Es ist merkwürdig, dass das Land, in das man als Migrantenkind kam plötzlich vertrauter wird als die eigentliche Heimat und die Suche nach den eigenen Wurzeln auf einmal so fremd erscheint...
Es ist merkwürdig, dass das Land, in das man als Migrantenkind kam plötzlich vertrauter wird als die eigentliche Heimat und die Suche nach den eigenen Wurzeln auf einmal so fremd erscheint...

Als ich die letzten Einkäufe für den Urlaub erledigte, fragte mich die Verkäuferin wohin es denn ginge. Ich sagte in den Libanon. „Ah, also in die Heimat“. Ich überlegte kurz, doch dann nickte ich bloß. Zu Hause angekommen erzählte ich meiner Mutter davon und ärgerte mich darüber. Das ist nicht meine Heimat. Meine Mutter belehrte mich eines Besseren. „Natürlich ist das deine Heimat“, sagte sie. Doch warum fühlte ich mich in diesem Land dann wie eine Fremde?

Am Flughafen Beirut angekommen, stieg die Vorfreude. Ich würde gleich meine Großmutter und meine restliche Familie sehen. Das letzte Mal, dass ich im Libanon war, ist drei Jahre her. Meine Eltern stammen aus Tripoli und da es nur in Beirut einen internationalen Flughafen gibt, mussten wir noch einmal eineinhalb Stunden fahren, bevor wir endlich angekommen waren. Während meine Eltern uns während der Autofahrt Orte zeigten, die für sie vertraut gewesen waren, war das für meine Schwester und mich Neuland.

In den ersten Tagen unternahmen wir kaum etwas. Denn so wie es sich gehörte, mussten wir zu Hause bleiben, bis all unsere Verwandten uns besuchen kamen und willkommen hießen. Und bekanntlich sind es in türkischen und arabischen Familien viele.

Eine Fremde im eigenen Land

Am ersten Tag, an dem ich die Stadt endlich erkunden konnte, fühlte ich mich wie eine Touristin. Obwohl ich so aussah wie die meisten Menschen hier, schien ich mich von ihnen zu unterscheiden. Man merkte mir an, dass ich nicht von hier war und sie gaben mir das Gefühl nicht dazu zugehören. Auf den Straßen wurden wir wie Fremde angeschaut und teilweise auf Englisch angesprochen. Alles erschien mir einerseits vertraut, doch andererseits fremd. Das war hier nicht mein zu Hause. Meinen Eltern ging es anders. Obwohl sie viele deutsche Eigenschaften übernommen hatten und ihre Heimat in einigen Dingen kritisierten, fühlten sie sich hier wohl.

Je älter man wird, desto differenzierter ist der Blick auf die Dinge. Mit meinen 24 Jahren entdeckte ich die Stadt meiner Wurzeln auf einmal neu. Das Essen schmeckte frischer, die Luft war wärmer, die zerstörten alten Häuser gaben mir ein Gefühl der Trauer und Sicherheit zugleich und die Blicke der Menschen waren kritisch. Ich war keine von ihnen.

Die Herzlichkeit vereint arm und reich

Das traurige in Tripoli war, dass es keinen Mittelweg gab. Die Menschen und die Bezirke waren aufgeteilt in Ober-und Unterschicht. Während die reicheren Viertel mit Europa mithalten konnten, konnte man in den ärmeren Vierteln nur Mitleid für die Menschen empfinden. Doch was alle vereinte war die Herzlichkeit und die Wärme in ihrem Herzen. Ob von reich oder arm, man wurde von allen Menschen mit offenen Armen empfangen und das wenige, was sie hatten, teilten sie mit den anderen.

Mir wird bewusst, dass es das ist, was ich in Berlin, meiner wahren Heimatstadt vermisse. Während ich dort mehr oder weniger von der deutschen Gesellschaft als Teil eines Ganzen akzeptiert wurde, betrachten mich die Menschen hier als „Ausländerin“ oder „Deutsche“. Und obwohl ich nicht vollständig hierhin gehöre, sind alle offen genug, um mich in ihre Gesellschaft aufzunehmen. Ich habe gelernt, dass Fremde, ganz gleich woher sie kommen, hier willkommen sind. In diesem winzigen Land mit vier Millionen Einwohnern leben Christen und Muslime, Syrer, Ägypter oder Libanesen zusammen. Und das ist es, was ich in Deutschland vermisse. Die Offenheit für Neues, Fremdes und etwas Gemeinsames.

Libanesisches Blut fließt in mein deutsches Herz

In der Zeit, die mir hier noch bleibt, versuche ich so viel wie möglich zu lernen und zu entdecken, schließlich liegen hier meine Wurzeln. Es ist schon merkwürdig, dass die eigentliche Heimat zu etwas Fremden wird und das Land, in das ich als Migrantenkind kam, zu meinem wahren zu Hause wird. Zu einem Ort, an dem die Straßen, die Menschen und die Sprache vertrauter für mich sind. Obwohl mein Herz schwarz rot gold schlägt, wird in meinem Körper für immer libanesisches Blut fließen. Deshalb wird es kein Abschied sein, sondern ein bis bald.