Für die Deutsch-Türken, im Grunde genommen für alle Einwanderer der letzten Jahrzehnte, war der 9. November 2014, der 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer, nicht ganz einfach zu verstehen. Die Mehrheitsdeutschen waren weitgehend unter sich, man feierte einen nationalen Gedenktag, den schönsten Tag in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Neuhinzugekommenen blieben – von Ausnahmen abgesehen – außen vor. Besonders ausgelassen feierte man in den Berliner Stadtteilen, in denen der Verlauf der Mauer durch eine Lichterkette markiert worden war.

Wie ist dieses „nationale“ Freudenfest, das den Neuen nicht ausschließt, aber eben auch nicht ganz einschließt, zu erklären? Ich glaube, es hat eine Menge mit der Verspätung der Ostdeutschen zu tun, Teil der Nation zu werden, an ihrem Wohlstand zu partizipieren und Frieden mit der der Geschichte zu machen. Denn es waren die Ostdeutschen, die vor allem für die katastrophal verlaufene Geschichte zwischen 1933-1945 bezahlt haben, die jahrzehntelang zu den unterdrückten Völkern Osteuropas gehörten, bis sie endlich die Freiheit erlangten, voran die Freiheit, zu reisen. Würde man unter den heutigen Ostdeutschen zwischen 25 und 55 eine Umfrage machen, würde sich herausstellen, dass sie mehr als die Westdeutschen gereist sind, dass sie wie im Rausch das nachgeholt haben, was ihnen lange Zeit verwehrt war. „Ich habe fest daran geglaubt, eines Tages London und Paris zu sehen“, sagte mir dieser Tage eine Galeristin aus Potsdam.

Reiselust der Ostdeutschen

Während die Westdeutschen schon vor 1989 auf dem Weg waren, sich eine europäische Mentalität zuzulegen, mussten die Ostdeutschen zusammen mit den Polen, den Ungarn, Balten und vielen anderen Völkern Mittel- und Osteuropas im Zustand einer eingefrorenen Geschichte verharren. Sie kam in dem Moment wieder an die Oberfläche, als die Streitkräfte der Sowjetunion das Territorium verließen, freie Wahlen abgehalten werden konnten und eine große Debatte über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einsetzte. Erfahrungen mit anderen Völkern, mit Einwanderern und Integration spielten dabei keine Rolle. Und bis heute kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Ostdeutschen die Erwartung haben, ein wenig besser und vor allem aufmerksamer als jene behandelt zu werden, die die Bundesrepublik von entfernteren Distanzen aus betreten.

Ausländer hat die DDR-Bevölkerung als Privilegierte und von der eigenen Bevölkerung Abgeschottete erlebt: Studenten aus Kuba und aus dem sozialistischen Lager und einige Tausend Angolaner und Vietnamesen, die in eigenen Quartieren hausten. Bis 1989 hat es in Ost-Berlin und Leipzig keine türkischen Einwanderer gegeben, und auch heute sind die Migranten-Zahlen im Osten wesentlich niedriger als im Westen. Es gibt in Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg Gegenden, in denen man keine Einwanderer antrifft. Kommen sie, stoßen sie auf Misstrauen, was mit mangelnder Begegnungserfahrung, mit der eigenen Lebenssituation und Erwartungen an den Staat zu tun hat.

Die deutsche Geschichte erkunden

Sicher scheint mir, dass in 25 Jahren, beim nächsten großen Mauerfall-Jubiläum dieser Zustand überwunden sein wird. Die Ostdeutschen werden bis dahin, zusammen mit ihren Schicksalsgenossen in Osteuropa, begleitet von den Westdeutschen und dem wachsenden Teil an Eingewanderten und Einwanderern den Weg in ein immer mehr zusammenwachsendes Europa weitergehen. Die zu lösenden Probleme gleichen sich in allen Ländern immer mehr an. Die nationale Geschichte wird zumindest in den Teilen abgehandelt sein, die die Verspätung der Ostdeutschen betrifft, ihre Begegnung mit den Westdeutschen im Jahre 1989, als diese im Begriffe standen, ihre Landsleute im Osten allmählich zu vergessen.

Um diese Kompliziertheiten und Verwerfungen der deutschen Geschichte zu verstehen, empfiehlt es sich für alle an Wissen und Bildung interessierten Einwanderer, die Historie dieses Landes zu erkunden, sich in Schule und Freizeit mit der deutschen Geschichte, mit ihrer Literatur und ihren schönen Künsten zu befassen. Das ist keine leichte Aufgabe, aber sie steht unweigerlich an, wenn man in der dritten und vierten Generation in diesem Lande lebt und einen sicheren und durch Qualifikation gekennzeichneten Beruf hat. Dann wird man beim nächsten Mal unter den Menschen sein wollen, die am Brandenburger Tor einen sehr glücklichen Moment in der Geschichte des Landes feiern.