„Von den Hallen Montezumas bis zu den Küsten von Tripolis, schlagen wir unseres Landes Schlachten in der Luft, zu Lande und zur See.“ So lauten die ersten Verse der Hymne des US Marine Corps (USMC). Aber warum geht es bereits in den ersten Zeilen dieses berühmten Musikstückes aus der Mitte des 19. Jahrhunderts um die fernen Gestade der sogenannten „Piratenküste“?

Vom 17. Jahrhundert an befanden sich die Küsten Nordafrikas in ständiger Auseinandersetzung mit den europäischen Kolonialmächten einerseits; andererseits versuchten Algier, Constantine und Tunis, die sich formal unter osmanischer Herrschaft befanden, in Rivalität untereinander ihre Einflusssphären zu sichern bzw. auszubauen. So unternahmen zum Beispiel die Beys von Constantine jahrelang Kriegszüge gegen Tunis und stützten sich mit ihrer Armee dabei auch auf Europäer, die sie zur See als Geiseln genommen hatten.

Hohe Tributzahlungen

Im Mittelmeer waren Piratenschiffe unterwegs, die französische, spanische, holländische und auch Schiffe aus Deutschland – zumeist Fischer oder Handelsschiffe – kaperten, um die Besatzungen gegen die Zahlung von Lösegeld freizulassen. Kräftemäßig herrschte auf dem Meer über Jahrzehnte hinweg ein Patt. Das Ringen auf See mündete regelmäßig in einen Beschuss der Hafenanlagen von Algier, Tunis und später auch Tripoli durch die europäischen Kriegsschiffe. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verfügten auch die Amerikaner noch über keine starke Flotte, die es mit den „Korsaren“ an der „Piratenküste“ hätte aufnehmen können.

Im Sommer 1785 gerieten sodann zwei amerikanische Handelsschiffe in die Hände des Beys von Algier (Muhammad V Ben Uthman), der für die Freilassung der Mannschaft nicht weniger als 60 000 Dollar forderte. Obwohl Thomas Jefferson, damals amerikanischer Botschafter in Paris, sich strikt gegen eine Zahlung von Lösegeld aussprach, schloss die Regierung in Philadelphia einen Friedens- und Freundschaftsvertrag mit Algier, der umfangreiche Lösegeldzahlungen einschloss.

Karamanli erklärt USA den Krieg

1801 weigerten sich die Vereinigten Staaten jedoch, für die Nutzung der Meere Tribut in Höhe von 225 000 Dollar an Tripolis zu zahlen, worauf der Pascha von Tripolis, Yusuf Pascha Karamanli, der USA den Krieg erklärte. Thomas Jefferson – nun selbst Präsident der USA – entsandte mehrere Fregatten ins Mittelmeer. Mit dem Auftauchen amerikanischer Schiffe vor ihren Küsten stellten Tunis und Algier umgehend ihre Aktivitäten gegenüber den Amerikanern ein.

Nicht so Libyen. 1803 gelang den Tripolitanern dann auch noch das Unglaubliche: Sie kaperten die USS Philadelphia, Kapitän und Mannschaft wurden als Geiseln genommen. Verhandlungen über das Lösegeld blieben auch 1804 unter Admiral Edward Preble erfolglos. Erst 1805 konnte ein Waffenstillstand zwischen beiden Seiten erreicht werden, Gefangene wurden ausgetauscht, die USA mussten 60 000 Dollar für die Freilassung ihrer Kriegsgefangenen zahlen.

Der Ruf nach Gleichheit

Da die Flotte Tripolis zur See nicht geschlagen worden war, brachte erst ein verwegener Landangriff seitens der US-Marineeinheiten bei Derna im Jahre 1805 die Wende in dem Konflikt. Alles in allem ist es wohl einerseits die Widerspenstigkeit des Beys von Tripoli gewesen, die bei den Amerikanern bleibende Erinnerungen hinterlassen hatte, anderseits auch das zutiefst islamische Credo von der Gleichheit aller Menschen und nicht unter anderen Völkern stehen zu wollen, auch wenn diese über eine militärische Überlegenheit verfügen.

Der Wille, eine Rolle in der Welt zu spielen, hielt sich in Libyen bis zu Muammar al-Gaddafi, der am 1. September 1969 im Alter von 27 Jahren die Macht in Tripoli ergriff und den „kapitalistisch-amerikanischen“ König Idris I (König Idris as-Sanusi) unblutig vom Thron stürzte, während sich dieser im türkischen Bursa zur Kur aufhielt. Libyen schlug unter Gaddafi einen quasi-sozialistischen Weg ein, verstaatlichte seine Erdölindustrie und verwies amerikanische Öl-Firmen des Landes. Konflikte waren damit vorprogrammiert, wie sie beispielsweise im Anschlag auf die Diskothek „La Belle“ und dem Vergeltungsbombardement durch US-Präsident Ronald Reagan im Jahre 1986 kulminierten.