Ein Surfer am Strand von Sanary Sur Mer im Süden von Marseille.

Marseille ist auffallend still. Kein Hund bellt, kein Auto hupt. Die Geräusche des alltäglichen Lebens dringen im Zentrum der Hafenstadt nicht an das Ohr des Besuchers. Ganz anders als in Paris, mit dem Marseille seit jeher einen Kampf um Bedeutung, Einfluss und Macht austrägt. Nun scheint Marseille in der Hierarchie an Boden zu gewinnen. In diesem Jahr ist die Hafenstaat am Mittelmeer Kulturhauptstadt Europas.

In Marseille ist ohnehin einiges los: Seit 1995 setzt die von Staat, Stadt und Region gegründete Euroméditerranée Urban Development Agency hier das größte Stadtentwicklungsprojekt Europas um. Bis zum Jahr 2020 sollen der öffentliche Raum für die Bevölkerung zurückerobert und Schlüsselbereiche einer zeitgemäßen Metropole entwickelt werden: Technologie, Transport, Tourismus, Handel und Freizeit.

„Das wahre Marseille liegt woanders“

„Für die kleinen Leute bringt das sowieso nichts“, sagt Omar Khalid, der vor drei Jahrzehnten aus dem algerischen Oran nach Marseille gezogen war. Die ganzen Sanierungen seien nur für die Touristen, das wahre Marseille liege woanders, sagt Khalid, und geht weiter seiner Wege. Eine ältere Dame, die das Gespräch offensichtlich mithörte, dreht sich um und sagt: „Ich weiß nicht, was diese Leute gegen Touristen haben, sie sind doch selbst erst seit wenigen Jahrzehnten hier.“

Die Stadt hat viel Geld in die Kulturhauptstadt investiert: Zwei neue Kulturinstitutionen wurden in diesem Jahr eingeweiht. Das Musée des Civilisations de l`Europe et de la Méditeranée (MuCEM) ist die erste Museumsneugründung Frankreichs außerhalb von Paris seit langer Zeit. Unmittelbar daneben wurde die vom Italiener Stefano Boeri entworfene Villa Méditeranée erbaut. Doch die Schere zwischen arm und reich bleibt.

Schauplatz von Drogenkriegen, Gewaltausbrüchen und Bandenkämpfen

Marseille, die zweitgrößte Stadt Frankreichs, war unter Napoleon III. die bedeutendste Hafenstadt des französischen Kaiserreichs. In diesem Jahr ist sie Kulturhauptstadt Europas, was, – in Anbetracht ihres schlechten Rufs als Schauplatz von Drogenkriegen, Gewaltausbrüchen und Bandenkämpfen – besondere Spannungen hervorrufen könnte.

Seit Jahren verstärkt die französische Polizei ihr Aufgebot in Marseille. Doch die wahren Probleme bleiben für die Besucher der Kulturhauptstadt unsichtbar. In den nördlichen Elendsvierteln der Stadt gehören Drogen und Morde zum Alltag. Am 4. September wurde das vierzehnte Mordopfer des laufenden Jahres registriert. Die Morde sind auf einen internen Machtkampf im Drogenmilieu zurückzuführen. Keine gute Öffentlichkeitsarbeit für die Kulturhauptstadt.

Stadt am Meer, Stadt im Wind

Wo andere Großstädte Europas prächtige Plätze für Kundgebungen, Aufmärsche und Festivals vorweisen können, präsentiert Marseille seinen alten Hafen, den Vieux Port. Ein Hafenbecken mit zahllosen Jachten. Um das Becken passen sich Brasserien, Cafés und Restaurants in die altehrwürdigen Häuserfassaden ein. Die Umgebung um den Hafen ist seit diesem Jahr verkehrsberuhigte Zone und so bleibt es still. Kein Auto hupt, nur der Wind pfeift durch die Gassen und zerzaust die Haare der kulturbegeisterten Touristinnen.

Doch die charmante Kulisse, wo jeder jeden zu kennen und küssen scheint, trügt. Genau hier, im Zentrum der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas, ist im August ein 25-Jähriger in seinem Auto angeschossen worden. Auf der Flucht wurde er von seinen Peinigern regelrecht hingerichtet. Ein weiterer Mord im berüchtigten Marseiller Drogenmilieu.

Der Weg zum alten Hafen führt über die Canebière, eine breite Straße mit Großbürgertumshäusern, die in den letzten Jahren aufwendig renoviert wurden. Hier tritt das Elend Marseilles ganz offen zu Tage. Vielerorts liegen Obdachlose teilnahmslos am Straßenrand, Verwirrte schreien ihre Thesen in die Welt. Hier ist Marseille laut und wild. Nicht weit entfernt von der scheinbar so heilen Welt der Kulturhauptstadttouristen.

Schmelztiegel der besonderen Art

Ein paar Straßen weiter ist man in einer fremden Welt, in Noailles – einem engen Viertel aus schmalen Gassen und verwinkelten Gängen. In diesem kulturellen Schmelztiegel zeigt sich das wahre Geheimnis der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas: Einwanderer von den Komoren, aus Algerien, Tunesien, Marokko, Niger, Mali, Armenien gehen hier ihren täglichen Besorgungen nach. Neben goldgerahmten Koransuren präsentiert ein maghrebinischer Coiffeur sein aufwendiges Handwerk am Straßenrand. Um die Ecke stehen Afrikaner in traditioneller Stammestracht vor einem Couscous-Restaurant.

Eine Vespa knattert mit zwei helmlosen Jugendlichen im Slalom vorbei und verschleierte Frauen rufen ihnen Flüche hinterher. Alles geht durcheinander. Doch genau das ist der besondere Charme des unsanierten Marseilles. Denn die Stadt am Mittelmeer ist kein zweites Paris. Sie ist laut, dreckig, nicht selten gefährlich und auf besondere Weise schön: Eine Kulturhauptstadt, die ihren Namen verdient.

Beschützt werden die Einwohner Marseilles von einer höheren Macht. Denn auf dem höchsten Berg der Stadt thront über allem die goldglänzende Kirche Notre-Dame de la Garde. Die gute Mutter, die über die niederen Umstände der großen Marseiller Familie wacht.