Es ist uns eine große Ehre als Kooperationspartner an dieser Veranstaltung teilnehmen zu dürfen. Es ist ein Zeichen dafür, dass die Mauer und der Mauerfall nicht nur die Geschichte der Deutschen darstellt, sondern auch die Geschichte der zu dieser Zeit in Deutschland lebenden „Ausländer“, wie die Türken.

Zusammen erlebte Leiden und Freuden bringen Menschen zusammen und stärken ihre Gemeinschaft sowie ihren Zusammenhalt. Das Teilen eines gemeinsamen Schicksals lässt Menschen zueinander näher kommen, gar miteinander schmelzen. So entstehen nach Jahrhunderten feste Gemeinschaften.

Türken und Deutsche: Enkel des Orients und des Okzidents 

Es ist Schicksal, dass mehrere Ereignisse dazu beitrugen, dass Enkel des Orients mit den Enkeln des Okzidents in Deutschland zusammen kamen. Ein Zusammenkommen und Zusammenleben, welches nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile barg und in dem es kein zurück gab. Zwei unterschiedliche Menschengruppen mit unterschiedlichen geschichtlichen Erfahrungen, unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Ihre Gemeinsamkeit beruhte damals nur auf der in der Vergangenheit im ersten Weltkrieg bestehenden Waffenbrüderschaft.

Mittlerweile sind mehr als 50 nicht einfache Jahre vergangen.

Es mag sein, dass historisch gesehen für die Entstehung einer Gemeinschaft 50 Jahre recht kurz sind. Gott sei Dank, dass Einstein mit seiner Relativitätstheorie die Welt revolutionierte und folgendes feststellte: Die Zeit ist relativ. Nach dem Geheimnis der Relativitätstheorie haben Deutschland und Japan ihre nach dem zweiten Weltkrieg bis auf den Boden zerstörten Länder in 30 bis 40 Jahren zu einem wirtschaftlichen Erfolg verholfen.

In diesem Sinne ist es möglich, in unserem heutigen Technologie-Zeitalter ein Jahr mit 5, sogar mit 10 Jahren zu multiplizieren, somit können 50 Jahre 500 Jahre entsprechen. Eine nicht zu unterschätzende Zeit, um eine Gemeinschaft zu bilden. In dieser Zeitspanne haben Deutsche und Türken gemeinsam Leiden und Freuden, positive und negative Ereignisse miterlebt.

Mauerbau und Mauerfall ein gemeinsames Symbol

Die mit der Mauer und dessen Fall verbundenen schmerzhaften und freudigen Erlebnisse stellen für Deutsche und Türken ein gemeinsames Symbol dar. Die ehemalige Mauer ist die anschauliche Form der in unseren Köpfen bestehenden, unsichtbaren Mauer. Sie symbolisiert die mitleidlose Trennung von Familien, Freunden, gemeinsamen Kulturen, einfach Menschen.

Wie jeder in meiner Kindheit glaubte und hoffte, dass mit Bildung und der dadurch einhergehenden Zivilisation die in den Nachrichten berichtenden Kriege enden und im Keim erstickt werden würden. Aber dies ist leider nicht Realität geworden.

Während früher Japanar, Chinesen, Amerikaner, Russen lediglich in Witzen vorkamen, begegnen wir diese mittlerweile in Deutschland auf der Straße, auf der Arbeit oder als Nachbarn. Solange wir uns nicht mit den in unseren Köpfen bestehenden Mauern gegen Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Background auseinander setzen und diese nicht abreißen, werden Kriege niemals enden.

Ich hoffe, dass wir nun in den weiteren 25 Jahren, die zwar nur in unseren Köpfen herrschenden Mauern, aber die leider ein die Welt zerstörendes Hindernis darstellen, entfernen können.

Ich wünsche uns hierbei viel Erfolg!

*Auszug aus der Rede des Chefredakteurs der Tageszeitung Zaman Deutschland, Dursun Çelik, bei der Veranstaltung „Hoşgeldiniz Kardeşlerimiz? Türkischdeutsche Perspektiven auf Mauerfall und deutsche Einheit“