Die Stadt Mekka ist ohne Zweifel der zentrale Wallfahrtsort des Islam und die Kaaba ihr Heiligtum per se. Jedes Jahr pilgern rund drei Millionen Muslime dorthin. Schließlich ist sie nicht irgendeine Stadt: sie ist „Makkah al-Mukarramah“ (deutsch: Mekka, die Ehrwürdige). Keine andere Stadt beherbergt so eine Spiritualität wie sie. Sie war und ist die heilige Stadt der Muslime.

Seit dem Bau der Kaaba unterlag die Stadt Mekka diversen Veränderungen – vor allem zwecks sicherer, besserer und angenehmer Verrichtung der Hadsch. Nicht ohne Begründung: Ende und Anfang des 21. Jahrhunderts beispielsweise kamen knapp 2000 Pilger aufgrund Massenpaniken ums Leben. Eine Umplanung der Wege zu bestimmten Punkten in Mekka war unumgänglich.

Einen immensen Wandel erlebte sie aber ohne Zweifel in den letzten Jahren. Diese wurden – anders als die sicherheitsbedingten Veränderungen – zur Zielscheibe islamischer Gelehrter. Nicht Mekka und die Kabaa selbst, sondern die pompösen Wolkenkratzer seien nun die Blickfänger. Nicht das Spirituelle, sondern das Shopping und das Geld stünden im Vordergrund. „Mekka wird zu Las Vegas“ ist zwar überspitzt formuliert, gibt aber die Essenz der Kritik allemal wieder.

Immobilien und Geschäfte als Paradoxon zum Geist von Mekka

Den weltweit größten Immobilienmarkt hat ohne Zweifel Monaco. Dort reichen die Immobilienpreise bis zu 43.000 USD pro Quadratmeter. Doch in puncto Preise lässt Mekka Monaco links liegen. 200.000 USD pro Quadratmeter sind die Immobilien rund um die Kaaba wert. „Je besser die Sicht zur Kaaba, umso teurer die Immobilie“, heißt die Devise. Doch nicht nur die Immobilien, auch die Wolkenkratzer, Einkaufszentren in Wert von Millionen USD und Geschäfte wie Cartier direkt an der Umgrenzung zur Kaaba sowie in ganz Mekka sprechen für sich. „Die Pilger stürmen, wenn sie aus der Kaaba raus sind, direkt in die Läden“, heißt es in einem Interview mit mehreren Pilgern. Auch Medina ist nicht vom Laden-Wahn sicher. Direkt an den Türen zur Prophetenmoschee sind Pilgern zufolge unzählige Parfüm- und Kosmetikläden vorhanden. Umso verständlicher der Wunsch Paris Hiltons, in Mekka ein Geschäft zu eröffnen.

Doch all das geschah und geschieht immer noch zu Lasten des Propheten Muhammad und der Prophetengefährten. Wo einst das Haus seines Onkels und ersten Kalifen Abu Bakr stand, steht heute ein Hilton Hotel. Wichtige religiöse Orte und Grabmäler sind zugunsten von Wolkenkratzern und Einkaufszentren zerstört worden, darunter auch das Haus der Ehefrau Muhammads Chadidscha.

Irgendwie paradox:

Im Geist von Mekka steckt die Gleichheit und das Zunichtegehen vom sozialem Status und Reichtum. Niemand unterscheidet sich vom anderen. Vor allem auch durch das Anlegen des Ihram. Dadurch werden Name, Ruhm und Geld nichtig. Zwei weiße Tücher um den Körper herum machen den Menschen dort aus – mehr nicht. Doch die Gebäude und die pompösen Hotels stehen genau diesem Geist entgegen. Sobald Pilger sich in ihr Hotel begeben, welche direkt an der Kaaba positioniert sind, schleicht sich das Materielle und das Weltliche in die Gemüter der Pilger.

Auch die Verbote des Ihram – zu denen auch das Fällen von Bäumen oder Zerstören von religiösem Gut gehören, werden völlig außer Acht gelassen und zugunsten des Geldes und des Ansehens missachtet. Bis dato wurden mehrere Berge und knapp 300 historische und religiöse Bauten vernichtet.

Bescheidenheit und Verschwendung – zwei der Grundprinzipien des Islams – stehen den pompösen Gebäuden entgegen und vernichten den Geist des Islams und der Kaaba.

„Das kann man zu Hause machen, aber doch nicht hier“

Ganz ähnlich sieht es bei den Restaurants und Cafés aus. „Wohin man auch hinschaut, ob bei McDonald’s oder Starbucks, ist auch ein Großteil der Pilger nach dem Wahn des Essens und des ‚Sich zeigens‘ hinaus“, berichtet ein ehemaliger Pilger. „Es gibt tatsächlich Menschen, die einkaufen gehen oder sich in den Starbucks hinsetzen und die Kaaba nur besichtigen“, erklärt er weiterhin. „Mekka ist doch kein Ort, an den man einkauft oder Kaffee trinken geht. Das kann man zu Hause machen, aber nicht hier“, kritisiert der Pilger entsetzt. Ob McDonald’s oder andere Fastfood-Restaurants, nichts bleibt Mekka erspart. Es ist wohl der Geist der Zeit.

Auch Coca Cola, Fanta und Pepsi sind in den Regalen der Supermärkte zu finden. Die Produkte des „Westens“ haben Mekka erreicht, noch bevor der „Mensch des Westens“ selbst Mekka betreten konnte. Nach islamischer Rechtslehre dürfen Ungläubige Mekka nicht betreten.