Der auf Twitter aktive türkische Whistleblower Fuat Avni hatte Recht. Die AKP-Regierung hat in den frühen Morgenstunden zahlreiche Personen festnehmen lassen. Unter ihnen auch mehrere Journalisten und Schauspieler. An den Razzien sollen rund 8.000 Polizisten beteiligt gewesen sein. Hier ein Ticker zur chronologischen Übersicht der Geschehnisse:

Samstag, 22:30 Uhr

Der Whistleblower Fuat Avni teilt über Twitter mit, dass Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan die AKP-Regierung von den Korruptionsermittlungen vom 17. – 25. Dezember im vergangenen Jahr ablenken wolle und deswegen 47 Menschen verhaften möchte. Auf der Liste steht auch der Name des Chefredakteurs der größten türkischen Tageszeitung Zaman, Ekrem Dumanlı (Foto), sowie der des Leiters der Sendergruppe, Dr. Hidayet Karaca.

Samstag, 23:10 Uhr

Tausende Menschen reisen aus ganz Istanbul an und versammeln sich vor der Zentrale der Tageszeitung Zaman im europäischen Teil der Metropole und weitere Tausende versammeln sich im asiatischen Teil vor der Senderzentrale von Samanyolu. Die Demonstranten halten Transparente mit der Aufschrift „Auch wenn alle Schweigen, Zaman schweigt nicht“ und „Das ist ein Angriff auf die Demokratie und Pressefreiheit“.

Samstag, 23:50 Uhr

Der Chefredakteur von Zaman, Dumanlı, spricht zu den Menschen, die zur Unterstützung gekommen sind. „Das ist eine Freiheitsfrage für die Türkei, die Medien kann man nicht mundtot machen“, spricht er in die Menge.

Sonntag, 1:20 Uhr

Die Journalisten von Zaman kommen zur Unterstützung in die Zentrale ihrer Zeitung und warten auf ihre Verhaftung.

2:00 Uhr

Auch der stellvertretende Vorsitzende der Büyük Birlik Partisi (Große Einheitspartei, BBP) kommt in die Zentrale der Zeitung, um sich mit der Redaktion zu solidarisieren.

3:00 Uhr

Die Redaktionskonferenz der Zaman findet diesmal in den frühen Morgenstunden statt.

5:35 Uhr

Auch der Vorsitzende der Demokratik Gelişim Partisi (Demokratische Entwicklungspartei, DGP), Idris Bal, kommt zur Unterstützung in die Zentrale der Zaman.

6:21 Uhr

Der Anwalt Fikret Duran gibt bekannt, dass die Verhaftungen der Mitarbeiter von Samanyolu TV begonnen haben: „Salih Asan und Engin Koç wurden verhaftet und abgeführt“. Asan ist Drehbuchautor, Koç Regisseur der Serien „Tek Türkiye“ und „Sungurlu“.

7:15 Uhr

Die von Fuat Avni angekündigten Verhaftungen haben in mehreren Städten begonnen.

7:18 Uhr

Die Polizei geht in die Zentrale der Tageszeitung Zaman, um unter anderem den Chefredakteur festzunehmen. Sie rücken kurze Zeit später mit der Ankündigung, „Wir werden wieder kommen“, ab. Vor dem Gebäude ertönen Parolen wie „Die freien Medien dürfen nicht mundtot gemacht werden“.

8:00 Uhr

Der Geschäftsführer des TV-Senders Samanyolu, Dr. Karaca, wird verhaftet und abgeführt. Karaca sagt: „Wenn wir einen Preis für die Demokratie bezahlen müssen, dann sind wir dazu bereit“.

8:21 Uhr

Der Chefredakteur der Zaman hält eine Pressekonferenz ab.

8:34 Uhr

Der frühere Anti-Terror-Chefermittler und ehemalige Polizeichef von Hakkari, Tufan Ergüder, wird ebenfalls verhaftet.

9:00 Uhr

Der Abgeordnete und frühere Nationalspieler Hakan Şükür kommt zur Zaman-Zentrale nach Yenibosna, um die Journalisten zu unterstützen.

9:43 Uhr

Auch Elif Yılmaz, eine Darstellerin der vor vier Jahren zu Ende gegangenen Serie „Tek Türkiye“, wird nach ihrer Festnahme zur gesundheitlichen Untersuchung ins Krankenhaus gebracht.

9:47 Uhr

Der Vorsitzende der Oppositionspartei Cumhuriyet Halk Partisi, (Republikanische Volkspartei, CHP), Kemal Kılıçdaroğlu gibt eine Stellungnahme zu den Verhaftungen ab. „Wir werden gerade Zeuge eines Putsches“, so Kılıçdaroğlu.

9:56 Uhr

Der Drehbuchautor der Serie „Tek Türkiye“, Ali Kara, wird nach seiner Verhaftung zur gesundheitlichen Untersuchung ins Istanbuler Krankenhaus Haseki gebracht.

10:00 Uhr

Nach seiner Verhaftung wird der Leiter der Sendergruppe Samanyolu, Dr. Karaca, ins Istanbuler Krankenhaus Haseki zur Untersuchung gebracht. Zur selben Zeit werden in der Stadt Eskişehir auch der Produzent der TV-Serien „Sungurlar“ und „Tek Türkiye“ Salih Aslan und mit ihm sein Kollege Engin Koç verhaftet. Beide arbeiten für den TV-Sender Samanyolu.

12:10 Uhr

Die Polizei kommt ein zweites Mal in die Zaman-Zentrale und nimmt Ekrem Dumanlı aufgrund eines „nachvollziehbaren Verdachts“ fest. Der Vorwurf: Dumanlı wolle „sich der staatlichen Souveränität der Türkischen Republik bemächtigen“.

12:12 Uhr

Hasan Cemal (Kolumnist): Erdoğan spielt mit dem Feuer. Man kann die Freiheiten nicht erwürgen!

12:58 Uhr

Ahmet Şık (der Journalist, der 2010 wegen Veröffentlichung geheimer Dokumente angeklagt wurde): Das, was die Hizmet-Bewegung heute erlebt, ist auch ein Stück weit Faschismus.

13:25 Uhr

Hat Premierminister Ahmet Davutoğlu bei seiner Rede in Elazığ die Hizmet-Bewegung gemeint mit der Aussage „Heute ist der Tag der Bewährung“? Jeder, der mit seiner Handlungsweise gegen die Demokratie dieses Landes sei, werde Rechenschaft ablegen, und jeder, der dafür sei, werde belohnt werden.

13:34 Uhr

Ekrem Dumanlı: Diejenigen, die schuldig sind, sollen sich fürchten. Unschuldige Menschen haben nichts zu befürchten.

13:59 Uhr

Die Zeitung Zaman bedankt sich über Twitter: Danke Ahmet Şık. Wir haben uns für deine Freiheit nicht so eingesetzt wie du es für unsere tust!