Mali: Spiel der vergebenen Chancen zwischen Paris und Ankara

Während der Präsidentschaft Nicolas Sarkozys waren die Beziehungen zwischen beiden Ländern besonders angespannt, nicht nur wegen der Frage des EU-Beitrittsprozesses. Frankreich war entschlossen, die Türkei am EU-Beitritt durch gezielte Obstruktion zu hindern und gleichzeitig ihren Handlungsraum im Mittelmeerraum und in Afrika zu limitieren. Zu dieser Zeit stellte man sich stets die gleiche Frage: Warum hatte Frankreich sich dazu entschlossen, die Türkei gegen sich aufzubringen, anstatt mit ihr zu kooperieren? Und keiner konnte eine zufriedenstellende oder auch nur rational nachvollziehbare Antwort darauf finden.

Sarkozy ist Geschichte und doch ziehen wieder einmal Wolken am Horizont auf – diesmal aufgrund zweier essenzieller Ursachen: Eine davon ist das Attentat auf drei wichtige Figuren der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) in Paris vor einigen Wochen. Der amtierende französische Präsident François Hollande sagte, dass er sich regelmäßig mit einem der Opfer getroffen hätte, ohne genauer auf besagte Treffen einzugehen. Es war ein Fehler, solch eine Aussage zu machen: Geheimdienste wissen bereits, wer wen trifft und welche Staaten welche Organisationen beschützen; es ist unnötig, ein Thema dieser Art in der Öffentlichkeit zu diskutieren.

Warum bot Paris den Terroristen ein ruhiges Hinterland?

Es gibt keinen Zweifel daran, dass diese Morde geschahen, um die Frauen zum Schweigen zu bringen. Während der Verhandlungen mit der PKK liegt es auch nahe, dass türkische Autoritäten nach Informationen über eventuelle Verbindungen der Organisation zu ausländischen Geheimdiensten fragen. Man weiß weder, über welche Informationen diese Frauen verfügten, noch um welchen Geheimdienst es sich dabei handelte. Jedoch ist es alles andere als unwahrscheinlich, dass sie sachdienliche Informationen an die Türkei hätten weitergeben können, die möglicherweise ein drittes Land in Bedrängnis hätten bringen können.

Auch wenn man nichts mit Sicherheit sagen kann, wäre davon auszugehen, dass es sich bei diesem dritten Land nicht um Frankreich selbst handeln dürfte, denn Hollande wäre in diesem Fall nicht so ungeschickt, in der Öffentlichkeit über sein Treffen mit einer der ermordeten Frauen zu reden.

Jedoch würde Frankreich höchstwahrscheinlich wissen, welche Informationen diese Frauen zurückhielten, denn die Mörder zu offenbaren würde gleichzeitig bedeuten, ein drittes Land bloßzustellen, mit hoher Wahrscheinlichkeit einen engen Partner oder Verbündeten Frankreichs.

Aus diesem Grund wäre es schwer für Frankreich, diese Informationen preiszugeben. Nichtsdestotrotz: Sollte Frankreich die Identität der Mörder nicht preisgeben, würde dies die Beziehungen zur Türkei belasten. Dann stellt sich vielleicht eine andere Frage: Wer möchte verhindern, dass Frankreich und die Türkei einander wieder näher kommen?

Der zweite Grund, warum die bilateralen Beziehungen weiterhin negativ beeinflusst werden, sind die Militäreinsätze in Afrika. Hier müssen wir nicht nach dritten Ländern suchen, die Frankreich vielleicht eine Falle stellen wollten, da Paris allein die Entscheidung getroffen hat, die Rebellen in Nordmali zu attackieren.

Überstürzter Alleingang in Mali

Malis aktuelle Regierung kam dank eines militärischen Coups an die Macht und bat Frankreich um Schutz vor den Rebellen. Paris entschloss sich zum militärischen Eingriff, während Malis Nachbarstaaten darauf drängten, die Operation durch die Vereinten Nationen oder die Afrikanische Union ausführen zu lassen, da diese Länder davon überzeugt waren, dass ein Eingriff Frankreichs die Rebellen nur weiter gegen die Region aufbringen und somit die ohnehin angespannte Situation verschlimmern würde. Die Türkei ist eines jener Länder, die einen Eingriff durch die Afrikanische Union forderten und sich für einen solchen Fall sogar bereit erklärte, Truppen beizusteuern.

Möglicherweise wollte Frankreich nicht, dass sich noch ein weiterer Akteur in Mali einmischt, deshalb entschloss man sich zum schnellen Alleingang. Nichtsdestotrotz hätte die Krise in Mali eine gute Chance für die Zusammenarbeit der Türkei und Frankreich sein können, die nun jedoch verloren ist.

Es ist dennoch davon auszugehen, dass die Zukunft neue Möglichkeiten zur Verbesserung der französisch-türkischen Beziehungen bereithalten werden, jedoch müssen beide Länder besonders wachsam sein, diese Chancen nicht auch noch zu vergeben.

Autoreninfo: Dedeoğlu, Jg. 1961, ist seit 1995 an der Galatasaray-Universität tätig, seit 2005 ist sie Professorin für Internationale Beziehungen. Sie schreibt außerdem für die Zeitungen Zaman, Yeni Şafak, Today’s Zaman und Agos. Der obige Artikel stammt aus Today’s Zaman.