Muhammad Iqbal - eine Brücke zwischen Orient und Okzident

Dass an dem Satz des ehemaligen Bundespräsidenten Wulffs „Muslime gehören auch zu Deutschland“ prompt eine öffentliche Kontroverse entbrannte, verdeutlicht, dass muslimisches Leben und Wirken in Deutschland noch längst nicht allseits gewürdigt wird. Zum Einen herrscht großes Misstrauen der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Muslimen. Zum Anderen besteht aber auch ein Mangel an Selbstbewusstsein unter den Muslimen. Eine Ursache dafür könnte darin liegen, dass die in Deutschland lebenden Muslime nicht an eine gefestigte deutsch-muslimische Tradition anknüpfen können. Sie kennen kaum viele herausragende Persönlichkeiten, die sich zum Islam bekannt, in Deutschland gewirkt und dabei Großes auf den Gebieten der Politik, Kultur und Wissenschaften geleistet haben. Die Muslimische Studierendengruppe Heidelberg (MSG) will das ändern.

„Diese Menschen hat es gegeben und es gibt sie heute immer noch. Umso wichtiger ist es, ihr Leben und Wirken wieder zu entdecken und der Öffentlichkeit bekannt zu machen, um eine deutsch-muslimische Tradition zu beleben, Identität zu stiften und Integration zu fördern“, sagen die Mitglieder der MSG.

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In Heidelberg leben Menschen aus 80 Nationen; jedes Jahr strömen 5500 internationale Studierende in die weltoffene Stadt am Neckar, um an der international anerkannten Universität zu studieren. Vor über 100 Jahren zog es auch Muhammad Iqbal, den persischsprachigen Dichter und Mystiker indischer Abstammung, hierher. Seitdem gehört er zur Geschichte der Stadt und der Universität und prägt beide bis heute.

Die Erinnerung an den muslimischen Poeten, Philosophen und Politiker Muhammad Iqbal, der heute als Nationaldichter Pakistans gilt, eignet sich in besonderer Weise, eine deutsch-muslimische Tradition zu beleben. Während seines Aufenthalts in Heidelberg und München lernte er Deutschland kennen und lieben und entwickelte eine große Verehrung für Deutschlands Dichter und Denker, insbesondere für Goethe.

Eine Identifikationsfigur

Nicht ohne Grund ist in Heidelberg ein Bereich des Neckar-Ufers nach ihm benannt, womit die altehrwürdige Universitätsstadt ihren berühmten ehemaligen Studenten ehrt. „Wir als muslimische Studierende in Deutschland sehen Muhammad Iqbal als eine Identifikationsfigur. Iqbal war nicht nur islamischer Philosoph und Schriftsteller, sondern vor allem eine Brücke zwischen dem Orient und dem Okzident, zwischen islamischer und nicht-islamischer Welt, so wie wir es auch sind. Iqbal war ein muslimischer Studierender in Deutschland – so wie wir. Er war begeistert von Goethe, dessen Werke auch mich zu einem großen Teil zum Studium der Germanistik verleitet haben. Ich glaube, dass wir mit unserem Projekt Wissen über den Islam mit der Heidelberger Kultur sehr gut verbinden können, so wie wir selbst in einer deutsch-islamischen Welt leben“, macht Vorstandsmitglied Sarah Hassani kenntlich, als es um die Frage geht, inwiefern es sich lohnt, Muhammad Iqbal zum Thema zu machen.

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„Ich unterstütze das Muhammad-Iqbal-Projekt, weil dieses Projekt die Gelegenheit gibt, meine muslimische Identität in den Kontext mit der Stadtgeschichte meiner Wahlheimat Heidelberg zu setzen. Auf diese Weise könnte eine deutsch-muslimische Tradition vor Ort entstehen. Hoffentlich kann unser Projekt Muslime in anderen Städten Deutschlands inspirieren, ähnliche Wege zu gehen“, so Fadil Minden, ein weiteres Vorstandsmitglied der MSG.

Anlässlich seines 75. Todestags möchte die Muslimische Studierendengruppe Heidelbergs zusammen mit Kooperationspartnern aus der regionalen Politik, Kultur und Wissenschaft über das Jahr 2013 verteilt mit diversen Events (Vortragsreihen, Ausstellungen, Lesungen etc.) an den muslimischen Philosophen Muhammad Iqbal und besonders an sein Leben und Wirken in Heidelberg erinnern. Es handelt sich hierbei um ein gemeinschaftliches Projekt, das den Bürgerinnen und Bürgern die Gelegenheit bietet, deutsch-muslimische Geistesgeschichte neu zu entdecken und interkulturellen Austausch wertzuschätzen, was einer gemeinsamen Identitätsbildung förderlich ist.