Mitglieder der OSZE Beobachtermission in der Ukraine sitzen am 27.04.2014 in Slaviansk bei einer Pressekonferenz. Die tagelang in der Ostukraine festgesetzten Militärbeobachter aus Deutschland und anderen Ländern sollen wieder in Freiheit sein. Das meldete die Agentur Itar-Tass am Samstag 03.05.2014. Eine offizielle Bestätigung gab es zunächst nicht.

Natürlich wäre es schön gewesen, wir hätten alle das Fach Medienbildung in der Schule gehabt und es wäre nicht dem Zufall überlassen worden, wer was von welcher engagierten Lehrkraft erfährt oder nicht. Die Einführung eines systematischen Lehrplans zur Medienbildung mitsamt der Ausbildung von Fachlehrkräften und der Verfügbarkeit von evaluiertem didaktischem Material wird für eine Demokratie unumgänglich sein, die auf das Nachdenken über Meinungsbildungsprozesse angewiesen ist. Derweil ist man auf Selbsthilfe angewiesen.

Am Anfang steht das Wort

Wer schon Kinder im Alter weiterführender Schulen hat, kann ganz aktuell am Beispiel der Ukraine-Berichterstattung die Mechanismen medialer Desinformation erarbeiten. Dazu bedarf es eines gewissen Grundwissens über das Potential von Benennungen. Je nach Entscheidung für ein Wort oder ein anderes, wird eine bestimmte Perspektive auf das zu Beschreibende geworfen. Wenn etwa von „OSZE-Beobachtern“ die Rede ist, dann impliziert die Bezeichnung eine offizielle Beauftragung durch die OSZE, die als übernationale Organisation über große Anerkennung verfügt. Die entführten so genannten „OSZE-Beobachter“ wurden aber gar nicht von der OSZE entsandt, wie man der gängigen Berichterstattung entnehmen kann – wenn, ja wenn man die Geduld aufbringt, nicht nur die Überschriften zu lesen, sondern auch mal die Texte bis zum – bitteren – Ende.

Etwa auf spiegel.de heißt es am 26.04.2014 im unteren Mittelfeld des Artikels versteckt: „Die OSZE sei aber nicht der Verhandlungspartner für die prorussischen Kräfte, da es sich bei den Festgehaltenen nicht um Mitglieder der eigentlichen Beobachtermission handle. Es sei eine bilaterale Mission unter Leitung des Verifikationszentrums der Bundeswehr auf Einladung der ukrainischen Regierung. Daher würden Verhandlungen durch die Bundesrepublik geführt, sagte Neukirch.“ Und auf tagesschau.de klingt es ähnlich am 26.04.2014: „Die deutschen Beobachter wurden vom Zentrum für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr entsandt. Sie sind uniformiert, aber nicht bewaffnet.“

Begriffe übertünchen Fakten

Dennoch ändert dieses Eingeständnis nichts an den Überschriften des jeweiligen Beitrags und auch nichts an der folgenden Berichterstattung in den meisten Medien, wo zwar manchmal auf den Begriff „Militärbeobachter“ ausgewichen wird, aber die „OSZE-Beobachter“ noch oft genug vorkommen und einen falschen Eindruck von der Situation vermitteln. Dass sich inzwischen die OSZE eingeschaltet hat, mag die Manipulation übertünchen helfen. Dass Interesse daran besteht, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass auch UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon die falsche Bezeichnung verwendet – etwa in seiner Pressemitteilung vom 28.04.2014. Und nun mag sich mancher verwundert fragen, warum wohl eine Untersuchung anberaumt ist, wo es sich doch nach wie vor in der Berichterstattung um angeblich rechtmäßig entsandte „OSZE-Beobachter“ handelt.

„Aggressiver“ Gauck und „mutiger“ Erdoğan?

Vergleiche der Benennungspraxis gegenüber verschiedenen Personen sind auch oft erhellend. So konnte man während des Besuchs des Bundespräsidenten in der Türkei die stereotypen Zuweisungen vorbildlich studieren: Während Gauck als „mutig“ und „offen“ gelobt wurde – wohlgemerkt, seine kritischen Anmerkungen gegenüber der türkischen Regierung – wurde Erdoğan in den deutschen Medien gerne mit Begriffen wie „wütend“ und „aggressiv“ belegt. Man vergleiche die Aussagen der beiden Politiker und mache vielleicht einmal eine Gegenprobe – sprich, tauscht die Beurteilungen aus – um zu prüfen, wieweit die subjektive Gestaltung von Journalistenseite aus betrieben werden kann.

Wie wenig solche Zuweisungen oft mit der Realität zu tun haben, lässt sich an einem Vergleich der Wortwahl gegenüber Obama und Putin ermitteln. Während die USA mit über 1000 Militärbasen weltweit eindeutige Vorreiter sind, im Gegensatz zu 25 russischen außerhalb des eigenen Landes, sind die gewählten Worte für Obama durchwegs positiver als die für Putin. Letzterem schreibt man gerne „Sowjetrhetorik“, „Großmachtgehabe“ und „Drohgebärden“ zu. Obama hingegen werden „Visionen“, „Wahrheit“ und „Redlichkeit“ bescheinigt (zum Thema Obama/Putin siehe auch hier). Hier mag sich der Kreis zur aktuellen Ukraine-Berichterstattung schließen.

Anzuwenden sind derlei Nominationsanalysen auf alle Themenfelder, denn natürlich macht es einen Unterschied, ob ich einen Bombenleger als „Terrorist“ oder als „Freiheitskämpfer“ bezeichne.

Mehr dazu in Blog und Buch der Autorin: www.generationmedien.de.