Warum Deutschland und Türkei einander brauchen

Miteinander statt gegeneinander

von Tim Neubauer

In den letzten Jahren hat das deutsch-türkische Verhältnis medial sehr gelitten. Während deutsche Politiker dem türkischen Staatspräsidenten den Abbau rechtsstaatlicher Standards vorwerfen, fühlen sich türkische Politiker von verraten und kritisieren den deutschen Umgang mit der .

Zeitgleich streiten sich Deutsche und Türken in den sozialen Medien, wobei sie häufig jeden Anstand vermissen lassen. Dabei sollte man sich dem Thema der deutsch-türkischen Beziehung sachlich nähern und nicht seinen Emotionen zum Opfer werden.

Denn die und Deutschland verbindet vieles, was es zu bewahren gilt. Beide Länder eint eine gesellschaftliche Verbundenheit, eine Jahrzehnte andauernde militärische Zusammenarbeit und eine große wirtschaftliche Abhängigkeit.

Die Begegnung zweier Völker

In Deutschland leben knapp drei Millionen türkischstämmige Menschen. Rund 1,5 Millionen Mitbürger haben die türkische Staatsangehörigkeit. Die meisten von ihnen kamen im Zuge der Gastarbeiteranwerbung nach Deutschland, blieben in Deutschland, gründeten Familien in Deutschland und wurden heimisch in Deutschland. Dadurch wuchs für sie zum einen Deutschland zu ihrer zweiten Heimat heran. Zum anderen ermöglichten sie dadurch unzählige Begegnungen der eingesessenen Bevölkerung mit der türkischen Kultur. Es entstanden vielfältige Beziehungen zueinander, ohne die Deutschland nicht das wäre, was es heute ist.

Es geht aber auch andersherum. Auch Deutsche zieht es in die Türkei. Zwar ist die Zahl der in der Türkei lebenden Deutschen mit rund 50.000 deutlich geringer, allerdings verbrachten alleine im Jahr 2016 knapp 430.000 Deutsche ihren Urlaub in der Türkei. Für viele Deutsche ist die Türkei mittlerweile ihr Lieblingsreiseziel geworden, das sie sich ungern von zwiespältigen Streitigkeiten auf Regierungsebene kaputt machen lassen möchten.

Ohne eine funktionierende läuft nichts!

Beide Länder sind nicht nur gesellschaftlich, sondern auch wirtschaftlich tief miteinander verflochten. Während Deutschland im Jahre 2016 Waren in Höhe von rund 22 Milliarden in die Türkei exportierte, importierte es zeitgleich türkische Waren in Höhe von rund 15 Milliarden. Die Türkei zählt also mit einem Gesamtaußenhandel von rund 37 Milliarden zu Deutschlands wichtigsten Handelspartnern.

Schaut man sich den Außenhandel der Türkei an, wird die Wichtigkeit guter Beziehungen beider Länder noch deutlicher. Die Türkei exportiert in kein anderes Land der Welt mehr Waren als nach Deutschland. Die Exporte nach Deutschland machen rund neun Prozent des türkischen Gesamtexports aus. Bezüglich des Imports liefern nur Russland und China mehr Waren in die Türkei als Deutschland.

Jedem sollte bewusst sein, dass eine Beschädigung der deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen für beide Länder schwerwiegende Folgen hat. Hauptleidtragende dessen würden die beiden Bevölkerungen sein. Dies kann weder von türkischer noch von deutscher Seite ernsthaft gewollt sein. 

Eine Frage der Sicherheit

Neben gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Verflechtungen verbindet die Türkei und Deutschland auch ein langjähriges Militärbündnis. Beide Länder sind Mitglieder des Nordatlantischen Verteidigungsbündnisses (). Die Türkei seit 1952 und Deutschland seit 1955. Sowohl Deutschland als auch die Türkei sollten sich vergegenwärtigen, dass die Stärkung der eigenen Kooperation stets besser ist als die Verschärfung der Konfrontation.

Gerade in Zeiten eines aggressiv auftretenden Russlands – man erinnere nur an die anhaltende russische Unterstützung separatistischer Rebellen in der Ukraine, die zeitweise Unterstützung kurdischer Extremistengruppen in Syrien und das tödliche Bombardement Aleppos im Winter 2016 – sowie eines erstarkenden Chinas, was seine Militärausgaben drastisch erhöht, die beide wenig Interesse an einer durch die NATO dominierenden Weltsicherheitspolitik haben, ist es umso wichtiger, dass Deutschland und die Türkei versuchen, bestmöglich miteinander zu kooperieren, gemeinsame Interessen auszuloten und diese zu verteidigen.

Wenn der türkische Staatspräsident die eigenen Verbündeten dann als Kreuzfahrer betitelt oder die NATO jüngst in einer Militärübung den türkischen Präsidenten Erdogan und den Republikgründer Atatürk als Feinde darstellt, ist dies alles andere als hilfreich. So etwas schadet allen Beteiligten.

Erst denken, dann reden

Viele Diskutanten, insbesondere in den sozialen Medien, haben eine Riesenfreude daran, jahrelang mühsam aufgebaute Verbindungen kurzerhand einzureißen und mit einem oberflächlichen FreundFeind-Denken die Sau rauszulassen. Dabei übersehen sie insbesondere, dass es kein Wir-gegen-die gibt, sondern dass die Türkei mit Deutschland im selben Boot sitzt.

Deshalb sollte allen Beteiligten – also deutschen und türkischen Politikern sowie jedem, der sich in diesem Thema einbringt – stets bewusst sein, dass sie statt der Konfrontation die Kooperation suchen sollten. Kurzfristig kann man sich zwar mit Polarisierungen selbst inszenieren, langfristig wird man mit dieser Art und Weise aber nichts gewinnen.

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Über den Autor:

Tim Neubauer, 27 Jahre alt, hat eine technische Ausbildung beim Volkswagen Konzern in Wolfsburg absolviert und studiert derzeit Rechtswissenschaft in Leipzig