Die in der Gesellschaft vorherrschenden säkular-humanistischen Werte haben offenbar nicht ausgereicht, um die zahlenmäßig meist zwischen 500 und 600 schwankenden Jugendlichen und Heranwachsenden, die sich im Land Baden-Württemberg im Jugendstrafvollzug befinden, zu einem gesetzestreuen Leben zu bewegen.

Dies lässt nun Rüdiger Wulf, den für die Gestaltung des Strafvollzugs zuständigen Referatsleiter aus dem Justizministerium in Stuttgart, mit der Idee aufwarten, religiöse Gemeinschaften nicht nur stärker in Aufgaben innerhalb des Strafvollzugs einzubinden, sondern ihren Einrichtungen sogar die Möglichkeit zu geben, als Träger von Anstalten aufzutreten, die dem Jugendstrafvollzug dienen.

Im Rahmen einer Tagung hielt Wulf der „Stuttgarter Zeitung“ zufolge ein Referat zum Thema „Religiosität und Resozialisierung“, in dem er – wie er ausdrücklich anmerkte – seinen „persönlichen Standpunkt“ darlegte, den er nicht dem amtierenden Justizminister Rainer Sticklberger (SPD) zugerechnet wissen wollte.

Im baden-württembergischen Jugendvollzugsgesetzbuch heißt es, seit die CDU diese – der Landesverfassung nachempfundene – Passage durchgesetzt hat: „Die jungen Gefangenen sind in der Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe… zu erziehen“. In vielen Fällen möglicherweise ein frommer Wunsch und es werden regelmäßig Bedenken laut, auf diesem Wege könnte das Gebot religiöser Neutralität verletzt werden, zumal wenn staatliche Mittel fließen – in der Praxis scheint es aber bereits mehr oder minder erfolgreiche Pilotprojekte zu geben.

Im Jugendstrafvollzug die „persönliche Beziehung zu Jesus“ finden

So ist das evangelikale Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD), in dessen Bundeskuratorium auch Rüdiger Wulf sitzt, Träger der freien Jugendstrafvollzugseinrichtung „Projekt Chance“ in Creglingen, im „Seehaus“ Leonberg ist mit dem aus einer Ulmer Unternehmerfamilie stammenden, praktizierenden Protestanten Tobias Merckle ebenfalls ein Geschäftsführer vorhanden, der bereits auf seiner Homepage schreibt, man vermittle in seiner Einrichtung den Gefangenen „christliche Normen und Werte“, auf deren Grundlage Tugenden wie Fleiß, Ehrgeiz, Ordnung, Disziplin […] eingeübt“ werden soll.

Zum Programm im „Seehaus“ würden auch religiöse Veranstaltungen wie Gottesdienste, Andachten und Bibelgespräche zum Programm gehören, denn, Merckle, „der Jugendliche soll zu einer persönlichen Beziehung zu Jesus finden“.

In nicht wenigen evangelikalen Gemeinden gilt das als ein kaum verhohlener Auftrag, seine Mitmenschen von der Richtigkeit – und zwar der ausschließlichen Richtigkeit – der Glaubensgrundsätze der Evangelischen Allianz oder anderer evangelikaler Dachverbände zu überzeugen und auf diese Weise zu missionieren. Dies soll auch auf die US-amerikanische „Prison Fellowship“ zutreffen, welcher das „Seehaus“ als einzige Einrichtung in Deutschland zuzurechnen ist.

Muslimische Jugendliche befassten sich erstmals mit dem Koran

Dies sei jedoch, heißt es aus der Einrichtung selbst, nicht in jedem Land gleich. Die nationalen Mitglieder seien eigenständig und arbeiteten in unterschiedlicher Weise, im „Seehaus“ werde niemandem der christliche Glaube aufgedrängt. Die Mitarbeiter sollten lediglich christliche Werte vorleben und damit Anstöße geben, heißt es in der „Stuttgarter Zeitung“.

Wenn Merckle darauf hinweist, dass manche muslimische Bewohner des Seehauses, sich zum ersten Mal in ihrem Leben mit dem Koran beschäftigten, spricht dies jedenfalls nicht zwingend für eine evangelikale Missionierung – immerhin ist die Feindseligkeit gegenüber dem Islam regelmäßig in dieser religiösen Gruppe besonders stark ausgeprägt, da man die islamische Vorstellung von Jesus als einem der bedeutsamsten Propheten Gottes vor allem in diesen stark trinitarischen Kreisen, die zu einem wortwörtlichen Verständnis der Bibel neigen, gleichsam als „Degradierung“ auffasst.

Seit 2001 sollen sich erst vier von insgesamt 140 Insassen, die über die Jahre hinweg in Leonberg waren, taufen haben lassen. Auch im Stuttgarter Justizministerium geht man davon aus, dass nur „Werteerziehung“ betrieben werde, die ja offenkundig angebracht wäre. Für manche Gefangene sei die Orientierung an Werten und an einer höheren Instanz „der letzte Halt“ im Leben, zitiert die „Stuttgarter Zeitung“ weiter.

In Niedersachsen auch muslimische Gefängnisseelsorge

In Niedersachsen gibt es seit etwas mehr als zwei Jahren auch eine muslimische Gefängnisseelsorge. Die Grundlage dafür wurde seitens der Landesregierung zusammen mit der Schura Niedersachsen erarbeitet. Die muslimischen Verbände organisieren den Einsatz.

Dass auch Bedarf hinsichtlich der Mitwirkung muslimischer Verbände an der Gefängnisseelsorge besteht, zeigt nicht zuletzt, dass sich die Haftanstalten deutschen Sicherheitsbehörden zufolge mancherorts zu einem Rekrutierungspool für salafistische Gruppen entwickelt haben sollen, die in das Vakuum stoßen, das der triste Gefängnisalltag und das Fehlen authentischer muslimischer Ansprechpartner in der Seelsorge geschaffen haben.