Derwische in Konya

Mevlanas Seele lebt und tanzt im Herzen der T├╝rkei

Mehr als 740 Jahre nach seinem Tod wird der islamische Mystiker Rumi sowohl im islamisch gepr├Ągten Osten als auch im s├Ąkularen Westen verehrt. Das Epizentrum des Kults liegt in Konya, dem Herzen der T├╝rkei, wo Derwische umherwirbeln.

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Menschen ziehen in einer Prozession vor├╝ber. Manche weinen, andere beten. Einige fallen auf die Knie. Im Hintergrund ruft ein Mann immer wieder “Allah” – wie in Trance. Auf der Spitze des Mausoleums verweist ein t├╝rkisfarbener Turban auf den hohen sozialen Status des Beerdigten.

An diesem Ort soll Dschelaleddin Rumi zuletzt gelebt haben. Der islamische Mystiker und Dichter aus dem 13. Jahrhundert starb im Jahr 1273 hier in Konya im anatolischen Landesinneren, das damals noch Teil des Seldschuken-Reichs der t├╝rkisch-persischen┬áDynastie war. Tausende pilgern zu jeder Jahreszeit an Rumis Grab. Es liegt im Inneren einer H├╝tte, in der Derwische – die Mitglieder der Ordensgemeinschaft – fr├╝her schon ihre T├Ąnze auff├╝hrten. Den Pilgern f├Ąllt es oft schwer, die Gr├╝nde f├╝r ihren Besuch zu nennen.

“Er hat etwas, das von Herzen kommt. Solche Dinge, die von Herzen kommen, sind schwer zu erkl├Ąren”, sagt Ruhsar Tunaboylu, der mit seiner Mutter aus Istanbul gekommen ist. Die beiden unternehmen die Reise fast jedes Jahr. Die Mutter sagt: “F├╝r mich steht er f├╝r Frieden, Liebe und Toleranz.”

“Es hat 20 Jahre gedauert, hierher zu kommen. Das ist meine Wallfahrt”

F├╝r andere Pilger war die Reise aufwendiger. Michael Junayd flog aus Vancouver (Kanada) hier her. Er hat sich in eine Ecke mit Blick auf die beeindruckende Gedenkst├Ątte zur├╝ckgezogen. Von dort aus beobachtet er, wie T├╝rken, Iraner, Libyer, Syrer und andere vor├╝berziehen. “Es hat 20 Jahre gedauert, hierher zu kommen. Das ist meine Wallfahrt. Ich glaube nicht, dass ich eine zweite Chance bekommen werde.”

Aus spiritueller Sicht hat sich die Erfahrung f├╝r ihn schon gelohnt. “Meine Gebete sind viel intensiver, seit ich hier bin.” Anders als die meisten Besucher sieht er sich nicht als Muslim, sondern als Anh├Ąnger Mevlanas, dem gel├Ąufigen Namen Rumis.

Der Rumi-Kult hat sich ├╝ber Jahrhunderte entwickelt – im Osten und im Westen. F├╝r die einen ist Rumi eine muslimisch-spirituelle Figur, f├╝r die anderen ein s├Ąkularer Schriftsteller, der Einblicke in gebrochene Herzen gibt.

“Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eintritt” – diese Zeile aus einem Rumi-Gedicht, die oft in sozialen Medien gebraucht wird, hat sich von seinem urspr├╝nglichen Bezug zu Gott gel├Âst. Wie ein Echo hallt sie durch die Jahrhunderte und ├╝ber die Ozeane hinweg. Auch der Songwriter Leonard Cohen, der 2016 starb, hat sie 1992 in seinem Lied “Anthem” verarbeitet – ob bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt: “There is a crack in everything, that’s how the light gets in.” (“Durch alles geht ein Riss, so f├Ąllt das Licht hinein.”)

Auch Hollywood hat Dschalal ad-Din ar-Rumi, wie Mevlana eigentlich hie├č, bereits f├╝r sich entdeckt: Sein Leben soll dieses Jahr verfilmt werden, die Hauptrolle spielt niemand Geringeres als Superstar Leonardo DiCaprio, an seiner Seite Robert Downey Jr. als Mevlanas Freund und Begleiter Schams-e Tebr├«z├«.

Nicht mal Atat├╝rk schaffte es, die Derwische zu verbannen

F├╝r Mustafa Kemal Atat├╝rk, den Gr├╝nder der modernen T├╝rkei und ├╝berzeugten S├Ąkularisten, war der Rumi-Kult zu viel. 1925 wurden die von Rumi inspirierten sufistischen Gemeinschaften verboten. In den vergangenen Jahrzehnten erfuhren sie jedoch, auch wegen ihres touristischen Reizes, ein┬áComeback. Die wirbelnden Derwische sind zum unverzichtbaren Element t├╝rkischer Werbung geworden. Die Regierung f├Ârdert Symposien und sogar Semas, jene Zeremonien, bei denen die Derwische singen, musizieren und tanzen. Die and├Ąchtigen Lieder sind h├Ąufig aus dem Koran oder aus den Schriften Rumis.

Religi├Âse Musik ist beliebt in der T├╝rkei. Radiosender in Konya spielen die Lieder, Busfahrer drehen sie f├╝r die Reisenden auf. Die Tourismusbranche in der T├╝rkei wurde im vergangenen Jahr allerdings hart getroffen von Bombenattentaten und einem wirtschaftlichen Abschwung. Auch nach Konya kamen im Dezember weniger Besucher zu den Ritualen rund um Rumis Todestag. Doch die Tradition hat schon zwei Reiche, unz├Ąhlige Kriege und Atat├╝rks S├Ąkularisierungsbem├╝hungen ├╝berdauert. Die Chancen stehen gut, dass sie fortbesteht. (Shabtai Gold, dpa/dtj)