Die Medizin braucht interkulturelle Kompetenz, weil eine Vielfalt der Kulturen auch eine Vielfalt im Verständnis medizinischer Heilbehandlung bedingt. Interkulturelles Verständnis hilft zudem, die richtige Behandlung zu identifizieren.
Die Medizin braucht interkulturelle Kompetenz, weil eine Vielfalt der Kulturen auch eine Vielfalt im Verständnis medizinischer Heilbehandlung bedingt. Interkulturelles Verständnis hilft zudem, die richtige Behandlung zu identifizieren.

Die Begegnung von Ärzten und Patienten aus unterschiedlichen Kulturen gehört zum medizinischen Alltag. In Deutschland leben 16 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte, was 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Für eine gelungene Arzt-Patienten-Kommunikation spielt die Sprache und damit verbunden die Fähigkeit zur Äußerung von Symptomen für eine Behandlung eine ausschlaggebende Rolle.

Nicht nur sprachliche Barrieren, sondern auch fehlende Sensibilität für fremde Kulturen erschwert eine gelungene Behandlung. Im Laufe meines Zahnmedizinstudiums habe ich erst bemerkt, dass während der Ausbildung die sozialen Kompetenzen, der Umgang mit fremden Kulturen oder alternative Heilmethoden keine Berücksichtigung finden.

Oftmals hatten wir als Studenten aus der Einwanderercommunity eine Brückenbauerfunktion und behandelten Patienten gleicher Herkunft, wenn diese Sprachdefizite hatten. Ein Krankenhaus oder eine Praxis ohne Personal aus der Einwanderercommunity ist deshalb in Deutschland gar nicht mehr denkbar.

Die Anamnese ist das A&O

Sprachliche Kommunikation ist der Grundbaustein für eine korrekte Behandlung. Ein Arzt neigt oftmals zu einer Überbehandlung, wenn er Kommunikationslücken durch weitere diagnostische Verfahren zu schließen versucht. Natürlich kennen wir die Situationen, in denen oftmals Familienangehörige übersetzen, allerdings kommt es auch hierbei manchmal zu Falschübersetzungen oder der Patient verrät aus Scham nicht alle Symptome.

Dasselbe habe ich auch mit Patienten erlebt, deren Sprache ich nicht verstanden habe und auf deren Familienangehörige ich zum Ausfüllen der Anamnese oder während der Behandlung angewiesen war. Dieses Sprachdefizit muss nicht nur auf Patientenebene berücksichtigt werden, sondern auch aus ärztlicher Sicht.

Patienten richtig über eine Operation informieren: Für einige ausländische Ärzte eine Herausforderung

Laut Bundesärztekammer arbeiteten im vergangenen Jahr mehr als 31 000 ausländische Ärzte in Deutschland; zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Die meisten kommen aus Rumänien, Griechenland, Ungarn, Bulgarien – und Syrien. Sie arbeiten dabei vor allem in ländlichen Regionen und in Ostdeutschland, wo Krankenhäuser teilweise händeringend nach hochqualifiziertem Personal suchen.

Auch wir hatten an der Universität Ärzte aus dem Ausland, denen es schwer fiel, sich mit deutschen Patienten zu verständigen. Diese Defizite wurden natürlich mithilfe von Kollegen oder anderen medizinischen Personals ausgeglichen. Das Risiko für eine Fehldiagnose steigt natürlich, wenn die Anamnese nicht richtig verstanden oder erfragt werden kann.

Oftmals bekommen die Patienten Kiefergelenksprobleme oder andere Krankheiten, die manchmal auch auf eine psychische Belastung zurückzuführen sind. Es ist sehr wichtig, die kulturellen Verhältnisse des Patienten oder Hintergründe wie Traumata nach Kriegen sowie die Lebensverhältnisse bei der Anamnese mit zu berücksichtigen. Hier könnten auch Überweisungen an Psychologen helfen, gewisse Symptome zu heilen. Wichtig sind natürlich auch Kenntnisse über kulturspezifische Ernährungsgewohnheiten und Gesundheitsbewusstsein.

Kulturelle Unterschiede – für eine facettenreiche Medizin

Eine Gesellschaft, die sich interkultureller Vielfalt öffnet, sollte diese Vielfalt auch in ihrer medizinischen Versorgung abbilden. Wir lernen an deutschen Universitäten die klassische Schulmedizin. Doch wenn man im Internet recherchiert, erkennt man an der Vielfalt medizinischer Behandlungsansätze, dass die Globalisierung Deutschland auch hier längst erreicht hat.

Die Medizin passt sich den Patientenbedürfnissen an. Es müssen Alternativen angeboten werden. Ein muslimischer Patient mit einer hohen Sensibilität für Inhaltsstoffe von Arzneimitteln wünscht sich, über Alternativen aufgeklärt zu werden. Auch wenn etwa Metalle keine gesundheitsschädigenden Risiken in der Zahnmedizin aufweisen, sollte jeder Patient über Alternativen aufgeklärt werden.

Interessant war es für mich, als ich während des Examens für das Fach Zahnheilkunde im Buch „Karies“ las, was unser Professor verfasst hatte. Es ging um Mundhygiene und es war auch ein kurzer Beitrag über die Miswak zu lesen. Die Miswak ist eine traditionelle Form der Zahnbürste für Muslime und daher wird man auch häufig mit der Frage konfrontiert, ob es sinnvoll sei, diese in der Zahnpflege einzusetzen. Die Vorrichtung enthält auch Fluoride und erfüllt die Funktion von Zahnpasta und Zahnbürste gleichzeitig.

Eine hohe Sensibilität erfordert natürlich auch die Behandlung im Monat Ramadan. Falls es möglich ist, sollte dabei auf die Patientenbedürfnisse eingegangen werden. Auf Behandlungen, die Blutungen verursachen, sollte, falls diese nicht zwingend erforderlich sein sollten, verzichtet werden. Blutungen würden nämlich das Fasten brechen. In Notsituationen sollten die Patienten natürlich auf die Dringlichkeit der Behandlung hingewiesen werden.

Natürlich muss auch berücksichtigt werden, dass die klassische Schulmedizin manchmal für jemanden, der etwa die traditionelle Chinesische Medizin gewohnt ist, nicht immer die beste Behandlungsalternative sein muss. Patienten haben oftmals ein unterschiedliches Verständnis von Methoden, die sie wirklich auch heilen.

Auch die Seele kann die Biologie des Körpers verändern und diesem helfen, Erkrankungen zu überwinden. Meditieren, Yoga und positives Denken, lange als Esoterik abgewertet, erobern mittlerweile auch unsere heutige Schulmedizin: eine Herausforderung für Mediziner, sich mit alternativen Heilmethoden in der Medizin zu beschäftigen und sie zu kennen, auch wenn man sie nicht anwendet.

Der Behandlungsalltag in der Zukunft

Interkulturelle Kompetenz kann in der Medizin nicht vorausgesetzt werden. Vielmehr sollte sie innerhalb des Studiums oder in der Ausbildung medizinischen Personals vermittelt und gefördert werden. Dies kann z.B. durch Patientensimulationen oder unterschiedliche Module geschehen, in denen Studierende mit Alltagssituationen konfrontiert werden und eine Sensibilität für andere Nationalitäten entwickeln und auf deren Bedürfnisse eingehen können.

Desweiteren sollte sich die Gesundheitsbranche öffnen für mehr Personal aus der Einwanderercommunity, das eine Brückenbauerfunktion übernehmen könnte. Übersetzungen patientenrelevanter Formulare oder das Vermitteln interkultureller Themen im Ausbildungsalltag würden stark zur Verbesserung der Situation beitragen.

Auch sollte sich die klassische Schulmedizin für medizinische Ansätze anderer Kulturen öffnen und diese kennen. Sprachprüfungen für ausländische Ärzte sollten verschärft, aber gleichzeitig die Anerkennung ihrer Abschlüsse gefördert werden.

Dieser Beitrag erschien in Kooperation mit dem Manifest der Vielfalt

Das Manifest der Vielfalt ist eine deutschlandweite Initiative, die mit dem Ziel verbunden ist, Menschen zusammenzuführen und ihr zivilgesellschaftliches Engagement für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt in einer pluralen Republik sichtbar zu machen.