Im zweiten Teil unseres Interviews mit dem Vater von Muhammet Eren sprachen wir über das Recht auf Leben, die riesige Kraft seines Sohnes und wie dessen Leben und Tod Tausende Menschen verändert hat. Der Zweijährige hat in Deutschland und in der Türkei Menschen nicht nur zum Nachdenken gebracht, sondern verändert. Ich habe mich entschieden Organspender zu werden und bin überzeugt, dass diesen Schritt noch viele Andere machen werden – Deutsche und vor allem Türken.

Denken Sie, dass Muhammet Eren Menschen verändert hat?

Muhammet Eren hat uns viel Energie gegeben. Nicht nur uns, sondern auch vielen anderen Menschen. Das haben Tausende Menschen uns mündlich und schriftlich mitgeteilt. Einige waren so fasziniert von unserem Sohn, dass ein Wald bei Izmir zu Ehren von Muhammet Eren errichtet wird. Ein anderer hat die Organe seines Kindes gespendet, weil er von Muhammet Eren inspiriert wurde. Auf der Facebookseite unseres Sohnes machen wir immer wieder auf ähnliche Schicksale aufmerksam. Zuletzt wurde für die Operation eines Kindes ein Aufruf zum Spenden gestartet. In 17 Stunden wurden die benötigten 45.000 TL eingesammelt. Vielleicht hatte Muhammet Eren eine Mission. Er hat diese erfüllt und ist dann von uns gegangen.

Gibt es noch andere Beispiele?

Wir haben zufällig eine Familie in Istanbul kennengelernt, die aus südöstlichen Stadt Batman stammt. Sie leben in sehr ärmlichen Verhältnissen und haben ein Kind mit Down-Syndrom. Inzwischen bekommt die Familie jeden Monat zwischen anderthalb und zwei Tausend TL durch spenden. Heute Morgen noch habe ich mit der Familie gesprochen. Sie haben Besuch von einer Familie aus Deutschland bekommen. Sie haben zum Beispiel wichtige medizinische Schläuche bezahlt, die das Kind zum atmen braucht. So was ist sehr schön.

Wie denken Sie über die Zukunft?

Es gibt so vieles, was getan werden muss. Es gibt Armut, es gibt Krankheiten, noch schlimmer ist es, wenn Kinder krank sind. Die Familie aus Batman ist eines der Beispiele. Die Familie hat nicht nur gegen die Armut anzukämpfen, sondern auch gegen die schwere Krankheit ihres Kindes Mustafa. Sein Vater bedankt sich jedes Mal. Es wäre natürlich viel besser, wenn man hier etwa nachhaltige Lösungen finden könnte.

Was würden Sie verändern wollen?

Wenn sich das Transplantationsgesetz ändern könnte, so dass jeder, der auch ein Organ braucht, die Chance erhält, eines zu bekommen, dann haben wir schon viel erreicht. Jeder sollte auf die Liste für ein Spenderorgan kommen, wenn er es benötigt. Natürlich ist das dann keine Garantie, dass man auch das benötigte Organ bekommt. Aber der Betroffene hatte zumindest die Chance dafür erhalten. Wenn wir darüber hinaus noch aufklären konnten, wie wichtig Organspende ist und es jetzt noch mehr Spender gibt, dann wäre das ein Erfolg.

Gibt es noch andere Dinge, die Sie ändern möchten

Kinder beeindrucken mich sehr. Sie sind etwas Besonderes. Je mehr Kinder wir retten können, umso besser. Natürlich sind unsere Möglichkeiten beschränkt. Wir sind nicht sehr reich aber wir versuchen etwa auf der Facebookseite von Muhammet Eren über Bedürftige zu informieren und zu Spenden aufzurufen.

Lassen Sie uns über das Thema Organspende sprechen. Hat sich diesbezüglich etwas verändert?

Ich kenne ein Krankenhaus in der Türkei, das in einem Jahr nur drei Herztransplantationen durchgeführt hat. Alleine vorletzten Monat wurde dort die selbe Menge an Transplantationen durchgeführt, wie sonst in einem gesamten Jahr. Die Menschen dort bedanken sich heute bei Muhammet Eren. Auch in Deutschland haben sich viele Menschen durch Muhammet Eren dazu inspirieren lassen, Organspender zu werden.

Wie bewerten Sie das Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt?

Ich sehe es positiv. Die Frage die sich jetzt stellt, was können wir mit dem Urteil bewirken? Eine andere Frage die lautet, warum wurden alle Maßnahmen getroffen, wenn das Kind nicht auf die Liste für ein Spenderherz kommen sollte? Wir müssen jetzt mit unseren Anwälten über das weitere Vorgehen nachdenken.

Lassen Sie uns etwas zurückgehen. Welche Momente sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Es gab im Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) noch ein anderes herzkrankes Kind, das aus dem Ausland kam und auf ein Spenderherz gewartet hat. Max (Name von der Redaktion geändert) hatte im Gegensatz zu Muhammet Eren keinen Gehirnschaden. Als wir darauf bestanden haben, dass Muhammet Eren auf die Liste für ein Spenderherz kommt, hat man uns die Frage gestellt, ob es nicht besser wäre, wenn Max ein Spenderherz bekommt. Max könne schließlich laufen und springen und Muhammet Eren nicht. Es gebe also Kinder, die für ein Spenderherz „geeigneter“ seien. Für mich und meine sollten aber beide ein Spenderherz bekommen. Für Max wurde dann auch ein Spenderherz gefunden. Bei der Transplantation entstanden aber Komplikationen, so dass dieses Kind drei bis vier Tage später sterben musste. Wir sehen dabei, dass die Entscheidung einem „gesunden“ Kind das Spenderherz zu transplantieren nicht automatisch heißt, dass es auch überlebt.

Kannten Sie die Familie?

Als sich das UKGM geweigert hat Muhammet Eren auf die Liste für ein Spenderherz zu setzen, haben wir vor dem Klinikum protestiert. Bis zu unserem Protest vor dem Klinikum kamen wir gut miteinander aus. Danach haben sich viele von uns abgewendet – auch Familien von anderen Patienten. Das hat zu der Zeit besonders meine Frau belastet.

Herr Dönmez, wir danken Ihnen für das Gespräch.