Manchmal bringen einen Presse-Fotos tatsächlich zum Nachdenken. Erst letzte Woche gab es eines vom Gipfel der konservativen europäischen Parteien in Dublin. Da saßen Kanzlerin Angela Merkel, die vor wenigen Wochen aus der Haft entlassene ukrainische Politikerin Julia Timoschenko und der ukrainische Oppositionspolitiker Vitali Klitschko in trauter Runde beieinander. Hinten im Bild war aber noch eine etwa steif dasitzende Frau zu sehen. Ich fragte mich, wer das wohl ist und las die Bildunterschrift. Dort stand, sie sei eine Dolmetscherin.

Also, das ist schon lustig, da sitzen drei gute Bekannte beieinander, die sich seit vielen Jahren kennen und nicht nur politisch eine Sprache sprechen, und die sollen plötzlich eine Dolmetscherin nötig haben, damit sie sich verstehen? Mag ja sein, dass diese Frau im Hintergrund Dolmetscherin ist, aber übersetzt hat sie den Dreien garantiert nicht. Und ein Journalist, der etwa auf Englisch Fragen stellte, war nicht da. Es handelte sich um einen reinen Fototermin.

Fangen wir mal bei der Sprache an: Julia Timoschenko ist im Osten der Ukraine aufgewachsen, schreibt der Tagesspiegel. Dort wird Russisch gesprochen. Ihre Muttersprache ist also Russisch. Ukrainisch lernte sie erst später. Ihre Tochter Jewhenija studierte übrigens an der London School of Economics. Wir können also davon ausgehen, dass die Mutter, die vorzugsweise Handtaschen und Jacken aus dem Hause Louis Vuitton trägt, sie dort in Verbindung mit einem Einkaufbummel gelegentlich besucht hat und das eine oder andere Wort Englisch beherrscht.

„Gasprinzessin“ Timoschenko

Mit dem Geld, das sie in Politik verdient, kann Julia Timoschenko ihren aufwendigen Lebensstil übrigens nicht finanzieren. Sie zählt zum Kreis der ukrainischen Oligarchen. Ihr Vermögen machte sie als „Gasprinzessin“ zwischen 1995 und 1997. Damals setzte sie im Gashandel mit Russland zehn Milliarden Dollar jährlich um. Im Jahr 2007 wurde ihr Privatvermögen auf mehrere Hundert Millionen Dollar geschätzt. Wenn sie auf ihren Reichtum angesprochen wurde, sprach sie von „irgendwelchen Ersparnissen“.

In ihrer Partei saßen damals – und vermutlich heute noch – weitere Millionäre aus der Stahl- und Spirituosenbranche. Unterstützt wurde sie vor ihrer Gefängnisstrafe auch von Igor Kolomojskij, einem Milliardär aus ihrer Heimat Dnepropetrowsk.

Es gibt viele, die behaupten, sie sei nicht ganz rechtmäßig zu ihrem Reichtum gekommen. Aus diesem Grund saß sie früher bereits kurzzeitig im Gefängnis. Vor zehn Jahren schrieb Interpol sie schließlich aufgrund eines russischen Haftbefehls zur Fahndung aus. Die Staatsanwälte in Moskau warfen ihr vor, als „Gasprinzessin“ ranghohe russische Militärs bestochen zu haben. Die Sache verlief im Sande. Bald schon wurde sie wieder im Kreml empfangen.

Das Foto, auf dem Angela Merkel gemeinsam mit den ukrainischen Politikern Julia Timoschenko und Vitali Klitschko zu sehen waren, wirft einige Fragen auf.

Timoschenko „betreibt ihre Politik als persönliches Racheprojekt“, sagt der Kiewer Politologe Wladimir Malinkowitsch. Sie schwanke zwischen Postsozialismus und rechtem Populismus mit staatlich diktierten Benzin- und Brotpreisen als eine Art ukrainische Evita Perón. „Doch ihre wahre Ideologie ist die Rückkehr zur Macht, für die sie viele Kompromisse einginge“, sagt Malinkowitsch.

Klitschko – mehr als nur ein kleiner Fisch?

Das hätte er ebenso gut über Angela Merkel sagen können, die übrigens tadellos Russisch spricht. Als Schülerin gewann sie eine Russisch-Olympiade in Moskau und ihr Vater, Horst Kasner, war stolz darauf, dass seine Tochter bei einem Staatsbesuch in Russland mit Wladimir Putin fließend auf Russisch parlierte. Englisch spricht Angela Merkel freilich auch; erstens war ihre Mutter Englischlehrerin, zweitens nahm sie gleich nach der deutschen Einheit noch mal Unterricht. Aber mit Timoschenko wird sie Russisch sprechen. Denn die Liebe der beiden zur russischen Kultur dürfte sie, die sich politisch eh schon nahe stehen, noch ein wenig mehr verbinden. Außerdem hat die Bundesregierung dafür gesorgt, dass die in der Haft schwer an einem rückenleiden erkrankte Timoschenko von Ärzten der Charité untersucht wurde. Am Wochenende war sie übrigens zur Behandlung in Berlin.

Tja, und Vitali Klitschko ist in Berlin ebenfalls ein gern gesehener Gast. Genau genommen, ist er längst so etwas wie der „deutsche Botschafter“ am Schwarzen Meer. Er tritt fast täglich vor deutsche Kameras – und spricht natürlich Deutsch. Wenn es stimmt, dass drei große wirtschaftliche Gruppen den politischen Markt der Ukraine beherrschen, wie die „Zeit“ 2007 schrieb, dann muss eigentlich auch Klitschko an irgendwelche Milliardäre angedockt sein. Wie könnte er sonst in diesem System mitmischen?
Entscheidungen des Parlaments seien vor allem eine Frage der Bezahlung der Abgeordneten, schrieb die Wochenzeitung. Und die Parteien „sind vor allem von Polittechnologen erstellte Wirtschaftsprojekte. Sie vertreten Sonderinteressen, handeln mit Parlamentssitzen und existieren so lange, bis der Geldgeber die Lust verliert.“ Wenn das so ist: wer bezahlt dann Klitschko? Darüber habe ich noch nichts gelesen.

Nun also saßen Julia Timoschenko und Vitali Klitschko gemeinsam mit Angela Merkel beim Foto-Termin in Dublin. Eine Dolmetscherin brauchten sie ganz sicher nicht. Darum lässt dieses Bild doch nur einen Schluss zu: Hier soll die Nähe der Fotografierten durch die Anwesenheit einer Dolmetscherin zumindest in eine sprachliche Distanz umgedeutet werden. Sonst käme vielleicht noch einer auf die Idee zu behaupten, die Merkel verstehe sich mit der Timoschenko und dem Klitschko so gut, dass die Drei glatt unter einer Decke stecken könnten! Oder?

Also, mich würde schon interessieren, was die so alles zu besprechen hatten…

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