In den Jahren, als es den Zeitungen noch gut ging, hatte ich das Glück, an einer Reihe von Plätzen auf der Welt große Zeitungshäuser und Redaktionen zu besuchen. Zwei davon sind mir in besonderer Erinnerung geblieben, ein Tag bei der New York Times in Manhattan, in dem gigantischen Newsroom und zwei Besuche bei der Tageszeitung Zaman in Istanbul. Ein vergleichbares Verlagszentrum, das eine derartige Klasse und Modernität ausstrahlt – man muss heute wohl sagen: ausstrahlte –  gibt es in Deutschland nicht. Wenn man durch die Flure des Hauses ging, in denen täglich eine Zeitung mit einer verkauften Auflage von über 1 Millionen Exemplar entstand, gewann man rasch den Eindruck von einer Avantgardeveranstaltung der Türkei. An keinem anderen Ort in Istanbul war man sich so sicher, dass sich das Land auf dem Weg in eine Moderne befand, in der die großen Zukunftsaufgaben der im Aufbruch befindlichen Türkei gelöst würden. Zaman stand für die türkische Zivilgesellschaft, für eine neue Generation mit hervorragender Ausbildung, Westorientierung, mit Internationalität, die die leitenden Redakteure des Hauses perfekt verkörperten. Aber nicht nur das, bei Zaman wurde an etwas geglaubt, der Gebäudekomplex verströmte Kraft, Dynamik.

Zeitungsredaktionen sind so empfindlich wie ein Behälter aus dünnem Glas. Was am Freitagabend dort passierte, als sich Europa bereits im Wochenende befand, ist irreparabel. Die offiziellen Reaktionen in Europa sind enttäuschend, man hat das Gefühl, dass nicht nur die deutsche Politik über das moderne Viertel von Istanbul hinweg schaut, in dem der Verlagskomplex von Zaman liegt, der jetzt in fremde Hände gefallen ist. Von Treuhand kann keine Rede sein, die starken Scheinwerfer des Leuchtturms Zaman sind verlöscht. Ob sie je wieder angehen werden, ist eine offene Frage. Das Kneifen der EU verheißt nichts Gutes. Stattdessen richten sich die Blicke der deutschen Politiker – die Bemerkung von Innenministers de Maizière über die Bedeutung der Türkei für die EU spricht Bände – auf den großen Palast in Ankara, in dem ein zunehmend autokratischer Herrscher Schicksal für eine Berufsgruppe spielt, die sehr leicht zu zerstören ist und dann in alle Winde verstreut wird.

Schuld deutscher Medien: Zu viel Gülen, zu wenig Medienfreiheit

Nun rächt sich auch, dass ein Großteil der deutschen Medien sich über Jahre hinweg auf eine Fundamentalkritik an der Gülen-Bewegung kapriziert hat. Die innenpolitische Entwicklung der Türkei, die schon vor Jahren einsetzende allmähliche Strangulierung der unabhängigen türkischen Medien ist einem Großteil meiner Kollegen leider entgangen. Noch immer liegt die Betonung beim gemeinsamen Aufstieg, den die AKP und die Anhängerschaft von Fetullah Gülen gemeinsam vollzogen hätten. Dabei hätte man auf deutscher Seite, in den Tageszeitungen und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, spätestens vor zwei Jahren damit beginnen müssen, den Deutschen zu vermitteln, dass es nicht länger um alte Debatten in der Türkei ging, nicht mehr darum, was Gülen angeblich gesagt habe, sondern um die Freiheit der Presse. Zaman stand dafür an vorderster Front, wurde von den Türken als besonders glaubwürdig angesehen. Die in der Bundesrepublik arbeitenden Kollegen mit türkischen Wurzeln haben die Katstrophe kommen sehen, sie haben alles dafür getan, dass sich die Kollateralschäden, die sich für Zaman Deutschland ergeben, in Grenzen halten, jedenfalls war dies mein Eindruck.

Die Bundesrepublik hat sich in eine Lage hineinmanövriert, in der sie – wie das Verhalten des offiziellen Berlin zeigt – den in Bedrängnis geratenen Kollegen von Zaman nicht helfen kann. Der türkische Präsident Erdoğan weiß längst die Klaviatur der deutschen öffentlichen Meinung perfekt zu bedienen, er hat das durch die Besetzung des Zeitungsgebäudes entstehende mediale „Loch“ mit der Nachricht aufgefüllt, dass die Türkei eine gigantische Zeltstadt für die syrischen Flüchtlinge bauen wird. Das kommt hierzulande gut an, klingt aber bestenfalls nach Aufschub des Problems.

Keinen Aufschub duldet die Frage, wie Deutschland und die EU auf die Zerstörung eines Leuchtturms in Istanbul reagieren. Man konnte das Unheil kommen sehen. Es kam in Etappen. Ich fühle mich in meiner Ohnmacht gegenüber dem, was sich gerade in Istanbul ereignet hat, sehr schlecht. Ich wäre gern wieder vor Ort, um den Bedrängten zu helfen.