Die Kanzlerin in Moskau und Minsk, den französischen Präsidenten quasi im Schlepptau. Krisenkonferenzen, Telefonate, Medienrummel. Zufällig halte ich mich zu dieser Zeit in Russland auf, diesem riesigen Land, das eher einem Kontinent mit seinen 11 Zeitzonen ähnelt. Seit meinem letzten Besuch, der einige Jahre zurückliegt, hat sich Moskau rasant verändert. Die Halle des Flughafens Domodedowo sieht futuristischer aus, als das, was in Berlin vielleicht eines Tages fertig wird. Die 12 Millionen Einwohner zählende Stadt hat einen dritten Autobahnring erhalten, und dennoch herrscht meistens Stillstand auf den Straßen. Highways schlängeln sich aus den mit Hochhäusern bestückten Vorstädten in die Innenstadt, nur die Metro erinnert mit ihren kunstvoll geschmückten Bahnsteighallen tief im Innern der Erde an die Stalin-Zeit. Moskau ist eine amerikanische Stadt geworden.

Aber nur vordergründig. Begibt man sich für einige Minuten in den chaotischen Autoverkehr, merkt man rasch, dass hier das Faustrecht herrscht, wie im 19. Jahrhundert im Wilden Westen. Wer einen SUV mit getönten Scheiben fährt, hat immer Vorfahrt. „Das sind Tschetschenen oder Mafiosi“, sagen die Moskowiter. Diese Luxuskarossen parken auch in der Seitenstraße hinter dem Kaufhaus GUM, einem Konsumtempel wie man ihn in Berlin nicht findet. In den 1980er Jahren habe ich in dem damals heruntergekommenen Gebäudekomplex russische Frauen weinen sehen, die stundenlang für eine Kittelschürze oder ein einfaches Kleidungsstück angestanden hatten, um festzustellen, dass es gerade ausverkauft war. Jetzt trippeln hier die Schönen der Hauptstadt vorbei, und in den Schaufensterscheiben mit Designermode aus Rom und Paris sieht man keine Preisschilder.

Eine neue Mittelschicht ist entstanden

Wer glaubt, dass es nur eine Klasse der Oligarchen und Superreichen in Russland gebe, täuscht sich. Hier ist, nach den grauenhaften Jelzin-Jahren, als Löhne und Gehälter mitunter für ein Dreivierteljahr ausblieben, eine neue Mittelschicht entstanden, die nach Aussagen von Gesprächspartnern 10 Prozent der Moskauer Bevölkerung ausmacht, nicht viel, aber in absoluten Zahlen schon. Diese soziale Gruppe ist in den letzten Jahren weit herumgekommen, sie kann sich alles leisten. Bis gestern war der Rubel eine starke Währung, Russland als Reiseland teuer. Nun bekommt man für Dollars und Euros das Doppelte. Die Bevölkerung merkt, dass die Preise anziehen. Aber noch ist das Angebot in den Supermärkten geradezu verschwenderisch, der neben dem Hotel in St. Petersburg hat rund um die Uhr geöffnet.

Natürlich gibt es in diesem Land mit frühkapitalistischen Zügen viele Verlierer. Die Alten trauern den kommunistischen Zeiten nach, „als alle gleich waren“, wie die Moskauer Reiseführerin sagt. Damals waren die Renten genauso hoch wie die Arbeitseinkommen. Die Eltern konnten die Kinder unterstützen, heute ist es umgekehrt. Wer kann, hat zwei oder drei Jobs. Die durchschnittliche Jahresrente beträgt 12 000 Rubel, also ca. 150 Euro. Ein Metro-Ticket kostet 50 Rubel, die Menschen stehen in einem Überlebenskampf, denn die Kosten für Wohnung, Wasser und Heizung steigen ständig.

Schmerzgrenze wäre erreicht, wenn Putin das Internet abschalten würde

Die Infoelite der Stadt denkt wie wir, im Hotel liegen englischsprachige Zeitungen aus mit kritischer Berichterstattung über die Politik des Landes und die wirtschaftliche Lage. „Aber wer liest die?“, sagte der russische Gast, den ich zum Abendessen eingeladen habe. Für ihn, einen bei einer internationalen Firma tätigen Betriebswirt, wäre die Schmerzgrenze erreicht, wenn Putin das Internet abschalten lassen würde. „Dann müsse man sich überlegen, ob man geht“. Russland hat seit 1990 viele Menschen verloren, eine Millionen gingen nach Israel, viele junge Mädchen und Frauen in die USA, zehntausende nach Berlin, wie schon in den 1920er Jahren, als die deutsche Hauptstadt eine große russische Gemeinde hatte.

Von der Bevölkerung, so mein Eindruck, hat Putin nichts zu befürchten. Sie steht mit 85 Prozent Zustimmung hinter seiner Politik. Und wer er an ihre Fähigkeit appelliert, die sie im Kampf gegen Napoleon, im existenzbedrohlichen Krieg gegen Hitlerdeutschland gezeigt hat, Gefahren zu widerstehen, den Gürtel notfalls enger zu schnallen, wird sie ihm folgen. Russland, ein Land mit wunderbaren Menschen, wie viele Einzelgespräche zeigen, aber auch ein zum Unglück neigendes Land.