Eine Englisch-Lehrerin einer Grundschule beschriftet die Tafel, aufgenommen am 27.10.2010 in Frankfurt (Oder) (Brandenburg) - dpa

Im Auftrag der Varkey Gems Foundation durch die Universitäten Sussex und Málaga wurde in 21 Staaten eine internationale Studie durchgeführt. Deutschland landete dabei auf dem blamablen 16. Platz. Noch weniger Ansehen genießen die Lehrer nur noch in Japan, Italien, Tschechien, Brasilien und in Israel. Ganz oben im Ranking stehen die Lehrer aus China, Griechenland, der Türkei, Südkorea und Neuseeland.

Was erwarten heute die deutschen Eltern von den Lehrern?

Heutzutage geht es an den Schulen in Deutschland nicht mehr nur um die Bildung. Auch Erziehung bekommt immer mehr Priorität, zumal diese in vielen Elternhäusern nicht mehr geleistet wird. Diese Erkenntnis ist allerdings noch nicht bei allen Lehrern bzw. auch nicht in den Institutionen angekommen. Selektion nach der 4. oder 6. Klasse, Auf- und Abstufungen, Prüfungen, unterschiedliche Schulformen und die Ökonomisierung der Schulen hemmen nach Auffassung von Beobachtern den Prozess der Bewusstwerdung für die Wichtigkeit der Erziehung im schulischen Umfeld.

Andere sehen in der Schulpflicht selbst die Wurzel des Übels und wollen diese durch eine Bildungspflicht ersetzen. So würde den staatlich kontrollierten Bildungseinrichtungen mehr private Konkurrenz erwachsen und sie in einen Qualitätswettbewerb zwingen. Die Erziehung soll nach dieser Auffassung weiterhin ausschließlich von den Eltern übernommen werden.

Die Entwicklung und der Erfolg eines Kindes wären dann, so Kritiker dieser Auffassung, weiterhin abhängig vom Milieu, der sozialen Herkunft und der ökonomischen Situation der Eltern. Die Ergebnisse der PISA-Studie, die Erfahrungen mit Schulen wie der „Rütli-Schule“ in Berlin, die schlechten Ergebnisse bei Schülern mit nichtdeutscher Herkunft u.a. haben den Blick auf das Thema geschärft. Unterstützt wird dies natürlich insbesondere durch die Medien und die Politik, nicht immer in positiver Weise. Die Erwartung und der Wunsch, dass die Lehrer, Erzieher bzw. Pädagogen auch Aufgaben übernehmen, die eigentlich im Elternhaus erbracht werden sollten, steigen auf der einen Seite. Auf der anderen gibt es massive Widerstände gegen den Gedanken, der Staat könnte sich noch mehr als ohnehin schon in die Erziehung von Kindern einmischen.

Ansehen des Lehrerberufs

Das Ansehen des Lehrers in Deutschland ist nicht positiv – und das nicht nur, seit 2006 das berühmt-berüchtigte „Lehrerhasser-Buch“ zum Kassenschlager geworden ist. Trotz des Anstiegs der Anzahl von Studenten, die den Lehrerberuf wählen, haben wir in Deutschland immer noch in einigen Bundesländern Lehrermangel – meist mit Blick auf bestimmte Fächer. Der Lehrerberuf wird oft in der Erwartung gewählt, verbeamtet zu werden oder mehr Freiraum zu haben. Die eigenen Erfahrungen als Schüler wirken entweder in der einen oder anderen Richtung, entweder als Motivation, selbst Lehrer zu werden, aber auch andererseits gerade als Entscheidungsfaktor, diesen Beruf nicht auszuwählen.

Außerdem erlebt man an Schulen, dass das Vertrauen gegenüber den Lehrern und deren Entscheidungen nicht immer vorhanden ist, vor allem aber auch wachsende Respektlosigkeit, der auch vonseiten vieler Eltern nicht entgegengewirkt wird. Beschwerden, Angriffe, Beleidigungen oder Drohungen gehören an einigen Schulen zum Alltag. Ergänzt wird diese Situation durch Vorurteile gegenüber Lehrern, die angeblich viel Freizeit haben und faul seien. Fakt ist jedoch, dass nicht Freizeit und Faulheit den Alltag von Lehrern bestimmen, sondern Burn-out und Überforderung.

Der Unterricht findet heute nicht mehr nur frontal statt. Der Lehrer soll sehr viele Rollen und Funktionen übernehmen und viele Aspekte bzw. Faktoren berücksichtigen. Neben der Bildung gehört zwar nicht nach dem Wortlaut des Grundgesetzes, aber doch nach dem Inhalt der Landesgesetze auch die Erziehung zu seinen Aufgaben. Der Lehrer muss heute in der Vielfalt der Schülerschaft in den Klassen die soziokulturellen, anthropologischen und psychologischen Voraussetzungen diagnostizieren. Für die Unterrichtsgestaltung muss er die Ziele und Inhalte, die ihm vorgegeben sind, berücksichtigen und dabei die Funktionalität von Medien und Methoden beachten. Hier einige Rollen, die ein Lehrer im Schulalltag übernimmt bzw. übernehmen soll: Wissensvermittler, Berater, Freund, Erzieher, Forscher, Korrektor, Sozialarbeiter, Experte, Lernbegleiter, Motivator, Schauspieler, Vorbild, Trainer, Organisator, Verfasser von Unterrichtsmaterial und vieles mehr…

Das deutsche Bildungssystem

Der eingangs erwähnten Studie zufolge wird das deutsche Bildungssystem als Ganzes im Mittelfeld verortet. Soll also heißen, dass es als System im Großen und Ganzen funktioniert. Viele Reformen und Ideen sind ein Bestandteil der Schulentwicklung, die helfen sollen, die Erziehung und die Bildung der Kinder zu verbessern. Neue Begriffe wie Integration oder Inklusion, Binnendifferenzierung und Individualisierung werden eingeführt. Ob es von allen Schulen und Lehrern umgesetzt, geschweige denn verstanden wird, ist unklar.

Ob diese die Entwicklungen die Gesamtsituation unterstützen oder eher belasten, werden wir in der Zukunft erfahren. Man erwartet von den Lehrern mehr fächerübergreifendes Arbeiten in Projekten und gleichzeitig führt man Zentralprüfungen ein. Widerspruch? Inwieweit eine Ganztagsschule helfen kann oder soll, die Probleme bzw. hier die Belastung der Schüler insbesondere auch der Lehrer zu lösen, ist ebenfalls offen. Es ist auch sehr abhängig davon, inwieweit die Schulen finanziell, räumlich und strukturell gefördert werden.

Eine Lösung?

Egal was bis jetzt geschrieben wurde: Der Lehrerberuf ist ein sehr „heiliger“ Beruf. Ein Beruf, der sehr vielseitig ist. „Wenige Berufe erfordern eine derart vielseitige Kompetenz wie die des Lehrers. Zu ihr gehören fachliches Können, starke persönliche Präsenz und Ausstrahlung sowie flexibles Reagieren auf sich ständig verändernde Situationen genauso wie intuitives Gespür, Verständnis für völlig unterschiedliche Schülerpersönlichkeiten, Widerstandskraft, Geschick bei atmosphärischem Gegenwind und – vor allem – Führung.“ So stellte jedenfalls Joachim Bauer („Lob der Schule“) den Lehrerberuf vor und nimmt damit die glatte Gegenposition zu Pamphletautorin Lotte Kühn ein.

Was auch auffällt und vor allem in der Einwanderercommunity aufhorchen lässt: Die Türkei errang in der Studie den dritten Rang. Es muss also im türkischen Schulsystem etwas richtig gemacht werden, was vielleicht auch hier Beachtung finden könnte. Daher möchte ich hier einige Verhaltensprinzipien nennen, die in der türkischen Erwartungshaltung gegenüber Lehrern vorhanden sind. Inwieweit diese realisiert werden und erfolgsversprechend für die gesamte Bildungsentwicklung der Kinder sind, kann hier nicht geklärt werden. Neben den klassischen Erwartungen wie Fachwissen und didaktisches bzw. auch methodisches Wissen stehen folgende Prinzipien im Vordergrund:

  • Der Lehrer hat eine Vorbildfunktion auszuüben. Diese Funktion sollte sich in seinem Verhalten, im Alltagsleben, im Umgang mit Menschen und in seiner Kommunikation zeigen.

  • Der Lehrer sollte nicht gleich Respekt verlangen, sondern zunächst die Schüler respektvoll behandeln, den Schülern zugewandt sein und seine Anerkennung gegenüber den Schülern kundtun.

  • Der Lehrer sollte die Schüler, die er unterrichtet, sehr gut kennen.

  • Der Lehrer sollte seinen Beruf „lieben“ und sehr gerne lehren, unterrichten und erziehen wollen.

  • Der Lehrer sollte fast genauso barmherzig und liebevoll gegenüber den Schülern sein wie ein Vater oder eine Mutter.

  • Der Lehrer sollte die Bereitschaft zeigen, in Einzelgesprächen den Schülern zuzuhören und in bestimmten Situationen auch Toleranz zeigen. Die Probleme und Sorgen der Schüler ernst nehmen, empathisch sein, mitfühlen und ggf. bei der Lösung unterstützen.

  • Der Lehrer sollte sich bemühen, bei der Leistungsbewertung und im Umgang fair und gerecht zu sein.

Natürlich werden in der Literatur auch die Erwartungen von Eltern und Schülern benannt, auch die Voraussetzungen, was die Schule als Institution bieten muss. Trotzdem sollte man bedenken, dass die Schüler montags bis freitags meistens von 8 bis 16 Uhr in der Schule sein müssen. Da sie in diesem Zeitraum mit Menschen in Kontakt treten müssen, sollten sie in der Schule Familienwerte nicht vermissen müssen.

Aber nur so ist der Lehrerberuf zu bewältigen: nämlich mit „Herz“. Der türkische Islamgelehrte und Inspirator einer weltweit erfolgreichen Bildungsbewegung, Fethullah Gülen, sagte über die Vorbildwirkung von Lehrern folgendes: „Menschen, die andere Menschen aufklären, die deren Wohlergehen im Auge haben und ihnen eine helfende Hand reichen, verfügen über einen so ausgeprägten und erleuchtenden Verstand, dass sie Schutzengeln ähneln (…)“.