Das ist eine simple Frage, die womöglich den Kern unzähliger Konflikte darstellt. Als was sich das Individuum auf erster, zweiter und dritter Ebene identifiziert, ist ausschlaggebend für die Persönlichkeitsbildung und die Weltanschauung eines jeden Menschen.

Identifiziert man sich beispielsweise in erster Linie als Deutscher, Franzose, Italiener oder Türke, entstehen Gruppierungen gleichgesinnter, sogenannte Ethno-Communities. Das gilt auch für Menschen, die sich noch vor allem anderen als Christ, Jude, Muslim oder Buddhist sehen. Unterschiede werden hervorgehoben, was zu Zwietracht führen kann. Alle Parteien behaupten von sich der “allein richtigen” Gruppe anzugehören.

Doch scheint es eine soziologische Begebenheit zu sein, dass sich innerhalb einer Gesellschaft Menschen mit gemeinsamen Interessen und Zielen bzw. ähnlichen ethnischen oder kulturellen Hintergrund zusammenfinden. So existieren heute in Deutschland mehr als 600.000 Vereine mit unterschiedlichsten Gründungszwecken.

Der Anspruch, der einzig richtigen Religion anzugehören, sollte meiner Meinung nach ebenfalls selbstverständlich sein. Denn für sich “das Richtige” auszusuchen ist die Grundlage jeder Entscheidungsfindung.

„Das Andere“ hat kein Existensrecht

Derjenige, dessen oberste Identifikationsebene allerdings aus seinem Glauben oder seiner Nationalität besteht, der wird dazu neigen, nur zwei Arten von Menschen auszumachen: die „guten“ und die „bösen” Anderen. Die Gefahr besteht, dass verbindende Attribute für diese Personen verblassen und nichtig erscheinen. Das vergangene Jahrhundert ist diesbezüglich reich an extremen und blutigen Erfahrungen. Der Sozialdarwinismus während der NS-Diktatur kostete sechs Millionen Juden das Leben und ist nur eines von vielen Beispielen hierfür. Der Glaube, der einzig höheren Rasse anzugehören, verband sich mit dem Gedanken, “das Andere” hätte kein Existensrecht. Dieses Phänomen findet sich auch heute noch in den Terrorakten des NSU und des IS wieder.

Ein möglicher Lösungsansatz wäre es, in erster Linie Mensch zu sein und sich als Mensch zu identifizieren. Hierbei wäre die religiöse oder die nationale Zugehörigkeit nur sekundär. Denn wer in erste Linie Mensch ist, wird, so denke ich, bei allen Unterschieden in Sprache, Aussehen, Kultur, Religion und Ideologie keinen Konfliktgrund sehen und dem, was “anders” zu sein erscheint, Respekt zollen. Diese Menschen werden sich in erster Linie als Weltbürger fühlen, für die Vielfalt eine Bereicherung ist und die friedfertige und barmherzige Beziehung zu Mitmenschen eine Natürlichkeit. Das biblische Zitat “Du sollst deinen Nächsten (ohne jegliche Einschränkung) lieben wie dich selbst!”(Matth. 22,35-40) und der Koranvers “…und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.”(Al-Hugurat, 49:13) sollten für gläubige Menschen diesbezüglich ein grundlegendes Gebot darstellen.

Ein bisschen mehr Mensch sein

Projizieren wir diesen Ideengang auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte:

Die notbegründete Bevölkerungswanderung, die vor allem in den letzten Jahren deutlich zunahm, spaltet nun ganz Europa. Auf einer Seite sieht man soziales Engagement und die Bereitschaft, den Menschen zur Hilfe zu eilen. Dies fordert man auch von der Politik vehement ein. Auf der anderen Seite findet man Menschen, die meinen, das Land vor Einwanderung “…bis auf die letzte Patrone” (CSU-Chef Horst Seehofer; Politischer Aschemittwoch 2011) verteidigen zu müssen. Weiterhin trifft man auf Menschen, die denken, ihre Fremdenfeindlichkeit unter dem Deckmantel des “patriotischen Europäers” verkleiden zu können.

All den verschiedenen Lagern in dieser Debatte sollte die Eingangsfrage ganz offen gestellt werden: Als wer oder was sehen sich die zahlreichen sozial engagierten Menschen? Als wer oder was sehe sich die NSU-Brandstifter? Als wer oder was sehen sich die PEGIDA-Führer und vor allem die politischen Vertreter der europäischen Länder?

Auf welcher Ebene identifizieren sie sich als Mensch? Menschsein impliziert die Fähigkeit, Empathie zu empfinden, Mitgefühl zu hegen und Opferbereitschaft zu zeigen. Nur wer Menschlichkeit besitzt, ist meiner Meinung nach in der Lage, den ehrenwerten Wunsch zu hegen, Leid anderer stillen zu können und danach zu streben.

Es ist schlichtweg schade, dass etwas so enorm Wichtiges wie die Flüchtlingsdebatte dem Populismus geopfert wird. Der Politik, den Medien und allen Bürgerinitiativen obliegt heute viel mehr als sonst die Aufgabe, die Menschlichkeit ganz weit hoch zu halten.

Ein abschließender Appell an alle Leser:

“Liebet den Menschen,

verehret die Menschheit!”

(M. Fethullah Gülen)