Ein Brunnen in der Alhambra.

Der Roman „Leo Africanus“ des in Paris lebenden Libanesen Amin Maalouf entführt den Leser in die bewegte Zeit der Vertreibung der Muslime und Juden aus Granada, Andalusien. König Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien wollen ein rein christliches Reich auf der Iberischen Halbinsel errichten. Hassan Ibn Muhammad al-Wazzan ist nicht nur gezwungen, seine Heimat zu verlassen, er muss auch seine Identität wechseln und einem gänzlich anderen Dienstherren dienen, bevor er nach Nordafrika zurückkehren und dort sein Leben beschließen kann.

1492 kapituliert der letzte Kalif von Granada, Muhammad XII Abu Abdallah (genannt Boabdil), nach einem letzten Aufbäumen. Doch es ist zu spät. Er handelt für die Muslime noch eine Art kultureller Selbstbestimmung aus, bevor er selbst das Land verlassen muss. Das Leben wird für die Muslime zur Qual, die meisten Juden hatten bereits vorher das Land verlassen oder mussten ihr Bleiben mit dem Tod bezahlen. Ab 1500 wird die Lage so ernst, dass eine große Auswanderungsbewegung beginnt, die auch unseren Protagonisten Al-Hassan Ibn Muhammad al-Wazzan, später al-Fasi (der aus Fez) genannt, als Zehnjährigen mit seiner Familie in den Maghreb, nach Fez, aufbrechen lässt.

Politiker und Diplomat

Hier enden dann viele Biografien, Muslime gehen in den bestehenden Gemeinden auf, pflegen ihre Musik und Kultur und empfinden den „äußersten Westen“ (al-maghrib al-aqsa) im Vergleich zu al-Andalus als rückständig. Aber hier beginnt die Geschichte al-Wazzans. Mehrsprachig aufgewachsen kommt er durch die Vermittlung seines Onkels in Kontakt mit dem Königlichen Hof und trifft auch den ehemaligen Kalifen Abu Abdallah, den er als „blass“ und gebrochenen Menschen beschreibt. Noch hofft die Gemeinde auf eine Rückkehr in die geliebte andalusische Heimat. Da sich auch die osmanischen Herrscher in Istanbul zurückhalten, wissen Kenner der politischen Szene aber, dass es kein Zurück gibt.

„Da hatte ich den Mund wohl etwas zu voll genommen…“

Politik und Diplomatie werden zu den Betätigungsfeldern Muhammad ibn al-Wazzans. Bald wird er auf heikle diplomatische Missionen zu den Berbern geschickt, es geht in den Süden, in Richtung Mauretanien, später nach Ägypten, wo er in innertürkische Auseinandersetzungen gerät. Nach seiner Pilgerfahrt nach Mekka auf dem Weg nach Westen hält sich al-Wazzan mit einem Vertrauten in Alexandria in einer Taverne auf und erzählt – vielleicht etwas zu lebendig – aus seinem Leben; seine Vielsprachigkeit und Welterfahrenheit erregen Aufsehen. Ohne zu wissen, was geschieht, werden er und sein Freund niedergeschlagen und finden sich an Bord eines Schiffes wieder, das nach Rom fährt.

Spätestens hier dürfte al-Wazzan gemerkt haben, dass sein Leben nicht mehr seiner eigenen Planung unterliegt. In Rom hatte man erkannt, dass die Effizienz des Osmanischen Reiches in Verwaltung und Militärapparat vor dem Hintergrund der aufkommenden Reformation eine ernstzunehmende Herausforderung darstellt. Papst Leo X. macht al-Wazzan zu seinem Geografen und später Gesandten in Istanbul. Es gelingt ihm, türkische Expansionsbestrebungen nach Ungarn zu kanalisieren, es kommt zu keinem „Showdown“ der Religionen. Der gespannte Frieden hält viele Jahrzehnte.

Sein Leben scheint wie gebaut zu sein um den Quranvers 4; 48: Und hätte Gott gewollt, hätte er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er prüft euch aber in alledem, was er euch zukommen ließ.

Auch die Liebe kommt in diesem Roman nicht zu kurz. Immer sind es Frauen, die seinem Leben eine neue Richtung, Festigkeit und Tiefe verleihen.

Amin Maaloufs Roman weist zwar in erster Linie fiktionale Elemente auf, jedoch ist er sehr brauchbar, wenn es darum geht, die historischen Hintergründe, auf denen die Erzählung aufbaut, in einer Weise zu illustrieren, die zu einer eingehenderen Beschäftigung mit dem geschichtlichen Stoff selbst anregt.