallen.

Zeyneb hingegen ist es zumindest gelungen, sich bis nach Wien durchzuschlagen und eine Unterkunft bei einer türkischen Familie zu finden. Momentan lebt die einst wohlhabende Frau von gerade einmal 100 Euro im Monat.

Von der ehrenamtlichen Helferin zur Hilfsbedürftigen

Drei Jahre lang arbeitete sie ehrenamtlich bei einem Hilfsverein in der Türkei, wo sie auch ihren jetzigen Ehemann kennenlernte. Vor einem Jahr heirateten sie. Eine Arbeitserlaubnis und Einstellung als Psychologin, also ein geregeltes Einkommen, hat sie nicht erhalten.

In der Türkei war sie eine von 2 Millionen Syrern, die das Land aufgenommen hat. Damit beherbergt sie unter allen Staaten die mit Abstand größte Zahl an Flüchtlingen aus dem Bürgerkriegsland. Für seine bereitwillige Aufnahme der Flüchtlingsmassen und die modernen Flüchtlingscamps hat das Land internationale Anerkennung erhalten. Dennoch nehmen hunderttausende Syrer die Gefahren der illegalen Überfahrt über das Mittelmeer in Kauf. Denn gerade einmal 13% der syrischen Flüchtlinge in der Türkei leben in besagten Camps, die übergroße Mehrheit ist unter prekärsten Bedingungen im ganzen Land verstreut. Da sie keine Arbeitserlaubnis erhalten können, werden tausende illegal als billigste Arbeitskräfte missbraucht, wehren können sie sich schließlich nicht. Viele arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen, die Chancen auf einen sozialen Aufstieg – und sei er noch so bescheiden – gehen gegen Null.

Mustafa Döner, Leiter einer türkischen Stiftung, die syrischen Flüchtlingen hilft, sieht eine Mitschuld des Staates an der Situation: „Die Hilfe, die die Syrer bekommen, reicht nicht aus. Es gibt keine Jobs für sie, obwohl alles teuer ist und sie kein reguläres Einkommen haben. […] Während ein türkischer Arbeiter 50 Lira am Tag verdient [ca. 15 Euro], bekommt ein syrischer Arbeiter 10-15 Lira [ca. 3-4,50 Euro]. Auch der Staat schafft keine Beschäftigungsmöglichkeiten für die Flüchtlinge. Sie werden ihrem Schicksal überlassen. Die Armut treibt manche von ihnen in den Diebstahl oder die Prostitution.“

„Wir mussten drei Tage und drei Nächte laufen“

Nachdem sie sich in Hatay an die Schlepper gewandt haben, die sie nach Europa bringen sollen, reisen sie nach Izmir an der türkischen Ägäisküste. Dort angekommen, offenbaren die Schlepper das erste Mal ihre perfide Vorgehensweise. „Um uns nach Deutschland zu bringen haben zwei Türken von uns 8.000 Euro verlangt. Sie haben uns in ein Boot gesetzt und erklärten einem von uns, dass wir nur geradeaus fahren sollten. Nicht nach rechts oder links. Einfach gerade aus fahren hieß es von ihnen“, so Zeyneb. Es sei eine sehr gefährliche Fahrt gewesen, von der sie nicht wussten, wohin sie führen würde. Als sie auf der Insel Kos ankamen, wurden sie nicht wie vereinbart von anderen Schleusern empfangen. Sie wurden betrogen.

Auf Kos müssen sie sich also allein durchschlagen. Die Reise geht also mit griechischen Booten weiter in Richtung Athen. In der griechischen Hauptstadt angekommen, versuchen sie tagelang einen Asylantrag zu stellen. Doch es gibt noch tausende andere, die dasselbe vorhaben. Griechenland, seit mehr als fünf Jahren von der schwersten wirtschaftlichen Krise seiner jüngeren Geschichte gebeutelt, hat keine Ressourcen zur Verfügung, um auch noch tausende von Flüchtlingen zu versorgen. Dass unter dem Druck der Troika tausende Beamten entlassen wurden, macht schnelle und unbürokratische Asylverfahren erst recht unmöglich. Als sie die Hoffnung darauf verloren haben, legal Asyl zu erhalten, entscheiden sie sich, die Reise illegal in Richtung Westen fortzusetzen.

Der schwierigste Teil der gesamten Flucht war für Zeyneb die Überquerung der mazedonischen Grenze nach Serbien. Tagelang sind sie in den Händen zweier ägyptischer Schleuser. „Wir mussten drei Tage und drei Nächte durch den Wald laufen und konnten dabei kaum etwas essen oder trinken. Die paar Lebensmittel, die wir mit uns genommen hatten, mussten wir im Laufen essen. Es gab keine Ruhepausen. Als wir schließlich die Grenze überquert hatten, mussten wir für die Strecke nach Belgrad noch einmal 1200 Euro zusätzlich zahlen. In Belgrad angekommen haben wir dann ein Fahrzeug gemietet. Die Vermieter waren humaner und haben für die Fahrt bis nach Österreich 1300 Euro von uns verlangt“, so Zeyneb. Die Gesamtkosten für die Flucht von Aleppo nach Europa betrugen 15.000 Euro pro Person.

Flucht ohne Visum möglich, ohne Schmiergeld nicht

Doch nicht nur die Schleuser verlangen Geld. Um die Grenze nach Ungarn passieren zu können, müssen sie der ungarischen Polizei 200 Euro pro Person zuschieben. Die Reise von Izmir bis in das Flüchtlingslager Traiskirchen in Östereich hat am Ende einen ganzen Monat gedauert – für eine Strecke, die man als Tourist für ein paar hundert Euro in knapp drei Flugstunden zurücklegt. „Im Flüchtlingslager mussten wir ein Zimmer mit weiteren zehn Familien teilen. Die Bedingungen dort waren sehr hart“, so Zeyeb.

Später ist sie mit ihrem Ehemann in eine Pension umgezogen, aber die finanzielle Hilfe für Flüchtlinge hätte nicht einmal für die Miete gereicht. Schließlich lernen sie eine türkische Familie in Österreich kennen, die den Flüchtlingen im Lager geholfen hat, und finden bei ihr eine Unterkunft. Wie es nun, da sie in Wien sitzen, weitergehen soll, weiß Zeyneb nicht. Obwohl sie nach dem Krieg in ihre Heimat zurückkehren möchte, ist sie wie viele andere Syrer pessimistisch, was die Zukunft ihres Landes angeht. „Es sieht in Syrien nicht nach einer Lösung aus. Eine Gruppe ist schlimmer als die andere. Die Gruppe, die die größte Macht hat, kennt keine Regeln“, sagt sie resigniert.