„Du willst da wirklich hinfahren?“ So fielen die meisten Reaktionen meiner Freunde aus, als ich ihnen erzählte, dass ich für drei Wochen in meine Heimatstadt Tripoli (Libanon) reisen würde. „Hast du denn keine Angst?“ Mich ärgerten diese Fragen.

Ich würde doch nicht freiwillig in ein Land reisen, in dem Krieg herrscht. Wir telefonierten tagtäglich mit unseren Verwandten. Das Leben hatte sich nicht verändert. Man feierte Hochzeiten, fuhr ans Meer oder in die Berge. Aber konnte ich es meinen Freunden übel nehmen? Wenn sogar das Auswärtige Amt eine Reisewarnung in den Libanon bekannt gegeben hat und „mit Nachdruck“ vor Reisen in den Kreis Tripoli warnt. In der Stadt kommt es immer wieder zu schweren bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen politischen Gegnern und Unterstützern des syrischen Regimes. Extremistische Gruppen wie beispielsweise die Terrormiliz „Islamischer Staat“ oder der syrische al-Qaida Ableger „Nusra-Front“ nutzten einige ärmliche Bezirke in Tripoli lange als Rückzugsort –  bis die libanesische Armee diese Zellen gewaltsam vertrieb. Tripoli gilt daher seit langem als Unruheherd des Libanon.

Auch ich musste mir selbst eingestehen, dass ich unbewusst Bilder von vermummten Männern mit Waffen im Kopf hatte, wenn ich an die Stadt dachte. Würde mich das am Flughafen erwarten? Ich vertrieb die Bilder schnell aus dem Kopf.

Nach einigen Tagen in Tripoli ärgerte ich mich darüber, dass ich es zugelassen hatte, auf solche Gedanken zu kommen. Es war alles wie immer. Man konnte unbesorgt durch die Straßen laufen und die Menschen verbrachten ihren Alltag ohne jegliche Einschränkungen. Dennoch warnte meine Großmutter meine Schwester und mich davor, alleine aus dem Haus zu gehen. „Man weiß ja nie…“

Während wir mit dem Auto unterwegs waren, fiel mir auf, dass es viel mehr Soldaten auf den Straßen gab als früher. „Zur Sicherheit“, hieß es nur, als ich nach dem Grund fragte. Nach den Gefechten zwischen den Alawiten in Dschabal Mohsen und den Sunniten in Bab al Tabbana hatten die Soldaten erfolgreich eingegriffen und beide Seiten vertrieben. Wahrscheinlich war mit „zur Sicherheit“ gemeint, dass sie zurückkommen könnten. Nach 22 Uhr war kaum noch jemand unterwegs. Diese Stadt, die eigentlich nie schlief, war plötzlich so still. War vielleicht doch nicht alles wie immer? Ich versuchte mich nicht weiter mit diesen Gedanken zu befassen.

Angst vor den eigenen Mitbürgern

An einem Tag planten wir einen Ausflug nach Beirut. Auf dem Weg fuhren wir über viele kleine Städte und schauten uns die Gegenden an. In der christlichen Stadt Jbeil, einem beliebten Touristenort, kamen wir mit einem Souvenirverkäufer ins Gespräch. Als er hörte, dass wir aus Tripoli kamen, fragte er direkt, ob es „ruhiger“ geworden sei. Ich wusste erst nicht, was er meinte. Doch meine Großmutter schien ihn zu verstehen. „Nein, es ist alles in Ordnung.“ Er sprach von Krieg. Viele Libanesen aus anderen Städten trauten sich nicht mehr nach Tripoli. Vor allem viele Beiruter warnten ausländische Touristen nicht in diese Stadt zu reisen, da der IS die Stadt übernommen hätte. Natürlich ärgerten sich die Tripolitaner darüber, dass man die Touristen mit solchen Gerüchten fernhielt. Schließlich war Tripoli die zweitgrößte Stadt im Libanon und es gab hier einiges zu sehen.

Das Gespräch mit dem Mann beschäftigte mich noch viele Tage später. Wenn sogar die Libanesen sich untereinander misstrauten, dann war es kein Wunder, dass man im Westen Angst hatte, hierher zu reisen. Die nächsten Tage versuchte ich die Stadt mit anderen Augen zu betrachten. Ich achtete auf Kleinigkeiten und lauschte den Gesprächen der Leute besonders aufmerksam. Tatsächlich hingen in bestimmten Bezirken mehrere IS-Flaggen. Als ich meinen Onkel fragte, ob es stimmte, dass es unter den Einwohnern in diesen Bezirken IS-Anhänger gab, zögerte er kurz. „Nein, nicht unbedingt. Das sind einfach streng konservative Sunniten, die zeigen, dass sie gläubig sind.“ Aha, und das tun sie mit einer IS-Flagge? Wahrscheinlich wollte er mir keine Angst machen.

„Es heißt ‚Islamischer Staat’ und nicht IS“

Über mehrere Ecken hörte man, dass sich Söhne von dieser und jener Familie dem IS angeschlossen hatten. Einigen von ihnen wurden sogar die Leichen ihrer Söhne zurückgebracht. Von einer Familie hörte man, dass sich gleich zwei Söhne dem IS angeschlossen hatten. Der ältere, etwa 25 Jahre alt, machte sich auf den Weg in die Türkei, wohin ihm sein jüngerer Bruder (19 Jahre) folgte. Auch seine Frau und seine zwei jungen Töchter ließ der ältere Sohn zu sich holen. Von der Türkei machten sie sich schließlich auf nach Raqqa. Während die ganze Familie darüber trauerte, unterstützten die Eltern dieser jungen Männer sie zu einhundert Prozent. Als man sie fragte, ob es keine Möglichkeit gäbe, dass sie zurückkommen, antwortete der Vater, dass sie bald siegreich mit dem „Islamischen Staat“ zurückkommen würden. Er forderte die Leute auch auf, nicht „Daisch“, also die arabische Abkürzung für IS, zu sagen, sondern „al Dawla al Islamia“, Islamischer Staat. Außerdem dürfe man als „richtiger Muslim“ weder in den Medien noch privat gegen den IS vorgehen oder ihn schlecht darstellen. Sie würden „unsere Sunna verteidigen“ und hätten unsere vollste Unterstützung verdient. Auch die Mutter schien nicht darüber zu trauern, dass ihre beiden Söhne weg waren. Im Gegenteil, sie war stolz darauf. Von anderer Seite hörte man Berichte, wonach die IS-Rekruten jeden Monat viel Geld von der Terrormiliz erhalten würden, dass sie teilweise an ihre Angehörigen im Libanon schicken würden. Auch um sich die Unterstützung der Angehörigen zu sichern.

Konservative Muslime gegen den IS

Dass das Motiv ausschließlich ein religiöses sein soll, das glaube ich nicht. Ich würde zu gerne wissen, wie viele Männer sich dem IS anschließen würden, wenn sie kein Geld dafür bekämen. Das einzig beruhigende ist, dass die Regierung verstärkt gegen solche Leute vorgeht und die Mehrheit der Bürger sich offen von diesen Menschen distanziert, erst recht die konservativen Muslime. Was diese Menschen tun, ist nicht im Namen des Islam, so die allgemein verbreitete Ansicht.

Was die Sorgen und Gerüchte betrifft, so kann ich diese entschärfen. Der IS hat Tripoli weder übernommen noch herrscht hier Krieg. Es bleibt nur zu hoffen, dass es so bleibt und der IS bald ausgeschaltet wird, bevor sich ihm noch mehr junge Männer aus der ganzen Welt anschließen.