Lange bevor die Öffentlichkeit einen Blick in den „Bericht zum Stand der deutschen Einheit“ aus dem Innenministerium werfen kann, berichten die Medien über deren Inhalt. Ausgehend von einem Vorabbericht der Bild-Zeitung wird bereits der große Erfolg des (wirtschaftlichen) Einigungsprozesses verkündet.

Zwar merken einige andere Medien bereits ihre Skepsis ob der Jubelrufe an, aber alle unterwerfen sich dem Fakt, dass der Bericht erst Tage später von Innenminister Friedrich vorgestellt wird. Dann jedoch dürfte der Interpretationswagen bereits abgefahren sein.

Dabei zeigt die Praxis in der Vergangenheit, dass man in Redaktionen wesentlich kritischer sein müsste, wenn man vorab Exklusivmaterial angeboten bekommt. So im Jahre 2007, als es einigen Interessierten gelungen ist, über eine Vorabveröffentlichung zur Kinderkrebsstudie in der Süddeutschen Zeitung das brisante Ergebnis derselben zu relativieren. Als die Studie nach einem Wochenende endlich zugänglich war, herrschte bereits die Mär vor, dass sie ja nicht klar erklären könne, warum in der Umgebung von Kernkraftwerken die Krebsrate bei Kindern auffällig erhöht war. Genau das hat die Studie jedoch bewiesen, dass nämlich – jenseits anderer ermittelter Faktoren – die Zunahme an Krebserkrankungen bei kleinen Kindern mit der Nähe zum Atommeiler korreliert. Aber diese Wahrheit konnte sich in der Folge nur noch in Fachkreisen durchsetzen.

Vorabveröffentlichungen sind mit Skepsis zu genießen

In Sachen „Wagen aufs Gleis setzen“ gab es zwischen dem Innenministerium und der BILD-Zeitung mindestens schon einmal einen zweifelhaften Erfolg. Prof. Frindte von der Universität Jena bekam dies zu spüren. Seine Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“, die zunächst im Innenministerium schlummerte, wurde plötzlich und für ihn unerwartet von der BILD-Zeitung zum Leben erweckt. Allerdings, mit einer gänzlich anderen Deutung, als es seine Studienergebnisse nahe legten. Den Erstberichtern ist es dabei gelungen, die inzwischen üblich gewordene Verknüpfung von muslimischer Religiosität mit Gewaltbereitschaft fortzuschreiben. Der Studienleiter widersprach allerdings öffentlich dieser Fehldeutung seiner Ergebnisse, die vor der Veröffentlichung durch den Innenminister durch die Worte eben desselben Innenministers gegenüber den von ihm ausgewählten Medien in die Welt gesetzt wurde.

Nun haben wir es also erneut mit einer Vorabveröffentlichung zu tun. Und wieder haben wir es nicht nur mit einer Ankündigung einer Veröffentlichung zum Stand der deutschen Einheit zu tun, sondern mit einer interpretierenden Richtungsgebung. Und das sollte unseren kritischen Blick schärfen. Natürlich ist ein Interesse von Regierungsseite vorstellbar, die Zustände in Ost (und West) zu beschönigen – mitten in der Wirtschaftskrise, inmitten der Koalitionsverhandlungen.

Auch wenn die Kluft zwischen Ost und West vergessen wird, bleibt sie bestehen

Allein die Tatsache, dass man zum Vergleich der Zahlen gerne das Jahr 1991 heranzieht, nicht jedoch Ende 1989 oder Anfang 1990, spricht Bände. 1991 war der Kahlschlag der DDR-Wirtschaft schon so weit fortgeschritten, dass die Zahlen desaströs waren. Die Arbeitslosigkeit stieg ins Unermessliche, Abwanderung und Verödung waren die Folge. Diese Zahlen waren aber ein Jahr zuvor wesentlich besser. Ja, angesichts unserer heutigen Pro-Kopf-Verschuldung kann man sich im Vergleich zur DDR-Prokopfverschuldung durchaus fragen, ob die Abwicklung in der Form überhaupt sinnvoll war – jenseits der Profite im Metro-Konzern und anderswo. Treuhandchef Detlev Rohwedder hatte jedenfalls anderes als den Ausverkauf der DDR-Betriebe vor. Ihm schwebten genossenschaftliche und andere Beteiligungsmodelle vor für eine Wirtschaft, der im Moment der deutschen Währungseinheit der Ostmarkt weggebrochen war. Umsetzen konnte Rohwedder seine Pläne nicht. Er wurde am 1. April 1991 erschossen.

Die von Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ sollen nun also doch noch anfangen zu blühen. Zumindest blühte damals aber für Kohl das Glück, denn vor der Maueröffnung war er politisch eigentlich am Ende. Die DDR-Bürger dürften, wie damals viele in der ehemaligen Sowjetunion, geglaubt haben, dass sie die „Segnungen des Westens“ zu ihrem Status Quo noch dazu erhalten würden. Dass im Kapitalismus aber bestimmte Sozialstandard nicht garantiert sind, mussten sie erst schmerzlich erleben – wie wir alle inzwischen. Denn das ist zumindest eine gesamtdeutsche Erfahrung, dass ohne Korrektiv, der Turbokapitalismus den Sozialstaat mitsamt dem Mittelstand abschafft und eine enorme Kluft öffnet zwischen Reich und Arm, die die zwischen Ost und West irgendwann vergessen machen könnte. Wenn nicht, ja wenn nicht, Presseorgane wie die BILD-Zeitung immer wieder Öl ins trennende Feuer gießen würden.